Statt Vorlesen

Ohne dieses Einschlafritual sollten Eltern ihre Kinder nicht ins Bett bringen

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Ein Vater und Psychologe sorgt mit einer „sektenartigen“ Erziehungsmethode für Aufsehen. BuzzFeed News Deutschland hat mit ihm gesprochen.

„Ihr Süßen, wollt ihr mir noch einmal nachsprechen?“, fragt in einem TikTok-Video ein Vater seinen Sohn und seine Tochter. Ein leises „Ja“ erklingt. „Ich bin ein Geschenk für die Welt“, sagt er. Seine Kinder wiederholen die Worte. „Ich mag mich. Ich bin schlau, ich bin schön, ich bin immer gut genug. Mama und Papa lieben mich“, geht es nacheinander weiter.

Mit zwei Millionen Aufrufen ist das Video eines der erfolgreichsten TikToks des Social-Media-Coachs und Psychologen Ramón Schlemmbach aus Schwerin. „Warum muss ich jetzt heulen?“, fragt eine Frau in den Kommentaren. Eine andere nennt den Vater „toll und liebevoll“. „Hätte ich das als Kind gehört, hätte es so viel geändert“, kommentiert eine weitere. „Was wäre die Welt für ein schöner Ort, wenn alle Eltern ihren Kindern das vor dem Schlafen sagen könnten?“

Sicher ein besserer, sagt der Kindheits-Prägungs-Experte im Gespräch mit BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Er sei nicht der Meinung, dass alle Eltern zwingend solch ein Einschlafritual praktizieren müssen, aber er ist sich sicher, dass es viele Kinder „ein Leben lang positiv prägen“ könnte.

@ramonschlemmbach Dinge, die ich meinen Kindern jeden Abend vorm Schlafengehen sage 💤❤️ Welche Affirmationen gebt ihr euren Kindern weiter? #familie #kinder #affirmationen #shortreel ♬ Love Of My Life - Metrow Ar

Zweifacher Vater und Psychologe sieht „enorme Chance“ in einem Einschlafritual

Der zweifache Vater startete das Einschlafritual, als sein Sohn etwa anderthalb Jahre alt war. Schlemmbach begann nach dem Vorlesen mit ihm gemeinsam Sätze wie: „Ich mag mich“ oder „Ich schaffe, was ich mir vornehme“ zu affirmieren. Heute, mit sieben Jahren, sei er fast ein wenig zu alt dafür. Seine vierjährige Schwester jedoch liebe das Ritual, erzählt der Psychologe.

In der Psychologie sei gut belegt, dass positive Affirmationen und Manifestationen wirken können. Eine andere Psychotherapeutin erklärt bei BuzzFeed News Deutschland, dass sie diese sogar in ihrer Therapie nutze, um den Selbstwert von Patienten und Patientinnen zu steigern. Das Problem: „Affirmationen helfen Erwachsenen oft nicht, weil ihnen tiefere Prägungen aus der Kindheit im Weg stehen.“

„Kinder dagegen sind wie ein unbeschriebenes Blatt“, sagt Schlemmbach. „Wenn wir sie oft genug mit positiven Gedanken konfrontieren wie ‚Ich glaube an mich‘ oder ‚Wenn etwas nicht klappt, probiere ich es nochmal‘, dann nehmen sie das als selbstverständlich an, saugen es auf wie ein Schwamm. Darin liegt eine enorme Chance.“

Nach dem Vorlesen empfiehlt ein Psychologe Eltern ein besonderes Einschlafritual. Bei seinen eigenen Kindern praktiziert er es schon seit Jahren. (Symbolbild)

„Zu viel Selbstbewusstsein“: Haben positive Affirmationen bei Kindern Nachteile?

TikTok-Nutzer fragen sich unter Schlemmbachs Video, ob die Affirmationen auch negative Auswirkungen haben. „Bestimmt gut gemeint, kann aber trotzdem nach hinten losgehen. Spätestens, wenn die brutale Realität kommt“, kommentiert ein Nutzer. Ein anderer fragt den Psychologen, ob es eventuell auch negative Auswirkungen haben könnte, wenn Kinder durch solch ein Einschlafritual so sehr beeinflusst würden und vielleicht „zu viel Selbstbewusstsein“ entwickelten.

Dahinter vermutet Schlemmbach die Sorge, dass mit zu viel Selbstbewusstsein Überheblichkeit oder Arroganz einhergehe. Doch dies sei nicht der Fall. „Wahres Selbstbewusstsein hat nichts mit Arroganz zu tun. Ein Mensch, der wirklich in sich ruht, hat keine Notwendigkeit, andere herabzusetzen. Im Gegenteil: Er wird andere eher mit Respekt behandeln.“ Und: „Wir beeinflussen unsere Kinder die ganze Zeit. Warum also nicht auf eine positive Art und Weise?“

Ja, es sei „eintrichternd“, und ja, es sei „wie Beten“. „Vielleicht sogar sektenartig“, sagt Schlemmbach BuzzFeed News Deutschland. „Aber die Frage ist doch: Will ich von einer Sekte beeinflusst werden, die mir sagt, dass ich mich klein machen soll und mein Leben lang Rechnungen zahlen muss, während ich unglücklich bin? Oder lieber von einem ‚gebetsartigen Mantra‘, das mir vermittelt: ‚Du kannst dein Leben gestalten, wie du möchtest. Du bist wertvoll.‘“

Rubriklistenbild: © Cavan Images/IMAGO

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