„Ganz viel Wut und Scham“

Therapeutin erklärt, woran wir die zwei Arten von Narzissten sofort erkennen

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„Dass das Narzissmus war, habe ich erst viel später verstanden“: Eine Therapeutin nennt zwei Arten von Narzissten und wie sie sich unterscheiden.

„Auf eine Art sind wir alle Narzissten“, sagt die systemische Therapeutin Britta Papay BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Sie selbst sei es jedenfalls. Deswegen beschäftigt sie sich auch seit zehn Jahren intensiv mit Narzissmus, klärt darüber in sozialen Medien auf und gibt Tipps, wie Narzissten und Narzisstinnen (etwa beim Dating) erkennbar sind. Eine gesunde Portion Narzissmus sei erst einmal wie ein „positives Zugpferd“, das helfe, selbstbewusst und erfolgreich durchs Leben zu gehen.

„Problemtisch wird es, sobald ich mich über andere stelle“, sagt sie. „Es ist wie beim Salz: Eine Prise ist gut, aber wenn der Salzstreuer auskippt, ist es ungenießbar.“ Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung spreche man von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Viele Narzisstinnen und Narzissten seien nicht so einfach zu erkennen. Am 25. März 2025 ist ein Buch von Papay erschienen über diese „verkappten Narzissten“ und darüber, „wie wir sie enttarnen und ihnen die Macht nehmen“.

Narzissmus erkennen: Was „Mosting“ damit zu tun

Papay erzählt, wie sie früher die eigene Herkunft (sie stammt aus einer baltischen Herrschaftsfamilie) genutzt hat, um sich über andere zu stellen und sie zu manipulieren. „Dass das Narzissmus war, hab ich erst viel später verstanden“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland. Das Problem sei nicht etwa, dass Narzissten und Narzisstinnen ein zu niedriges oder zu hohes Selbstwertgefühl hätten, wie viele denken würden, sondern ein wahnsinnig instabiles.

„Das Selbstwertgefühl von Narzissten ist fragil, wie ein Luftballon, der beim kleinsten Piekser in sich zusammenfällt“, sagt Papay. In narzisstischen Menschen stecke „tief versteckt ganz viel Wut und Scham“, oft auch in der Kindheit begründet. Um diese Scham zu verstecken, würden Narzissten schon als Kinder beginnen, ihre Umgebung zu manipulieren. Das könne auf zweierlei Arten passieren. Man unterscheide hier zwischen vulnerablem und grandiosen Narzissmus.

Einen grandiosen Narzissten, häufig Männer, enttarnt in den Anfängen einer Beziehung beispielsweise sein exzessives Überhäufen mit Komplimenten, Aufmerksamkeit und Geschenken, was umgangssprachlich auch als „Mosting“ bezeichnet wird. Später in der Beziehung nennt er seine Frau dann „Moppelchen“, macht sie klein. Dieses „Lovebombing und Einlullen“ und spätere Fallenlassen sieht die Therapeutin auch bei Friedrich Merz. „Er hat die Maske fallen lassen, und nun erkennen wir den Narzissten in seiner ganzen Pracht.“

„Narzissten ziehen einander an“: Therapeutin über den „Narzissmus-Tango“ in Beziehungen

Vulnerable Narzisstinnen, häufig Frauen, fänden eine gewisse Befriedigung darin, „aufopfernd“ zu sein und sich durch diese Rolle aufzuwerten. „In dieser Opferhaltung richten sie sich ein“, sagt Papay BuzzFeed News Deutschland. In Beziehungen gerieten sie oft an grandiose Narzissten, nehmen die „komplementäre Rolle“ ein. Die Expertin nennt diese „Täter-Opfer-Dynamik“ den „Narzissmus-Tango“.

Narzisstische Menschen suchten sich immer Menschen, die ihnen das Gefühl geben, besonders zu sein. „Wer ein gesundes Selbstwertgefühl hat, der hat darauf keinen Bock“, sagt Papay. „Deswegen ziehen Narzissten einander an, weshalb man sich selbst hinterfragen sollte, wenn man bemerkt, dass man an jemanden mit narzisstischen Zügen geraten sei.“ Die gute Nachricht sei, dass man Narzissten zwar nicht von außerhalb reparieren könne, sie sich aber selbst mithilfe von Therapie – wenn sie es wirklich wollten.

„Man kann lernen, kein Arschloch zu sein“, sagt die Therapeutin. „Als Kind ist überbordender Narzissmus eine Überlebensstrategie. Als Erwachsene brauchen wir ihn nicht“, sagt Papay. Sie habe erst lernen müssen, dass sie andere nicht abwerten oder manipulieren müsse. „Dass ich authentische Beziehungen eingehen kann, indem ich mich der Scham, meiner dunklen Seite, die mich zur Manipulation gebracht hat, gestellt habe.“

Rubriklistenbild: © Westend61/IMAGO

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