„Langfristige Auswirkungen“

Trend an deutschen Kitas schadet dem späteren Erfolg der Kinder

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Ein Experte beobachtet ein „zunehmendes Phänomen“ bei Kita-Kindern, das ihre gesamte Schulkarriere beeinflusst. Er erklärt, was ein Nachbarland besser macht.

In deutschen Kitas kriselt es gewaltig. Es fehlen laut einer Untersuchung des Paritätischen Gesamtverbands etwa 125.000 Erzieherinnen und Erzieher. Diejenigen, die dort arbeiten, sind stark belastet. Die Kinder „verlieren Halt und Struktur“, kritisiert ein Vater, ein anderer nimmt aufgrund des häufigen Notbetriebs sein Kind wieder aus der Kita.

Dabei haben Kitas eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung der Kinder, denn schon vor der Grundschule entstehen Grundlagen, die über den späteren Bildungserfolg bestimmen. „Kita-Kinder lernen nebenbei – durch den Alltag. Das heißt dann auch, dass die pädagogische Qualität dieses Alltags von zentraler Bedeutung ist“, sagt Stefan Faas BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Er ist Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt frühkindliche Bildung an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd und wissenschaftlicher Vorstand der Pädquis-Stiftung. 

Kinder verbringen heute oft mehr Zeit in der Kita als früher, was die Bedeutung für die Entwicklung noch erhöhe. Aktuell könne aber nicht davon ausgegangen werden, dass die pädagogische Qualität in Kitas immer den Erfordernissen entspreche. „Das hat langfristig Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern. Besonders stark zeigt sich das im Bereich der sprachlichen und kognitiven Entwicklung, aber auch im sozial-emotionalen Bereich“, sagt Faas.

Viele Kinder hätten Bedarf, aber werden in Kitas nicht ausreichend gefördert.

„Vor allem Anweisungen“: Was mangelnde Qualität in Kitas mit den Kindern macht

Es gebe zwar wenig Informationen über die tatsächliche Qualität in Kitas, aber zu viele Kinder hätten zu Schulbeginn nicht die Kompetenzen, die sie eigentlich bräuchten – insbesondere im sprachlichen Bereich, weiß Faas. Eine Ursache dafür ist der Personalmangel: „Wenn zu wenig ausgebildetes Personal in den Einrichtungen ist, ist eine dialogorientierte Sprachförderung der Kinder nicht möglich, weil den Fachkräften die Zeit für das einzelne Kind fehlt“, sagt Kathrin Bock-Famulla, Expertin für frühkindliche Bildung bei der Bertelsmann Stiftung, BuzzFeed News Deutschland.

Entsprechende Sprachanlässe könnten nicht geschaffen werden und die sprachliche Interaktion konzentriere sich „vor allem auf Anweisungen an die Kinder“, sagt sie. Fatal, denn Kinder entwickeln in den ersten Lebensjahren grundlegende sprachliche Kompetenzen, erklärt Faas. Dazu zählen zum Beispiel Wortschatz, Grammatik und die Fähigkeit, Sprache zu nutzen, um Ziele zu erreichen.

Um die Sprachentwicklung der Kinder im Kitaalltag zu fördern, müssen Pädagogen wissen, welchen Bedarf jedes einzelne Kind habe. Das beginne mit einer Sprachstandserhebung und setze eine gezielte Förderplanung voraus – was nur wenige Kitas systematisiert hätten.

„Betrifft ein Drittel“: Immer mehr Kinder in der Kita haben Sprachförderbedarf

Anlass für eine solche gezielte Förderplanung gibt es genug: „Untersuchungen, wie Einschulungsuntersuchungen in Baden-Württemberg, zeigen, dass im Durchschnitt 30 Prozent der Kinder intensiven Sprachförderbedarf haben – je nach Region auch mehr. Das betrifft also nicht nur wenige Kinder, sondern ein Drittel“, sagt Faas BuzzFeed News Deutschland.

Häufig werde versucht, den Sprachförderbedarf durch zusätzlich Angebote wie Kleingruppenförderung zu lösen. Das sei wichtig, reiche aber nicht aus. „Kinder brauchen eine sprachlich anregungsreiche Umgebung, den ganzen Tag über. Wenn uns das nicht gelingt, kommen die Kinder mit Defiziten in die Schule, die sie dann ihre gesamte Schulkarriere begleiten“, warnt Faas.

Bessere Kitas in den Niederlanden und England – Deutschland muss umdenken, fordert Experte

Es sei ein zunehmendes Phänomen, dass Kinder Sprachförderbedarf haben. Das hänge mit der Zunahme von Migration zusammen, aber nicht nur. Auch Kinder aus Familien mit „unzureichender sprachlicher Anregungsqualität“ hätten zusätzlichen Bedarf. Der Nationale Bildungsbericht etwa zeigt, dass Kinder, denen zu Hause mehrmals täglich vorgelesen wurde, einen umfangreicheren Wortschatz aufweisen als Kinder, denen höchstens einmal in der Woche vorgelesen wurde.

Studienergebnisse zeigen, dass in Deutschland die Qualität in Kitas schlechter ist, je mehr Kinder mit Migrationshintergrund dort betreut werden. Ein Blick ins Ausland zeigt, dass es auch anders geht. In den Niederlanden oder England sei die Qualität in solchen Kitas besser, weil sie gezielt mehr Ressourcen erhalten. „Das zeigt, dass wir in Deutschland umdenken müssen“, fordert Faas.

Rubriklistenbild: © Pond5 Images/Imago

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