- VonCarmen Mörwaldschließen
Die Aktivrente soll einen Anreiz bieten, um über das gesetzliche Rentenalter hinaus zu arbeiten – und damit die Wirtschaft beleben. Doch es gibt einen Haken.
München – Der deutsche Arbeitsmarkt ist angespannt. Es werden händeringend Fachkräfte gesucht, gleichzeitig bauen Unternehmen bundesweit Stellen ab. Laut dem ifo Institut für Wirtschaftsforschung gibt es in allen zentralen Industriebranchen mehr Entlassungen als Neueinstellungen. „Der Arbeitsmarkt kommt nicht aus der Krise“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen. „Die stagnierende Wirtschaft lässt die Unternehmen bei den Personalplanungen vorsichtig agieren.“
Eine zentrale Baustelle der schwarz-roten Koalition aus CDU, CSU und SPD ist daher, die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen und dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. Helfen soll die Aktivrente, die zum 1. Januar 2026 in Kraft tritt. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums (BMF) können Rentner damit nach Erreichen der Regelaltersgrenze bis zu 2000 Euro im Monat steuerfrei hinzuverdienen. Allerdings ist die Lösung nicht ganz so einfach, weiß eine Expertin.
Expertin kritisiert Aktivrente – „Kein Instrument zur Lösung der Herausforderungen am Arbeitsmarkt“
Auf einem Arbeitsmarkt, in dem große Unternehmen wie Lufthansa, Bosch und Porsche den Rotstift ansetzen, kann zusätzlicher Stellenwettbewerb durch die geplante Aktivrente die Lage weiter verschärfen. Eine Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln hatte zuletzt außerdem ergeben, dass 36 Prozent der Unternehmen planen, im kommenden Jahr Stellen zu streichen. Laut IW-Arbeitsmarktökonom Holger Schäfer sei die „gesamte Wirtschaft“ betroffen.
Auch Michaela Engelmeier, Vorstandsvorsitzende des Sozialverbands Deutschland (SoVD), ist sich der Problematik bewusst. „Die Aktivrente ist aus Sicht des SoVD kein zentrales Instrument zur Lösung der aktuellen Herausforderungen am Arbeitsmarkt“, moniert sie auf Anfrage des Münchener Merkur von Ippen.Media. „Statt gezielte Maßnahmen zur Fachkräftesicherung zu fördern, besteht die Gefahr, dass ältere Beschäftigte länger im Erwerbsleben verbleiben, während jüngere oder arbeitssuchende Menschen aus bestimmten Segmenten verdrängt werden.“ Gleichzeitig hat die Gen Z mit alarmierenden Rentenprognosen zu kämpfen.
Aktivrente kommt Rentnern zugute – doch nicht alle können profitieren
SoVD-Vorstandsvorsitzende Engelmeier sieht noch ein weiteres Problem mit der Aktivrente: „Sie adressiert vor allem eine kleine Gruppe gesunder und gut situierter Personen, die ohnehin über die Regelaltersgrenze hinaus arbeiten würden. In vielen Branchen fehlen altersgerechte Arbeitsplätze oder tarifliche Regelungen, die eine Weiterbeschäftigung ermöglichen.“
Ähnlich sieht es Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland. Sie betont gegenüber unserer Redaktion zudem, die Aktivrente begünstige Gesunde, während viele Ältere mit Behinderung, Krankheit oder Pflegeverpflichtungen nicht länger arbeiten könnten. Betroffene werden demnach mehrfach benachteiligt: „Durch Abschläge bei einem früheren Renteneintritt oder einer Erwerbsminderung sowie einer tendenziell kürzeren Lebenserwartung. Zudem können sie die Vorteile aus parallelem Rentenbezug und Erwerbsarbeit oft nicht nutzen.“ Bereits zuvor hatte der VdK kritisiert, dass von der Aktivrente nicht jeder profitiert.
„Kurzfristig verbessert die Aktivrente zwar die Einkommenssituation für diejenigen, denen es gut geht und die über die Regelaltersgrenze hinaus arbeiten möchten – oder müssen, weil ihre Rente nicht reicht“, erklärt VdK-Präsidentin Bentele. Der Verband fordere daher von den Arbeitgebern und der Merz-Regierung ein Aktionsprogramm für gute und gesunde Arbeit für ältere Beschäftigte. „Erst wenn sich die Arbeitsbedingungen für ältere Beschäftigte spürbar verbessern und mehr Menschen tatsächlich die Regelaltersgrenze erreichen, können sich die Chancen auf längeres Arbeiten gerechter verteilen“, so ihr Fazit.
Laut dem BMF belohne die Aktivrente das freiwillige Weiterarbeiten über das gesetzliche Rentenalter hinaus. Rentner würden so mit bis zu 890 Millionen Euro jährlich entlastet. Ein Experte erklärt anhand einer Beispielrechnung den optimalen Nutzen. (Quellen: eigene Recherche, Bundesministerium für Finanzen, dpa, ifo Institut für Wirtschaftsforschung) (cln)
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