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Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf geht angesichts der aktuellen Lage von einem Stellenabbau und weiteren Auslandsverlagerungen im kommenden Jahr aus.
Stuttgart/Berlin - Noch immer belasten die hohen Kosten für Energie, Rohstoffe und Personal auf der einen und der akute Fachkräftemangel auf der anderen Seite die deutsche Wirtschaft. Da die Wirtschaft in Deutschland vor allem von der Automobilindustrie und dem Maschinenbau getragen wird, sind diese Branchen besonders betroffen. Eine Umfrage des Interessensverbands Südwestmetall kam zum Ergebnis, dass die Unternehmen in Baden-Württemberg bereits mit weniger Personal planen. Zudem verlagern aus Kostengründen immer mehr Firmen Produktionsschritte ins Ausland, oder siedeln Zukunftstechnologien neu dort an. Bulgarien ist für deutsche Unternehmen aktuell besonders lukrativ.
Da die hohen Kosten nicht nur die Hersteller selbst betreffen, sondern auch die Kunden und Konsumenten, gehen auch die Aufträge immer weiter zurück. Laut Stefan Wolf, dem Präsidenten des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, wird sich das auch im kommenden Jahr nicht ändern. Die deutsche Wirtschaft laufe auf eine „echte Problemlage“ zu, erklärte der in Oberndorf am Neckar (Baden-Württemberg) geborene Unternehmer im Gespräch mit der Bild am Sonntag. Er rechne für 2024 deshalb mit weiterem Stellenabbau und Verlagerungen ins Ausland in der Metall- und Elektroindustrie.
Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf sieht keine Besserung für 2024 – „Schlechte Auftragslage ist ein Grund“
Für die Annahme, dass die aktuellen Probleme in der Wirtschaft auch im kommenden Jahr nicht besser werden, hat der Gesamtmetall-Chef mehrere Gründe. „Die schlechte Auftragslage ist ein Grund dafür“, sagte Stefan Wolf. „Ein anderer: Für immer mehr Unternehmen ist es inzwischen deutlich attraktiver, die Produktion ins Ausland zu verlagern.“ Neben dem bereits angesprochenen Bulgarien – Autozulieferer Eberspächer baut dort aktuell beispielsweise eine neue Fabrik – sind auch osteuropäische Länder wie Serbien, wo die ZF Friedrichshafen unter anderem investiert, beliebt. Grund dafür sind neben niedrigeren Kosten auch deutlich niedrigere Steuersätze.
| Name | Gesamtverband der Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektro-Industrie e. V. |
|---|---|
| Gründung | 1890/Neugründung 1949 |
| Sitz | Berlin, Berlin |
| Vorsitzender | Stefan Wolf (Präsident) |
| Branchenfokus | Metall- und Elektroindustrie |
| Hauptziel | Vertretung der Interessen der Metall- und Elektroindustrie in Deutschland |
| Mitglieder | 13 Tarifverbände, 8 Verbände ohne Tarifbindung |
Dass deutsche Unternehmen zunehmend im Ausland investieren, ist nicht neu. Laut VDA-Präsidentin Hildegard Müller gehen gerade die Investitionen der Autozulieferer „ins europäische Ausland oder in die USA“. Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf hat mit dem schwäbischen Traditionsunternehmen ElringKlinger aus Dettingen an der Erms viele Jahre lang selbst einen großen Autozulieferer geleitet. ElringKlinger profitiert als globales Unternehmen von der „Neuansiedlungen von Automobil- und Batterieherstellern in Europa genauso wie von dem Marktwachstum in Nordamerika und Europa“, wie ein Konzernsprecher gegenüber BW24 erklärt hatte. Einen Stellenabbau plant der Autozulieferer aber nicht, sondern sucht sogar neue Mitarbeiter.
Gesamtmetall-Chef kritisiert Olaf Scholz: „Ich schätze den Bundeskanzler, aber er führt nicht“
Obwohl ElringKlinger demnach nicht zu den Firmen gehört, die aufgrund der Lage aktuell Stellen abbauen müssen, ist das bei vielen Unternehmen auch in Baden-Württemberg der Fall. Laut dem Reutlinger IHK-Präsidenten wird der Stellenabbau „in größerem Umfang“ erst noch folgen. Dieser Ansicht ist eben auch Stefan Wolf. „Wir schlittern in eine Rezession, und ich sehe nicht, wie sich das unter den aktuellen Umständen 2024 ändern soll“, erklärte er der Bild am Sonntag. Verantwortlich dafür macht der Gesamtmetall-Präsident unter anderem auch die Politik und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). „Ich schätze den Bundeskanzler, aber er führt nicht“, machte er deutlich.
„Ein Kanzler muss die Dinge beim Namen nennen, seine Koalitionspartner auf ein gemeinsames Ziel einschwören und dann Lösungen umsetzen“, so Wolf weiter. „Das fehlt mir in dieser Regierung extrem.“ Zudem bemängelte der Gesamtmetall-Chef auch eine zunehmende Abkehr vom Leistungsprinzip in Deutschland und erklärte, bereits mit dem Begriff „Work-Life-Balance“ ein Problem zu haben. „Er sagt aus, Work ist schlecht, Life ist gut“, erklärte er. „Dabei sind Leben und Arbeit doch keine Gegensätze.“ „Work-Life-Balance finde ich fürchterlich“, hatte auch Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller erklärt und sich beispielsweise gegen die Einführung einer Vier-Tage-Woche ausgesprochen.
Rubriklistenbild: © Marijan Murat/dpa

