Verhandlungen gescheitert

Im ÖPNV drohen neue Streiks: Der aktuelle Stand für NRW

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Nach dem Scheitern der Tarifverhandlungen drohen im ÖPNV von NRW weitere Streiks. Dabei könnten auf Pendler bald sogar unbefristete Streiks zukommen.

Köln – Züge, Straßenbahnen und Busse stehen still. Dieses Bild bot sich den Menschen in NRW in den letzten Wochen immer wieder. Fast abwechselnd wurde bei der Deutschen Bahn oder im ÖPNV gestreikt. Zuletzt legte die Lokführergewerkschaft GDL mit ihrem bereits sechsten Bahnstreik die Züge der DB am Dienstag (12. März) lahm. Im ÖPNV von NRW streikte die Gewerkschaft Verdi am 5. und 6. März sogar zwei Tage lang.

Eine Einigung mit den kommunalen Verkehrsunternehmen ist derzeit nicht in Sicht und so drohen die Busse und Straßenbahnen in Städten, wie Dortmund, Essen und Köln auch in den kommenden Tagen und Wochen erneut stillzustehen. Zudem könnten bald sogar unbefristete Streiks stattfinden. Der aktuelle Stand der Tarifverhandlungen im ÖPNV von NRW im Überblick.

Wie ist der aktuelle Stand bei den Verhandlungen im ÖPNV?

Die Bahnen der KVB könnten bei einem erneuten Streik im ÖPNV abermals stillstehen (Archivfoto).

Die Tarifverhandlungen zwischen Verdi und den kommunalen Verkehrsunternehmen Nordrhein-Westfalens sind derzeit mehr als nur festgefahren. Am Dienstag (12. März) erklärte Verdi die Tarifverhandlungen im ÖPNV von NRW für gescheitert – und das nur einen Tag nach Beginn der dritten Verhandlungsrunde. Zugleich teilte die Gewerkschaft mit, dass das vorliegende Angebot der Verkehrsbetriebe keinen Spielraum für weitere Verhandlungen zulasse.

Stattdessen will Verdi die nächste Stufe zünden. „Wir werden eine Urabstimmung einleiten“, erklärte Verdi-Nahverkehrsexperte Peter Büddicker am Dienstag. Dabei soll noch vor Ostern über unbefristete Streiks entschieden werden. Mit der angekündigten Urabstimmung erhöht Verdi auch den Druck auf die Arbeitgeber.

Drohen neue Streiks im ÖPNV von NRW?

Ja, es könnte zu weiteren Streiks im ÖPNV kommen. Auch damit könnte Verdi den Druck auf die kommunalen Verkehrsunternehmen erhöhen, ein neues, besseres Angebot vorzulegen. Solange der Tarifstreit zwischen beiden Parteien andauert, sind neue Streiks nicht ausgeschlossen. Seit Beginn der Tarifverhandlungen legte Verdi bereits mehrmals den ÖPNV in zahlreichen NRW-Städten lahm.

Sollten die rund 30.000 Beschäftigen des ÖPNV, die von Verdi in NRW vertreten werden, in der Urabstimmung mehrheitlich für unbefristete Streiks stimmen, könnten Pendlerinnen und Pendler auf unbestimmte Zeit verlassen an Bus- und Straßenbahnhaltestellen stehen.

Wie lange könnte ein neuer Streik im ÖPNV dauern?

Das lässt sich vorab nur schwer abschätzen. In der Regel wird die exakte Dauer eines Streiks im ÖPNV von Verdi erst mit Ankündigung des Warnstreiks bekannt gegeben. Während der bisherigen Streiks legte Verdi den ÖPNV in NRW maximal über zwei Tage lang lahm. Mit unbefristeten Streiks könnte sich das jedoch ändern. Denn dann wären bedeutend längere Streiks möglich. So könnte Verdi beispielsweise für mehr als fünf Tage im ÖPNV streiken, was dem längsten Streik der GDL bei der Deutschen Bahn Ende Januar nahekäme.

Damit unbefristete Streiks im ÖPNV von NRW möglich sind, müssen in der von Verdi angekündigten Urabstimmung laut Gewerkschaft mehr als 75 Prozent der Mitglieder dafür stimmen. Im Falle der rund 30.000 Beschäftigen des kommunalen ÖPNV, die Verdi in NRW vertritt, müssten also mindestens etwas mehr als 22.500 Beschäftigte dafür stimmen. Ob Verdi im Falle eines entsprechenden Votums tatsächlich zu unbefristeten Streiks im ÖPNV aufruft, ist unklar.

Überraschender Platz 1: Das waren die längsten Streiks in Deutschland

KVB-Bahnen stehen still, dazwischen ein Banner mit „Wir sind es wert“
Ende Februar bis Anfang März 2024 sorgte eine große Streikwelle im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) über sechs Tage deutschlandweit für viele Ausfälle. Damit war der Verdi-Arbeitskampf insgesamt einer der längeren in der Branche. © Christoph Hardt/Imago
Ein leerer Hauptbahnhof München durch den GDL-Bahnstreik am 5. Mai 2015.
Durch den vorzeitigen Abbruch im Januar 2024 bleibt der GDL-Arbeitskampf vom Mai 2015 der längste Streik bei der Deutschen Bahn. Über fünf Tage lang war der Verkehr der Deutschen Bahn größtenteils lahmgelegt. Genauer gesagt fuhren im Personenverkehr 127 Stunden lang und im Güterverkehr sogar 138 Stunden lang kaum noch Züge. © Michael Westermann/Imago
Streikende anlässlich eines Protestes der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr. (21.05.1992)
Ende April bis Anfang Mai 1992 fanden sowohl im ÖPNV als auch bei der damals noch Deutschen Bundesbahn die bisher längsten Arbeitskämpfe auf der Schiene statt. Zwölf Tage am Stück gab es deutschlandweit massive Ausfälle bei allen Bussen, Straßenbahnen und anderen Zügen. Ausgangspunkt waren die damaligen Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst, denen sich auch die Bahngewerkschaften angeschlossen hatten. Der unbefristete Streik endet mit 5,4 Prozent höherem Einkommen für alle sowie mehr Urlaubsgeld. Im Vergleich zu manch anderer Branche war das aber eigentlich ein eher kürzerer Streik, wie schon das nächste Beispiel zeigt. © bonn-sequenz/Imago
Ärzte aus ganz Deutschland demonstrieren in Leipzig für mehr Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen
Am 1. März 2006 legten Ärztinnen und Ärzte an Universitätskliniken und Landeskrankenhäusern in ganz Deutschland ihre Arbeit nieder. Über 13 Wochen kämpften sie für einen eigenständigen Tarifvertrag zu Gehältern, Arbeitszeit und Arbeitszeitbedingungen. Nach 107 Tagen Streik einigte man sich am 16. Juni 2006 auf den ersten Ärztetarifvertrag überhaupt. © momentphoto/Bonss/Imago
Teilnehmer einer Demonstration des öffentlichen Dienstes in München
Parallel zur Ärzteschaft gab es 2006 auch einen langen Streik im öffentliche Dienst der Länder. Dabei ging es um ein neues Tarifrecht und vor allem die Verhinderung längerer Wochenarbeitszeiten. Erst nach 113 Tagen, also rund 16 Wochen, konnten sich Gewerkschaft und Bundesländer einigen. © Lindenthaler/Imago
Streikende bei einer Demo der IG Metall.
Einer der wegweisendensten Streiks in der Metallindustrie begann im Oktober 1956 in Schleswig-Holsten. Beim 114-tägigen (rund 16 Wochen) Arbeitskampf setzte die IG Metall die Fünftagewoche und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auch für Arbeiter durch. © IG Metall
Streik der IG Druck und Papier vor der Bundesdruckerei
1994 gingen die Beschäftigten der Druckindustrie in einen langen Streik. Nach 117 Tagen, also fast 17 Wochen, Arbeitskampf erzielte die Verdi-Vorläufergewerkschaft IG Druck zwei Prozent höhere Löhne. Etwa zehn Jahre zuvor hatten die Drucker bereits 87 Tage vergeblich für die 35-Stunden-Woche gestreikt. (Symbolbild)  © Sven Simon/Imago
Streikende stehen mit einem Transparent mit der Aufschrift „Wir machen Wind bei Vestas! Tarifverträge Jetzt!“ auf dem Kapstadtring in der City Nord.
Ganze 123 Tage, also über 17 Wochen, dauerte der Tarifstreit der IG Metall mit der deutschen Tochter des dänischen Windanlagenbauers Vestas. Obwohl nur wenige Beschäftigte an dem Arbeitskampf im Jahr 2023 beteiligt waren, war er dennoch erfolgreich. Es gab 5,4 Prozent mehr Lohn, eine Inflationsausgleichsprämie von 2750 Euro und Altersteilzeit. © Georg Wendt/dpa
DGB-Chef Sommer unterstützt Streikende von Gate Gourmet am Flughafen Düsseldorf (01.12.2005).
Rund 80 Beschäftigte legten von Ende 2005 bis 2006 beim Airline-Caterer „Gate Gourmet“ ihre Arbeit nieder. Insgesamt dauerte der Streik 26 Wochen, also rund sechs Monate. Unterstützung gab es unter anderem vom damaligen Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer (mittig). (Archivbild) © Felix Heyder/dpa
Sprengung in einem Granitsteinbruch in Hauzenberg.
301 Tage dauerte der längste Branchenstreik in Deutschland. 1991 und 1992 traten etwa 260 Arbeiter der Granitindustrie im Bayerischen Wald in den fast einjährigen Ausstand. Der regionale Konflikt um die Bewertung von Akkordlöhnen erhielt bundesweit aber kaum Aufmerksamkeit. (Symbolbild) © imagebroker/Bahnmüller
Streik und Fabrikbesetzung bei Seibel 1975 DEU, Deutschland, Erwitte
Der längste Arbeitskampf in der Geschichte von Nordrhein-Westfalen fand 1975 bis 1976 in Erwitte statt. Wegen drohender Kündigungen traten rund 150 Beschäftigte des Zementwerks Seibel & Söhne im März 1975 in einen Ausstand. Da dieser nicht von der Gewerkschaft getragen wurde, handelte es sich um einen „wilden Streik“, der letztlich 449 Tage andauerte. Der Fabrikant verweigerte die damals für Juni 1976 vereinbarte Wiederaufnahme der Arbeit. Weshalb die Produktion anschließend vor allem mit neuen Arbeitern weiterging. © Klaus Rose/Imago
Streikende Pflegekräfte vor der Asklepios-Klinik in Seesen.
Der wohl längste Streik in der deutschen Geschichte fand von 2019 bis 2020 an der Asklepios-Klinik in Seesen (Niedersachsen) statt. Über 66 Wochen, also rund 15 Monate, kämpften Pflegekräfte und Therapeuten für einen Tarifvertrag. Einen Haken hat der Rekord dann doch: Wegen der angespannten Corona-Lage wurde der Streik über Monate ausgesetzt. Letztlich ging er aber erst Ende 2020 richtig zu Ende. © Ver.di-Landesbezirk Niedersachsen-Bremen

Könnten Bahn und ÖPNV sogar am gleichen Tag streiken?

Theoretisch ja. Denn auch der Tarifstreit zwischen der GDL und der Bahn ist zurzeit festgefahren. Die GDL drohte deswegen zuletzt mit Wellenstreiks bei der Bahn. Diese sollen, anders als die bisherigen Streiks, deutlich kurzfristiger angekündigt werden. Den letzten Streik kündigte die GDL nur etwas mehr als 24 Stunden vor Beginn der Arbeitsniederlegung an.

Um einen maximalen Druck auf die Arbeitgeber auszuüben, könnten die GDL und Verdi daher auch zu einem zeitgleichen Streik aufrufen. Es wäre also denkbar, dass der Bahnverkehr und der ÖPNV an einem oder gar mehreren Tagen zeitgleich zum Erliegen kommen. Gänzlich neu wäre so ein Super-Streik nicht: Am 27. März 2023 legten Verdi und die GDL-Konkurrenzgewerkschaft EVG mit einem zeitgleichen Streik den Bahnverkehr und den ÖPNV lahm.

Können neue Streiks im ÖPNV noch abgewendet werden?

Ja, grundsätzlich können weitere Streiks im ÖPNV noch abgewendet werden. Dazu müssten sich allerdings die Gewerkschaft Verdi und die kommunalen Verkehrsunternehmen in NRW auf einen gemeinsamen Tarifvertrag einigen.

Was fordert Verdi für die Beschäftigten von Bus und Bahn in NRW?

Bei den aktuellen Verhandlungen befassen sich Verdi und die kommunalen Verkehrsunternehmen mit dem sogenannten Manteltarifvertrag. Verdi fordert dabei nicht mehr Lohn für die Beschäftigten, sondern grundsätzlich bessere Arbeitsbedingungen. Zu den Forderungen gehören unter anderem mehr freie Tage, ein identischer Ort für Arbeitsbeginn- und Arbeitsende sowie verschiedene Zulagen, beispielsweise für Schichten und Wechselschichten im Fahrdienst.

Inwiefern die Verkehrsunternehmen auf die Forderungen Verdis eingehen werden, bleibt abzuwarten. Neue Verhandlungen, sind nach dem vorzeitigen Abbruch der dritten Tarifrunde zunächst nicht geplant. Der Arbeitgeberverband KAV NRW hatte in den vergangenen Wochen auf einen engen Finanzspielraum und eine deutliche Gehaltserhöhung zum 1. März 2024 verwiesen, die vor längerer Zeit vereinbart worden sei. Derzeit stehen die Weichen auf Streik anstatt auf Einigung. Pendlerinnen und Pendler werden allerdings hoffen, dass es im Tarifstreit dennoch schnell zu einer Einigung kommt. Sonst droht im ÖPNV von NRW erneut Stillstand. (jr)

Rubriklistenbild: © Christoph Hardt/Imago

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