VonLars-Eric Nievelsteinschließen
Kein Tag verläuft ohne Insolvenzmeldungen. Die Gründe sind vielfältig. Experten sehen einen problematischen Rekord für Deutschland voraus.
Berlin – Die Insolvenzwelle rollt weiter. Erst vor wenigen Tagen hat es ein Klinikum in Saarlouis erwischt, einen Münchner Dienstleister, eine renommierte Porzellanfirma und ein Traditionsunternehmen aus Stuttgart. Ein Ende ist nicht in Sicht – im Gegenteil. Experten schlagen Alarm, dass die Insolvenzzahlen derzeit so hoch sind wie lange nicht mehr. Neue Untersuchungen zeigen die Schwere dieser Entwicklung.
„Höchstes Insolvenz-Niveau seit 20 Jahren“ – Untersuchung zeigt gefährliche Pleite-Entwicklung
„Die Insolvenzzahlen sind im Oktober nochmal gestiegen“, warnte Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung, gegenüber der WirtschaftsWoche. Im Vergleich zum Vormonat legte die Summe der Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften um fünf Prozent auf 1.553 zu. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das einen Anstieg um zwei Prozent; im langjährigen Durchschnitt zwischen 2016 und 2019 sind es gar 68 Prozent.
Damit steuere Deutschland auf einen mehrjährigen Insolvenz-Höchststand zu. „Wir erwarten das höchste Insolvenz-Niveau seit 20 Jahren“, gab der Experte dazu an. Im zweiten und dritten Quartal 2025 seien bei den Personen- und Kapitalgesellschaften Werte beobachtet worden, wie es sie zuletzt 2005 gegeben habe. Grundlage dieser neuen Erkenntnisse ist eine Analyse des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).
Das Statistische Bundesamt lieferte ähnliche Erkenntnisse und berichtete am 13. Oktober, dass auch in der generellen Wirtschaft eine ähnliche Entwicklung ersichtlich sei. Im September 2025 soll die Zahl der beantragten Regelinsolvenzen in Deutschland von September 2024 auf September 2025 um 10,4 Prozent gestiegen sein. Auch im Juli 2025 habe es deutlich mehr Insolvenzen gegeben als im Vorjahr.
Insolvenz-Welle rollt über Deutschland – Probleme sind vielfältig
Dabei stellt sich die Frage: Woran liegt das? Die Ökonomin Sandra Gottschalk vom ZEW in Mannheim machte hierfür die aktuellen weltpolitischen Krisen und die „tiefgreifenden strukturellen Marktveränderungen“ verantwortlich. Der demografisch bedingte Fachkräftemangel, Nachfolgeprobleme, zu viel Bürokratie und starke Konkurrenz seien nur ein paar der Gründe dafür, warum immer mehr deutsche Unternehmen aufgeben. Und dann gibt es zwischen den Branchen individuelle Problemfelder. Das Gastronomiegewerbe beklagt regelmäßig die Kostensteigerungen in der Branche, in der Industrie sind es die hohen Energiekosten, die die Unternehmen belasten.
Beunruhigend daran: Gottschalk zog bereits eine Parallele zur Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2009. „Ein ähnlich hohes Niveau wurde zuletzt in der Finanz- und Wirtschaftskrise beobachtet“, zitierte das Handelsblatt Gottschalk. Dabei handele es sich um komplette Unternehmensaufgaben, nicht nur um die Schließung einzelner Betriebsstätten.
Wer steht dabei besonders im Risiko? „Für viele kleine und mittlere Unternehmen sind neben der schwachen Nachfrage auch höhere Lohnkosten durch die stetige Anhebung des Mindestlohns und der Sozialabgaben eine große Herausforderung“, sagten die Insolvenzexperten Markus Schuster und Jürgen Erbe. Vor allem Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern sollen verstärkt die Tore schließen. 2024 gaben rund 4.000 solcher Betriebe auf – doppelt so viele wie in einem durchschnittlichen Jahr.
Unternehmen geben auf oder wandern ab – Regierung muss liefern
Die Regierung unter Friedrich Merz (CDU) versucht, mit verschiedenen Maßnahmen die Unternehmen in Deutschland zu stützen. Unter anderem stehen Steuererleichterungen und Abschreibungen bei der Beschaffung von Maschinen bevor. Auch hat die Regierung für das verarbeitende Gewerbe die Energiekosten gesenkt.
Allerdings leiden viele Branchen noch unter dem extremen Preisdruck aus China. Das Land produziert zu viel billigeren Kosten als Deutschland und hat den europäischen Markt mit einer wahren Produktflut überschwemmt. Sei es Photovoltaik, Textilien oder Pharma-Produkte – solange diese Produktflut nicht nachhaltig eingedämmt wird, wächst das Risiko für weitere Insolvenzen im Handel. (verwendete Quellen: WirtschaftsWoche, IWH, Handelsblatt, Destatis, DEHOGA)
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