VonAndreas Hößschließen
Die Skepsis gegenüber E-Autos zeigt sich auch auf dem Markt für Gebrauchtwagen. Stromer werden dort zum Ladenhüter, ihre Preise sind regelrecht abgestürzt.
München – Ein nur drei Jahre alter Volkswagen ID.3 mit rund 35.000 Kilometern für 17.300 Euro, ein zwei Jahre alter BMW i3 mit 20.000 Kilometern für den gleichen Preis oder ein zwei Jahre alter Skoda Enyaq für 22.850 Euro: Wer auf Autoplattformen nach gebrauchten Elektroautos stöbert, findet gerade viele Schnäppchen. Fahrzeuge, die neu teilweise 40.000 Euro und mehr gekostet haben, gibt es als Leasingrückläufer für nicht einmal die Hälfte des ursprünglichen Kaufpreises. Und diese drei Beispiele sind kein Einzelfall: Die Preise für gebrauchte E-Autos haben in Deutschland insgesamt massiv nachgegeben.
Wie stark der Preisrückgang war, zeigt eine exklusive Auswertung der Verkaufsplattform mobile.de für unsere Zeitung. Demnach kostete ein gebrauchter Stromer beim größten deutschen Fahrzeugmarkt im April im Schnitt 35.333 Euro, im April 2023 waren es noch 43.825 Euro. Das entspricht einem Preiseinbruch von 8492 Euro oder 19,4 Prozent in einem Jahr. Zum Vergleich: Gebrauchte Autos mit Verbrenner kosteten bei mobile.de im Schnitt rund 27.500 Euro und damit nur drei Prozent weniger als 2023. Außerdem stehen E-Autos nun fast drei Monate auf der Plattform, bevor sie verkauft werden, nämlich exakt 81 Tage – ganze 31 Tage länger als vor einem Jahr. Verbrenner werden hingegen im Schnitt schon nach 55 Tagen verkauft. Der Verkauf von E-Autos ist also deutlich zäher geworden.
Höheres Angebot durch „Elekto-Boom“ lassen Preise für gebrauchte E-Autos fallen
Die Gründe dafür dürften vielfältig sein. „Der Elektro-Boom der vergangenen Jahre und die vielen Leasing-Rückläufer haben zu einem deutlich höheren Angebot auf dem Gebrauchtwagenmarkt geführt“, erklärt ADAC-Expertin Katharina Lucà. Das zeigen auch die Zahlen: Waren im April 2023 noch 51.838 E-Fahrzeuge bei mobile.de gelistet, sind es heute 82.898 und damit rund 60 Prozent mehr. Für Verkäufer bedeutet das mehr Konkurrenz, für Kunden mehr Auswahl und bessere Möglichkeiten, Preise zu vergleichen. Dazu kommt wohl ein Effekt, den man von Handys und Computern kennt: Die neuen Modelle sind technisch besser, weshalb die gebrauchten zum Ladenhüter werden.
Bei E-Autos ist das vor allem wegen Batterie, Reichweite und Ladegeschwindigkeit der Fall. Das bestätigt zumindest ein genauerer Blick auf die eingangs erwähnten Fahrzeuge. Der 2013 auf den Markt gekommene i3 wird schon seit zwei Jahren nicht mehr gebaut, ist aber massenhaft als gebrauchter Leasingrückläufer verfügbar. Und die erwähnten günstigen VW ID.3 und Skoda Enyaq sind Versionen mit kleinen Batteriegrößen von 45 beziehungsweise 50 Kilowattstunden, die heute gar nicht mehr neu so angeboten werden. Der rasche Fortschritt dürfte dazu beitragen, dass Kunden lieber neue Fahrzeuge leasen und ohne großes Restwertrisiko nach begrenzter Zeit zurückgeben als gebrauchte zu kaufen, so ADAC-Sprecherin Lucà.
ADAC beobachtet „gewisse Kaufzurückhaltung“ bei Elektroautos
Ob auch die politische Debatte um die E-Mobilität zu einem Käuferstreik bei Gebrauchten führt, lässt sich aus den Daten nur begrenzt ablesen. Auffällig ist jedoch, dass die Preise in fast allen Monaten relativ konstant um ein bis drei Prozent gefallen sind. Nur im Dezember und Januar stürzten sie um je fünf und neun Prozent ab – also just in den Monaten, in denen die Förderprämie für neue Elektrofahrzeuge quasi über Nacht zum 17. Dezember gestrichen wurde. Es ist also durchaus möglich, dass der plötzliche Förderstopp nicht nur für einen Absatzrückgang bei neuen E-Autos gesorgt, sondern auch Gebrauchtwagenkäufer verunsichert hat.
„Generell ist derzeit bei Elektroautos eine gewisse Kaufzurückhaltung zu spüren, auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt“, bestätigt Katharina Lucà vom ADAC. Das gewachsene Angebot bei gleichzeitig geringerer Nachfrage könne grundsätzlich zu niedrigeren Gebrauchtwagenpreisen führen. Gerade für Großabnehmer ist das ein Problem. So kündigte der Münchner Mietwagenkonzern Sixt unlängst an, wegen unklarer Restwerte seine E-Flotte zu reduzieren. Im Privatkundenbereich übernehmen hingegen oft die Händler im Zuge von Leasing- und Finanzierungsverträgen das Restwertrisiko beim Neuwagenkauf. Dennoch lohne auch ein Blick auf die gebrauchte E-Autos, glaubt Luca: „Inzwischen gibt es ein attraktives Angebot an guten E-Autos aus zweiter Hand zu fairen Preisen.“
Rubriklistenbild: © Christin Klose/dpa

