Einkommen

Merz-Regierung gestaltet Bürgergeld neu: Arbeit soll attraktiver werden

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Experten monieren fehlende Arbeitsanreize im Bürgergeld. Ein Beirat legt nun ein Konzept dar. Das richtet sich auch gegen die „Tarnkappe für Schwarzarbeit“ ab.

Berlin – Die Bundesregierung hat die Bürgergeld-Reform auf den Weg gebracht, das Thema soll „Geschichte“ sein, wie Kanzler Friedrich Merz (CDU) erklärt hat. Doch schon bevor die neue Grundsicherung überhaupt vom Kabinett beschlossen wurde, steht bereits der nächste Vorschlag für eine Neuregelung an – allerdings nicht aus dem Arbeits-, sondern dem Finanzministerium. Im Fokus: Die Anrechnungsregeln für Einkommen der Empfänger.

Die Regierung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) will die Anrechnungsregeln für Einkommen im Bürgergeld anpassen. Einen Vorschlag dazu macht nun der wissenschaftliche Beirat des Finanzministeriums. (Montage)

In der neuen Grundsicherung soll es größere Belohnungen für Mehrarbeit geben, forderte der wissenschaftliche Beirat des Bundesfinanzministeriums. Bürgergeld-Empfänger sollen für 100 Euro Zuverdienst künftig grundsätzlich 30 Euro behalten dürfen, zitierte das Handelsblatt aus einer Stellungnahme des Beirats.

Experten wollen Bürgergeld-Fehlanreiz schließen: Mehr Arbeit soll sich stärker lohnen

Die Maßnahme werde den Anreiz zur Mehrarbeit massiv steigern, zitierte die Zeitung Jörg Rocholl, der Präsident der European School of Management and Technology in Berlin ist und den Beirat leitet. Fachleute wie Clemens Fuest, Präsident des Ifo Instituts, hatten die bisherigen Anrechnungsregeln im Bürgergeld und anderen Sozialleistungen kritisiert. „Es lohnt sich in vielen Fällen nicht, mehr zu arbeiten“, hatte der Ökonom erklärt.

EinkommenFreibetrag (bisherige Anrechnung)
100 Euro100 Euro (Grundfreibetrag)
100,01–520 Euro120–184 Euro
520,01–1000 Euro184–328 Euro
1000,01–1200 Euro328–448 Euro

Im Bürgergeld gibt es aktuell einen Grundfreibetrag von 100 Euro, den Empfänger ohne Anrechnung auf ihre Leistungen hinzuverdienen können. Anschließend hängt der Freibetrag von ihrem Einkommen ab. Von 520 bleiben etwa 184 Euro übrig, von 1000 Euro bleiben 328 Euro nicht angerechnet. Union und SPD hatten sich auf eine Anpassung der Regeln und Vereinfachungen geeinigt. Bei der genauen Ausgestaltung will die Regierung jedoch Empfehlungen der Sozialstaatskommission abwarten und sie 2026 in einem zweiten Schritt der Bürgergeld-Reform angehen.

Minijob-Gehälter sollen in der neuen Grundsicherung vollständig angerechnet werden

Der Vorschlag der Expertenrunde des Finanzministeriums sieht also pro 100 Euro grundsätzlich 30 Euro vor, die Empfänger behalten dürfen. Insofern ist das neue System im Vergleich zur bisherigen Regelung eine Vereinfachung. Diese sei für den Staat aufkommensneutral, wenn eine Bedingung erfüllt werde, berichtete das Handelsblatt.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Einkommen bis zur Minijob-Obergrenze – aktuell sind es 556 Euro im Monat – müssten komplett mit dem Regelsatz der Grundsicherung verrechnet werden, so der wissenschaftliche Beirat des Hauses von SPD-Chef Lars Klingbeil. Damit würde sich Arbeit stärker lohnen, sobald man über die Minijobgrenze hinaus verdient. Auch die Kosten des Staates für die Erhöhung der Arbeitsanreize im Bereich der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung insgesamt würden gesenkt, zitiert die Zeitung aus dem Bericht. Es verhindere, dass die Gesamtzahl der Leistungsbeziehenden steige.

Berater des Finanzministeriums wollen „Tarnkappe für Schwarzarbeit“ im Bürgergeld bekämpfen

Ein Minijob lohnt sich für Bürgergeld-Empfänger damit jedoch nicht mehr. Doch das ist von den Fachleuten so gewünscht. Denn bei der vollständigen Verrechnung könnte ein Minijob nicht länger „als Tarnkappe für Schwarzarbeit genutzt werden“. Zahlen dazu, dass Minijobs als Verschleierung von Schwarzarbeit genutzt werden, gibt es nicht. Befragungen hätten aber gezeigt, dass der Anteil derer, die Schwarzarbeit nicht verwerflich finden, „bei Bürgergeld-Empfängern mit Minijob doppelt so hoch ist wie bei den anderen“, zitierte das Handelsblatt Ifo-Ökonom Andreas Peichl, der Mitglied des Beirats des Finanzministeriums ist.

Der Beirat sieht die Möglichkeit, dass Leistungsempfänger nach der Reform lieber schwarzarbeiten. Doch das könne man verhindern, indem die Jobcenter konsequenter auf Mitwirkung drängen. Das wären etwa Angebote für zumutbare Jobs. Wenn es diese nicht gebe, sollen die Betroffenen „in einer kommunalen Beschäftigungsgesellschaft tätig werden“, berichtete das Handelsblatt. Damit könnten Arbeitsgelegenheiten gemeint sein, deren Wirkung für die Integration in sozialversicherungspflichtige Jobs umstritten ist. Laut Fachleuten eignen sich die umgangssprachlichen Ein-Euro-Jobs als „Ultima Ratio“ für sehr arbeitsmarktferne Personen.

Auch Teilzeitbeschäftigte, „bei denen der begründete Anfangsverdacht besteht, dass sie weniger arbeiten als möglich“, sollten zu Weiterbildung oder gemeinnütziger Tätigkeit aufgefordert werden. Bedingung soll sein, dass es sich mit der Betreuung von Kindern oder Angehörigen vereinbaren lasse. Denn bessere Hinzuverdienstmöglichkeiten steigerten zwar den Anreiz zur Mehrarbeit, garantierten aber nicht, dass „Betroffene tatsächlich immer Vollzeit arbeiten“, so der Beirat.

Experten fordern Zusammenlegung von Bürgergeld-Leistungen mit Wohngeld und Kinderzuschlag

Die Vorschläge des Beirats gehen zudem über die Grundsicherung hinaus. Zuvor hatten die Fachleute für eine Zusammenlegung von Bürgergeld, Wohngeld und Kinderzuschlag plädiert. Das sei derzeit „politisch nicht durchsetzbar“, deshalb sieht das Gremium laut Handelsblatt ein Drei-Säulen-Modell vor: Eine „Kindergrundsicherung“ soll für Bürgergeld-Beziehende sowie Empfänger des bisherigen Kinderzuschlags gelten. Ähnlich soll das „neue Wohngeld“ künftig auch die Kosten der Unterkunft der Grundsicherung einschließen. Die Grundsicherung würde dann nur noch den Regelbedarf für Erwachsene umfassen.

Grundsätzlich bietet die Anpassung der Anrechnungsregeln für Einkommen ein großes Potenzial, um die Mehrarbeit von Sozialleistungsempfängern zu steigern. Laut einer Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) könnten 170.000 Vollzeitäquivalente gewonnen und 390.000 Haushalte aus dem Bürgergeld-Bezug befreit werden. Ein Problem dabei könnte jedoch die aktuelle Konjunktur und die Lage am Arbeitsmarkt werden, die Erwerbslosen die Arbeitsaufnahme erschwert.

Rubriklistenbild: © Jens Kalaene/Michael Kappeler/dpa

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