Trotz Hürden: Bürgergeld-Empfänger finden Jobs – Merz-Plan gefährdet positive Entwicklung
VonMax Schäfer
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Die Bedingungen am Arbeitsmarkt sind schlecht. Aufgrund einer Gruppe sinkt die Zahl der Bürgergeld-Beziehenden trotzdem. Ein Merz-Plan könnte die Entwicklung bremsen.
Nürnberg – Viele Erwerbslose starten mit Sorge ins neue Jahr. Der Arbeitsmarkt sei im „Wachkoma“, hatte Anja Piel vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) im November erklärt. Trotzdem zeigen sich dabei auch positive Entwicklungen: So geht die Zahl der Bürgergeld-Beziehenden zurück. Das liegt vor allem an Geflüchteten aus der Ukraine. Sie finden nun vermehrt Arbeit.
Die Zahl der Leistungsberechtigten in der Grundsicherung ist von November 2024 zum November 2025 um 212 000 zurückgegangen. Die Zahl der Erwerbsfähigen ist dabei um 122 000 gesunken, wie die derzeit noch aktuellsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen.
Geflüchtete verlassen Bürgergeld-Bezug: „Deutschland erntet jetzt die Früchte der Integration“
„Deutschland erntet jetzt die Früchte der Integration“, sagte Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Süddeutschen Zeitung (SZ). Denn: Die zurückgehende Zahl der Bürgergeld-Beziehenden hängt maßgeblich mit der Arbeitsaufnahme von Geflüchteten zusammen. „Derzeit sinkt die Arbeitslosigkeit stark bei Ukrainern und Menschen aus den Asylhauptherkunftsländern“, erklärte Weber. Die Quoten von Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von staatlichen Leistungen gingen dabei systematisch und stark nach unten. Die Trends seien „eindeutig und erfreulich“.
„Wir sehen jetzt die Wirkung der Integrationsmaßnahmen, gerade diese Menschen finden jetzt Arbeit“, erklärte Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der SZ. Trotz der schwachen Konjunktur fänden die Menschen mithilfe von Sprachkursen und Maßnahmen jetzt Arbeit. „Wir sehen derzeit Effekte, auf die wir lange warten mussten.“
Förderung von Geflüchteten im Bürgergeld führt zur Arbeitsaufnahme – trotz schwieriger Konjunktur
IMK-Arbeitsmarktexperte Herzog-Stein nannte die Integration in Arbeit laut SZ bemerkenswert, weil es nicht einfach sei, aus der Grundsicherung in Arbeit zu kommen. Ein Großteil der Leistungsberechtigten dort hat mit Faktoren zu kämpfen, die eine Arbeitsaufnahme erschweren. Das sind etwa körperliche und psychische Krankheiten. Rund zwei Drittel haben zudem keine abgeschlossene Berufsausbildung, während sich die wenigen offenen Stellen an Fachkräfte richten.
Arbeitsaufnahme von Geflüchteten verdeutlicht gemischtes Bild von Arbeitslosigkeit
Durch die Arbeitsaufnahme der Geflüchteten aus der Ukraine zeigt sich ein gemischtes Bild von Arbeitslosigkeit, wie ein IAB-Bericht vom Jahreswechsel zeigt. Die Fachleute beobachten zwar einen Anstieg der Arbeitslosigkeit seit 2023. Dieser lege nahe, dass mehr Menschen wegen der wirtschaftlichen Schwächephase erwerbslos werden und dabei „nicht so schnell wieder eine neue Beschäftigung finden“, wie in konjunkturell besseren Zeiten. Sie verweisen auf Arbeitsmarktberichte der BA, wonach die Chancen für Beziehende von Arbeitslosengeld und Bürgergeld „auf einem historischen Tiefstand“ seien.
Trotz der guten Entwicklung von Geflüchteten im Bürgergeld warnte auch IAB-Forscher Weber davor, die schwierige Lage nicht zu übersehen. „Wir sehen einen starken Einbruch in der Industrie. Dort gehen mehr als 10 000 Stellen pro Monat verloren“, erklärte er der SZ. Eingestellt werde bei staatlichen Dienstleistungen, Gesundheit, Pflege oder im Finanzbereich. Doch nach wie vor würden zu wenige Erwerbslose eine Arbeit aufnehmen. Die Quoten seien auf einem „Rekordtief“.
Forschende zeigen sich für 2026 optimistisch – doch Merz-Plan könnte schaden
Für 2026 sehen die Fachleute gute Chancen. Die „aktuell relativ hohe Zahl an arbeitsmarktnahen Arbeitslosen“ lasse hoffen, dass ein möglicher Aufschwung „relativ schnell zu einem Abbau der Arbeits- und Erwerbslosigkeit führen wird, bevor sich die Zahl der (Langzeit-)Arbeitslosen verfestigt“, so die IAB-Fachleute.
Mit Blick auf erwerbslose Geflüchtete aus der Ukraine könnte ein Vorhaben der Regierung unter Kanzler Friedrich Merz dagegen sogar schaden. Diese sollen keine Grundsicherung mehr erhalten, sondern im System des Asylbewerberleistungsgesetzes bleiben. Damit fehlt auch die intensive Betreuung durch die Jobcenter. Stattdessen soll die Agentur für Arbeit übernehmen, die jedoch finanzielle Probleme hat. Weiterbildung und Qualifizierung könnten darunter leiden, warnen Fachleute. (Verwendete Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Süddeutsche Zeitung, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung)