Geflüchtete in Arbeit

Trotz Hürden: Bürgergeld-Empfänger finden Jobs – Merz-Plan gefährdet positive Entwicklung

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Die Bedingungen am Arbeitsmarkt sind schlecht. Aufgrund einer Gruppe sinkt die Zahl der Bürgergeld-Beziehenden trotzdem. Ein Merz-Plan könnte die Entwicklung bremsen.

Nürnberg – Viele Erwerbslose starten mit Sorge ins neue Jahr. Der Arbeitsmarkt sei im „Wachkoma“, hatte Anja Piel vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) im November erklärt. Trotzdem zeigen sich dabei auch positive Entwicklungen: So geht die Zahl der Bürgergeld-Beziehenden zurück. Das liegt vor allem an Geflüchteten aus der Ukraine. Sie finden nun vermehrt Arbeit.

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland hat seit 2023 zugenommen. Entgegen des Trends gibt es jedoch weniger Bedürftige im Bürgergeld-Bezug. (Symbolfoto)

Die Zahl der Leistungsberechtigten in der Grundsicherung ist von November 2024 zum November 2025 um 212 000 zurückgegangen. Die Zahl der Erwerbsfähigen ist dabei um 122 000 gesunken, wie die derzeit noch aktuellsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen.

Geflüchtete verlassen Bürgergeld-Bezug: „Deutschland erntet jetzt die Früchte der Integration“

„Deutschland erntet jetzt die Früchte der Integration“, sagte Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Süddeutschen Zeitung (SZ). Denn: Die zurückgehende Zahl der Bürgergeld-Beziehenden hängt maßgeblich mit der Arbeitsaufnahme von Geflüchteten zusammen. „Derzeit sinkt die Arbeitslosigkeit stark bei Ukrainern und Menschen aus den Asylhauptherkunftsländern“, erklärte Weber. Die Quoten von Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von staatlichen Leistungen gingen dabei systematisch und stark nach unten. Die Trends seien „eindeutig und erfreulich“.

„Wir sehen jetzt die Wirkung der Integrationsmaßnahmen, gerade diese Menschen finden jetzt Arbeit“, erklärte Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der SZ. Trotz der schwachen Konjunktur fänden die Menschen mithilfe von Sprachkursen und Maßnahmen jetzt Arbeit. „Wir sehen derzeit Effekte, auf die wir lange warten mussten.“

Förderung von Geflüchteten im Bürgergeld führt zur Arbeitsaufnahme – trotz schwieriger Konjunktur

Im Unterschied zu anderen Ländern, wo eine schnelle Arbeitsaufnahme das Ziel war, setzte Deutschland auf die nachhaltige Integration. Dabei stand zunächst der Spracherwerb im Vordergrund. Hinzu kamen weitere Maßnahmen zur Qualifizierung. So sollten die Hürden bei der Arbeitsuche abgebaut werden und die Zugewanderten entsprechend ihrer Qualifikation in Arbeit vermittelt werden.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

IMK-Arbeitsmarktexperte Herzog-Stein nannte die Integration in Arbeit laut SZ bemerkenswert, weil es nicht einfach sei, aus der Grundsicherung in Arbeit zu kommen. Ein Großteil der Leistungsberechtigten dort hat mit Faktoren zu kämpfen, die eine Arbeitsaufnahme erschweren. Das sind etwa körperliche und psychische Krankheiten. Rund zwei Drittel haben zudem keine abgeschlossene Berufsausbildung, während sich die wenigen offenen Stellen an Fachkräfte richten.

Arbeitsaufnahme von Geflüchteten verdeutlicht gemischtes Bild von Arbeitslosigkeit

Durch die Arbeitsaufnahme der Geflüchteten aus der Ukraine zeigt sich ein gemischtes Bild von Arbeitslosigkeit, wie ein IAB-Bericht vom Jahreswechsel zeigt. Die Fachleute beobachten zwar einen Anstieg der Arbeitslosigkeit seit 2023. Dieser lege nahe, dass mehr Menschen wegen der wirtschaftlichen Schwächephase erwerbslos werden und dabei „nicht so schnell wieder eine neue Beschäftigung finden“, wie in konjunkturell besseren Zeiten. Sie verweisen auf Arbeitsmarktberichte der BA, wonach die Chancen für Beziehende von Arbeitslosengeld und Bürgergeld „auf einem historischen Tiefstand“ seien.

Trotz der guten Entwicklung von Geflüchteten im Bürgergeld warnte auch IAB-Forscher Weber davor, die schwierige Lage nicht zu übersehen. „Wir sehen einen starken Einbruch in der Industrie. Dort gehen mehr als 10 000 Stellen pro Monat verloren“, erklärte er der SZ. Eingestellt werde bei staatlichen Dienstleistungen, Gesundheit, Pflege oder im Finanzbereich. Doch nach wie vor würden zu wenige Erwerbslose eine Arbeit aufnehmen. Die Quoten seien auf einem „Rekordtief“.

Forschende zeigen sich für 2026 optimistisch – doch Merz-Plan könnte schaden

Für 2026 sehen die Fachleute gute Chancen. Die „aktuell relativ hohe Zahl an arbeitsmarktnahen Arbeitslosen“ lasse hoffen, dass ein möglicher Aufschwung „relativ schnell zu einem Abbau der Arbeits- und Erwerbslosigkeit führen wird, bevor sich die Zahl der (Langzeit-)Arbeitslosen verfestigt“, so die IAB-Fachleute.

Mit Blick auf erwerbslose Geflüchtete aus der Ukraine könnte ein Vorhaben der Regierung unter Kanzler Friedrich Merz dagegen sogar schaden. Diese sollen keine Grundsicherung mehr erhalten, sondern im System des Asylbewerberleistungsgesetzes bleiben. Damit fehlt auch die intensive Betreuung durch die Jobcenter. Stattdessen soll die Agentur für Arbeit übernehmen, die jedoch finanzielle Probleme hat. Weiterbildung und Qualifizierung könnten darunter leiden, warnen Fachleute. (Verwendete Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Süddeutsche Zeitung, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung)

Rubriklistenbild: © Sebastian Kahnert/dpa

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