- VonMark Simon Wolfschließen
EU zieht CO₂-Überprüfung wohl vor: Von der Leyen mit Mini-Kompromiss – doch Zukunft bleibt elektrisch. EVP-Parteikollege Weber fordert Rücknahme.
Brüssel/München – Die Debatte um das geplante Verbrenner-Verbot für Neuwagen ab 2035 geht in die nächste Runde: Nachdem Teile der deutschen Autoindustrie um VW, BMW und Mercedes seit mehreren Monaten auf eine Lockerung der geplanten Regelung der EU-Kommission drängen, hat Präsidentin Ursula von der Leyen beim dritten „strategischen Dialog“ zur Zukunft der Pkw-Industrie angekündigt, die ursprünglich für 2026 geplante Überprüfung der CO₂-Grenzwerte bereits Ende 2025 vorzunehmen.
Von der Leyen macht Mini-Zugeständnis gegenüber Auto-Industrie – EVP-Chef Weber startet Frontalangriff
Trotz des kleinen, aber wenig aussagekräftigen Zugeständnis will von der Leyen am Fokus auf Elektromobilität festhalten, wie Euronews von einem nicht namentlich genannten Teilnehmer der Sitzung erfahren haben will: „Egal was passiert, die Zukunft ist elektrisch“, soll die Botschaft der Kommissionspräsidentin an die Spitzenvertreter der Autoindustrie gewesen sein. Ein Frontalangriff auf dieses Versprechen erreichte von der Leyen dagegen aus den eigenen Reihen: EVP-Chef und Parteikollege Markus Weber erklärte am Wochenende gegenüber der Welt am Sonntag: „Ich verspreche den Europäern das Aus vom Verbrenner-Aus.“ So sollen die Menschen in der EU entscheiden, welches Auto mit welchem Antrieb sie kaufen – das sei keine Aufgabe der Politik. Ohne genauer ins Detail zu gehen, kündigte Weber entsprechende Maßnahmen für den Herbst 2025 an.
Generell teilen der Großteil der Unionspolitiker – allen voran CSU-Chef Markus Söder – die Position der Autoindustrie und von Weber. Zuletzt schloss sich sogar noch die Gewerkschaft IG Metall den Gegnern des Verbrenner-Aus an. Für Aufsehen hatte dagegen vor dem Gipfel ein internes EU-Strategiepapier gesorgt.
Verbrenner-Aus 2035: Von der Leyen beruft sich auf hohen Marktanteil – und Absatz der E-Autos
Laut Handelsblatt will von der Leyen demnach am 2035-Ziel festhalten und die Regeln nicht aufweichen. Ihre Argumentationslinie stützt die Präsidentin besonders auf die guten Zahlen rund um die E-Mobilitätswende: So sei die klimaneutrale Mobilität in zehn Jahren erreichbar, da zum Beispiel der Ausbau der Ladeinfrastruktur planmäßig voranschreite und auch der Absatz der E-Autos in Europa im ersten Halbjahr 2025 deutlich gestiegen ist.
Der Marktanteil liegt europaweit derzeit bei 17 Prozent. Sie fordert zudem „mutigere und schnellere Maßnahmen“, um das Ziel bis 2035 zu erreichen. Das bedeutet: Ab 2035 dürfen keine Neuwagen mit Verbrenner-Motor, also Benzin- oder Dieselantrieb, verkauft werden. Demnach wären nur noch Neuzulassungen von lokal emissionsfreien Fahrzeugen wie Elektroautos oder Wasserstoffautos erlaubt, um eine 100-prozentige Emissionsminderung gegenüber dem Referenzjahr 2021 zu erreichen.
VDA will 90-Prozent-Ziel und erneuerbare Kraftstoffe als Rettungsanker für Verbrenner
Der Verband der Automobilindustrie (VDA) plädierte bereits im Juni für einen 90-Prozent-Kompromiss, der einen Rest von zehn Prozent CO₂-Emissionen ermöglichen würde. Das würde den Autoherstellern noch Spielraum gewähren, da auch weiterhin ein Anteil an Verbrennerfahrzeugen verkauft werden könnte – allerdings nur jene, die mit erneuerbaren Kraftstoffen wie E-Fuels oder Biofuels betrieben werden. Diese technologische Hintertür begrüßen auch die Hersteller, immerhin müssten sie dadurch nicht komplett ihre bestehenden Produktlinien und Technologien aufgeben.
Auch die IG Metall setzt sich auch für eine Aufweichung der Regeln ein. IG-Metall-Chefin Christiane Benner erklärte gegenüber The Pioneer: „Jobs zu sichern bedeutet auch einen pragmatischeren Umgang mit Hybridtechnologien und erneuerbaren Kraftstoffen.“ Im Gegensatz zu von der Leyen glauben der VDA und die Gewerkschaft nicht, dass bis 2035 alle Voraussetzungen für einen geregelten Übergang zum Verbrenner-Aus gegeben sind. Unter anderem wachse der Markt für Elektroautos zu langsam, sodass „das Ziel für 2035 ohne kurzfristige Korrekturen nicht mehr erreichbar“ sei.
Audi-Chef Döllner nennt Debatte kontraproduktiv und positioniert sich klar für das Elektroauto
Kritik an der Haltung der Industrie und der sonstigen Aufweicher-Fraktion kommt am Rande der Automesse IAA Mobility in München ausgerechnet von Audi-Chef Gernot Döllner. Im Gespräch mit der WirtschaftsWoche ärgerte sich Döllner über die Debatte rund um das Verbrenner-Aus und bezeichnete sie als „kontraproduktiv“: „Ich kenne keine bessere Technik als das Elektroauto, um in den nächsten Jahren bei der CO₂-Reduzierung im Verkehr voranzukommen“, erklärte der Audi-Chef. Besonders ärgert er sich darüber, dass die Diskussion in erster Linie den Kunden verunsichere und eben nicht auf die Vorzüge der E-Autos hinweise.
Dieser Meinung ist auch der ADAC-Technikpräsident Karsten Schulze. Gegenüber der Funkge Mediengruppe kritisierte er die anhaltenden Grundsatzdebatten, während parallel die „Zulassungszahlen steigen“ und die Verbraucher sich stärker auf Elektromobilität einlassen würden. Die EU müsse nun zügig den Rechtsrahmen klären, forderte Schulze.
Volvo und Polestar unterstützen mit Brief von der Leyens Kurs – und fordern mutigere Maßnahmen
Eine ähnliche Meinung vertritt der schwedische Autohersteller Volvo, der seit 2010 zum chinesischen Konzern Geely gehört. In einem am Montag veröffentlichen offenen Schreiben appelliert der Autobauer laut Reuters an von der Leyen mit den Worten: „Weichen Sie nicht zurück.“ („Hold firm, do not step back“). Neben Volvo haben auch der E-Auto-Hersteller Polestar und über 150 weitere Unternehmen aus der Wertschöpfungskette der Elektromobilität unterzeichnet – darunter Materialzulieferer, Betreiber von Ladeinfrastruktur und Energieversorger.
Wie von der Leyen selbst fordern sie dazu auf, „mutigere Maßnahmen zu ergreifen, um die industrielle Führungsposition Europas“ im Bereich der E-Antriebe zu sichern. Im Rahmen des strategischen Dialogs, so berichtet es der Insider, haben die Spitzenvertreter der Autoindustrie Verständnis für diese Position gezeigt: So sei ihnen der notwendige Wandel durchaus bewusst. Denn unabhängig von den Zielen der EU-Kommission geht der globale Wettbewerb ohnehin in die Tendenz der E-Mobilität.
Rubriklistenbild: © Philipp von Ditfurth/dpa
