Weitreichende Raketen? Schulterschluss in Zeiten des Ukraine-Kriegs
VonPatrick Freiwah
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Beim Treffen mit Präsident Selenskyj kündigt Bundeskanzler Merz gemeinsame Rüstungsprojekte mit der Ukraine an. Leise schwingt der Wunsch nach Frieden mit.
Berlin – Die Geschichte Europas wird oft in Momenten geschrieben, in denen Waffen, Worte und Weitsicht miteinander ringen – beispielhaft ist das Treffen von Friedrich Merz und Wolodymyr Selenskyj in der Hauptstadt.
Beim jüngsten Besuch des ukrainischen Präsidenten wurde die sicherheitspolitische Zusammenarbeit auf ein neues Niveau gehoben. In einem symbolträchtigen Akt kündigte der umstrittene Bundeskanzler nicht nur die Unterstützung der Ukraine mit weitreichenden Waffen an. „Wir wollen weitreichende Waffen ermöglichen. Wir wollen auch gemeinsame Produktion ermöglichen“, erklärte der 63-Jährige nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Ukraine-Krieg: Merz und Selenskyj vertiefen Rüstungskooperation
Eine entsprechende Absichtserklärung soll von den Verteidigungsministern beider Länder, Boris Pistorius und Rustem Umjerow, unterzeichnet werden. Deutschland, das in den vergangenen Jahren stets militärische Zurückhaltung betont hatte, vollzieht mit der vertieften Rüstungskooperation mit der Ukraine einen bemerkenswerten Schritt.
Im Fokus stehen nun Präzisionsraketen mit hoher Reichweite – ein entscheidender Faktor in einem Krieg, bei dem Distanz immer öfter über Sieg oder Niederlage entscheidet.
Ukraine baut Raketenkapazitäten aus – Thema Taurus ausgeklammert
Offiziell betonen beide Seiten, dass es um Verteidigung geht. Merz stellte klar: „Wir werden vor allem darum bemüht sein, die ukrainische Armee mit allen Möglichkeiten auszustatten, (...) das Land erfolgreich zu verteidigen.“ Dabei wurden keine konkreten Waffentypen genannt – insbesondere blieb die Taurus-Rakete unerwähnt, deren Lieferung bislang umstritten ist.
Währenddessen baut die Ukraine ihre eigenen Raketenkapazitäten aus. So ist die Anti-Schiffs-Rakete R-360 Neptun inzwischen zu einer Boden-Boden-Waffe weiterentwickelt worden. Die Variante Neptun-MD soll sogar über 1000 Kilometer Reichweite verfügen – ein strategischer Fortschritt für ein Land, das sich gegen die russische Invasion behaupten muss. Auch Raketen wie Hrim-2 oder Korschun befinden sich in der Entwicklung, ebenso wie moderne Kampfdrohnen mit großer Reichweite.
Ukraine-Krieg und geopolitische Spannungen: Aufrüstung mit Risiken
Die Unterstützung Deutschlands erfolgt in einem Moment, in dem die Ukraine militärisch enorm unter Druck steht. Gleichzeitig bergen Waffenlieferungen und internationale Rüstungskooperationen das Risiko, dass ein regionaler Konflikt außer Kontrolle gerät. Der Ukraine-Krieg zeigt, wie rasch sich geopolitische Spannungen verschärfen können – wenn klare Grenzen und diplomatische Kanäle fehlen.
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Ein möglicher Dritter Weltkrieg könnte ähnlich entstehen: durch eine Kette aus Machtverschiebungen, militärischen Provokationen und fehlender Deeskalation. Deutschland betont daher neben seiner militärischen Hilfe auch die Notwendigkeit von Verhandlungen. Merz erklärte, es gehe ebenso darum, „den Weg für Verhandlungen über eine Waffenruhe zu öffnen“.
Deutschland und die Ukraine: Industrieprojekte und Starlink-Finanzierung
Selenskyj sprach von der Finanzierung bereits bestehender Projekte in der Ukraine. Merz ergänzte, dass die Zusammenarbeit auch auf industrieller Ebene erfolgen werde – sowohl in Deutschland als auch in der Ukraine. Details dazu sollen vorerst nicht öffentlich gemacht werden. Klar ist: Mit diesem Schritt wird Kiew nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich enger an den Westen gebunden. Die Reaktion aus Moskau folgte prompt.
Zudem kündigte Merz nach Informationen des ZDF an, dass Deutschland einen „beträchtlichen Teil“ der Starlink-Satellitenverbindung in der Ukraine finanzieren werde – ein weiteres Zeichen für die strategische Tiefe der Partnerschaft.
Kein Gas mehr aus Russland – keine Rückkehr zu Nord Stream 2
Abseits der militärischen Fragen machte Merz deutlich, dass es seiner Ansicht nach keine Rückkehr zu alten wirtschaftlichen Abhängigkeiten geben werde: Die Ostsee-Pipeline werde nicht mehr in Betrieb genommen. „Wir werden alles tun, damit Nord Stream 2 eben nicht wieder in Betrieb genommen werden kann“, sagte der Kanzler. Ziel müsse es sein, „die Kriegsmaschine Moskaus zu schwächen“.
Die Bundesregierung verfolgt also nicht nur eine sicherheitspolitische, sondern auch eine wirtschaftliche Strategie zur langfristigen Eindämmung der russischen Einflussnahme. Derweil ist die Ukraine-Wirtschaft trotz Milliarden-Geldspritze aus dem Westen schwächer als gedacht. (PF)