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Das vor zwei Wochen öffentlich vorgestellte Zukunftskonzept der Klinken Ostalb war am Dienstag (2. Juli) erstmals Thema im Kreistag. Landrat Bläse und Kliniken-Chef Rieß geben detaillierte Einblicke in die Finanzsituation der einzelnen Kliniken.
Aalen. Viele Menschen im Virngrund haben Angst um die Notfallversorgung. Der Grund: Die Leistungen in der Klinik in Ellwangen sollen reduziert werden. In der Wahrnehmung eines Teils der Bevölkerung im Osten des Landkreises ist das eine Schließung auf Raten. Einige sind daher – wie schon zuvor bei der Verwaltungsratssitzung Kliniken Ostalb – in den Kreistag gekommen, um für „ihre“ Klinik einzustehen. Auch einen Fragenkatalog aus Ellwangen hatte es im Vorfeld der Sitzung gegeben.
Dem „alten Gremium“ wurden, nachdem ihm bereits im Juni bei einer Klausurtagung erstmals das Kliniken-Konzept vorgestellt wurde, diesmal weitere Kennzahlen zu den Finanzen gezeigt. Landrat Dr. Joachim Bläse wiederholte – analog zu vielen Veranstaltungen und Interviews zuvor – auch bei dieser Bürgerfragestunde, warum gehandelt werden muss: „Uns steht das Wasser nicht nur bis zum Hals, sondern überm Kopf. Die Kliniken ziehen mit 60 Millionen Euro Defizit jährlich den Landkreis in den Bankrott, wenn wir nicht handeln.“
Kliniken Ostalb: Zahlen des Grauens
Der Vorstandsvorsitzende der Ostalb-Kliniken, Christoph Rieß, lieferte dazu Zahlen. Demnach verursacht das Ostalb-Klinikum 2024 23,4 Millionen Euro Defizit, die Stauferklinik Mutlangen rund 21,77 Millionen Euro und die Virngrund-Klinik etwa 15,32 Millionen Euro Defizit. Kumuliert sind das die öffentlich von unserer Redaktion bereits vor der Kommunalwahl thematisierten 60 Millionen Euro.
Es folgten die mittlerweile bekannten Argumente für das Zukunftskonzept: Seit Corona fielen an allen Häusern die OP-Zahlen, besonders gravierend in Ellwangen. Ein neues Konzept sei unausweichlich, ebenso wie die Abkehr vom Plan mit einem Zentral- und zwei Grundversorgern. Konzentration sei angesagt, Dienste an mehreren Standorten vorzuhalten, sei zu teuer, zudem fehle das Personal. Das Haus in Ellwangen soll daher als „Intersektoraler Gesundheitsversorger“ geführt werden.
Zur Erinnerung: Das ist für die Ellwanger Virngrund-Klinik geplant
Der stationäre Operationsbetrieb soll dort „zeitnah eingestellt oder im Übergang noch ambulant genutzt werden“. Das Personal könne sinnvoller an anderen Standorten eingesetzt werden. Das bringe der Klinik in Aalen bessere OP-Auslastung, vor allem aber ließen sich so 11,5 bis 14 Millionen Euro jährlich einsparen, meint Rieß. Allgemeine Innere Medizin, Schmerztherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie (voll- und teilstationär), Notfallmedizin, Geriatrische Betten, Ärztehaus, Wachkoma, Kurzzeitpflege und eine 24/7 Notfallpraxis sollen in Ellwangen bleiben.
Die Fusion der Kinderkliniken rückt klar in Sicht
Die Geburtshilfe in Ellwangen habe bei 200 Geburten pro Jahr keine Zukunft, sagte Rieß. Schon ab September dieses Jahres soll sie bekanntlich nach Aalen verlagert werden. Ab 2035 sollen Risikogeburten zwingend im dafür bestens ausgestatteten Zentralversorger in Essingen versorgt werden. Der sei in zumutbarer Zeit erreichbar. Die Fusion der Kinderkliniken wiederum bringe bis zu zwei Millionen Euro Einsparung pro Jahr.
Klares Bekenntnis für den Klinik-Standort Ellwangen
Niemand wolle die Klinik in Ellwangen schließen, betonten Landrat Bläse und Rieß erneut – und ernteten dafür hämisches Gelächter aus dem Publikum. Zweifel daran haben aber auch die Kreisräte Volker Grab, Bennet Müller (beide Grüne), Rainer Knecht, Karl Bux (beide CDU), Josef Bühler (Freie) oder Herbert Hieber (SPD). Sie alle teilen die Bedenken, die Bürger in der Fragestunde vorgebracht hatten.
Josef Bühler formulierte es so: „Wird Ellwangen Intersektoraler Gesundheitsversorger statt Grundversorger, dann verschlechtert sich die Lage für die Menschen im Virngrund weiter. Ihnen ist eine Basis-Notfall- und eine Grundversorgung wichtig. Das muss der neue Kreistag berücksichtigen“, sagte er. Applaus. Bläse sicherte dies zu.
Kliniken Ostalb: Christoph Rieß spricht von „Missverständnissen“
Rieß versuchte im weiteren Verlauf „Missverständnisse“ auszuräumen: So kursiere etwa, dass zwölf Prozent der Bevölkerung im Kreis von der Versorgung abgeschnitten würden, da Essingen nur für 88 Prozent in 30 Minuten erreichbar sei. Das sei nicht so.
Im Notfall, so Rieß, gingen Patienten nicht einfach selbst in die Klinik, sondern sie riefen den Rettungsdienst. Und wichtiger als die Entfernung zwischen Wohnort und Klinik sei, dass der Rettungsdienst schnell vor Ort ist, die Erstversorgung und Stabilisierung übernimmt und den Patienten dann innerhalb der „goldenen Stunde“ in die geeignete Klinik bringt. Die „goldene Stunde“ werde für alle im Ostalbkreis heute und auch in Zukunft eingehalten, sagte Rieß. Schwere Notfälle landen bereits heute nicht in Ellwangen.
Richtig sei aber, dass die geplante 24/7-Notaufnahme in Ellwangen internistisch ohne Unfallchirurgie ist, und bei einigen leichten Notfällen sowie planbaren Behandlungen der Weg weiter als heute werde. Dies sei aber aus medizinischer Sicht unproblematisch. Zudem: Bei planbaren Behandlungen suchten Menschen die beste Klinik und nicht die nächste aus. Die 24/7-Notaufnahme dort sei als Leistung der Klinik geplant und werde daher auch keine zusätzlichen Aufgaben für die niedergelassenen Ärzte bringen, widersprach Rieß Befürchtungen in der Ärzteschaft.
Im weiteren Verlauf wiederholte Christoph Rieß auch im Kreistag, was auch von unserer Redaktion bereits mehrfach berichtet wurde. Das Zukunftskonzept für die Kliniken Ostalb setzt auf den Zentralversorger, der 2035 in Betrieb gehen soll. Bis dahin sollen die Häuser in Mutlangen und Aalen voll in Betrieb bleiben, und dort wird auch weiter investiert (zum Beispiel OP-Säle). Das Ostalb-Klinikum wird 2035 dem Plan zur Folge jedoch geschlossen.
Zur Erinnerung: Die Pläne für das Staufer-Klinikum
Mutlangen soll Grundversorger werden. Hier sollen eine internistische (Geriatrie) und eine unfallchirurgische Versorgung angeboten werden. Ergänzend sollen sechs Intensivbetten betrieben werden. Alle anderen Leistungen gehen nach Essingen.




