Von Reutlingen nach Lettland

Maschinenbauer aus Baden-Württemberg verlagert Arbeitsplätze ins Ausland

  • schließen

Ein Unternehmen der Kärcher-Gruppe plant, Arbeitsplätze von Baden-Württemberg ins Ausland zu verlagern. Betroffen ist ein Viertel der Belegschaft.

Winnenden/Reutlingen - Aufgrund der stark gestiegenen Preise für Energie, Rohstoffe und Personal haben einige Industrieunternehmen aus Baden-Württemberg in den vergangenen Wochen Sparmaßnahmen angekündigt. Bei Autozulieferer ZF Friedrichshafen stehen laut dem Betriebsrat 12.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel und mehrere Maschinenbauer haben Teile der Belegschaft in die Kurzarbeit geschickt. Beim Reinigungsgeräte-Konzern Kärcher mit Stammsitz in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) läuft es dagegen gut, die Unternehmensgruppe erwirtschaftet den Großteil des Umsatzes aber außerhalb Deutschlands.

Ein Unternehmen der Kärcher-Gruppe will Arbeitsplätze von Baden-Württemberg ins europäische Ausland verlagern (Symbolfoto).

Kärcher hatte vor wenigen Tagen einen Umsatzrekord für das Geschäftsjahr 2023 verkündet und befindet sich trotz der schwierigen Marktlage auf Kurs. Laut übereinstimmenden Medienberichten plant der rechtlich selbstständige Geschäftsbereich Kärcher Municipal allerdings, Arbeitsplätze von Reutlingen nach Lettland zu verlagern. Betroffen sind rund ein Viertel der Stellen des Spezialfahrzeugherstellers. Auch ein Tochterunternehmen des Freudenberg-Konzerns hatte im vergangenen Jahr Arbeitsplätze ins Ausland verlagert.

Kärcher-Tochter will Arbeitsplätze „innerhalb des eigenen Produktionsnetzwerks“ verlagern

Dass deutsche Industrieunternehmen Produktionsschritte und Arbeitsplätze ins kostengünstige Ausland verlagern, ist keine neue Entwicklung. Aufgrund von niedrigen Steuern und Löhnen ist beispielsweise Bulgarien für Unternehmen aus Baden-Württemberg besonders lukrativ. Der schwäbische Weltmarktführer Kärcher produziert seit langem im Ausland und will nach eigenen Angaben die Nähe zu seinen Kunden vor Ort weiter intensivieren. „Das Familienunternehmen mit Stammsitz in Winnenden erwirtschaftet inzwischen 86 Prozent seines Umsatzes im Ausland“, heißt es in einer Pressemitteilung zur Jahresbilanz. Auch die Arbeitsplätze bei Kärcher Municipal sollen „innerhalb des eigenen Produktionsnetzwerks“ verlagert werden.

Name Kärcher Municipal GmbH
Gründung 1888
SitzReutlingen, Baden-Württemberg
Mutterkonzern Kärcher-Gruppe (seit September 2019)
Branche Nutzfahrzeugbau
Produkte Kommunalfahrzeuge, Weinbergtraktoren
Mitarbeiter 216
Umsatz 54,9 Millionen Euro

Die Kärcher-Gruppe hatte bereits Ende 2021 eine neue Fabrik in Lettland bestätigt, die rund 200 Arbeitsplätze schaffen soll. Dorthin werden offenbar die 59 Stellen aus Reutlingen-Nord/Kirchentellinsfurt in Baden-Württemberg verlagert, wie unter anderem der Zeitungsverlag Waiblingen (ZVW) berichtet. Kärcher Municipal, ehemals Holder Maschinenbau, gehört seit September 2019 zum Kärcher-Konzern und beschäftigt am Stammsitz in Reutlingen derzeit rund 210 Mitarbeiter. Spezialisiert ist das bereits 1888 in Urach (heute Bad Urach) gegründete Unternehmen auf die Herstellung von Kommunalfahrzeugen und Weinbergtraktoren.

Kärcher wächst durch Investitionen im Ausland, Baden-Württemberg bleibt aber nicht ganz außen vor

Bei Kärcher in Reutlingen/Kirchentellinsfurt werden demnach 59 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren. Insgesamt hat die Unternehmensgruppe die Belegschaft im vergangenen Jahr aber noch aufgestockt und beschäftigt laut der Mitteilung inzwischen rund 16.000 Menschen, ein Zuwachs von 670 im Vergleich zum Vorjahr. Investiert hat der Reinigungsgerätehersteller allerdings größtenteils im Ausland und eröffnete beispielsweise das 19. Kärcher-Werk in der Region der vietnamesischen Millionenstadt Da Nang. Zudem haben im vergangenen Jahr Arbeiten für eine umfangreiche Werkserweiterung in Rumänien begonnen.

Ganz außen vor bleibt beim schwäbischen Familienunternehmen die Heimatregion aber nicht. Zusätzlich zum größten und modernsten Werk von Kärcher in Obersontheim befindet sich im Bühlertal ein weiteres Werk im Bau und im vergangenen Herbst eröffnete das Unternehmen ein neu errichtetes Service-Center im baden-württembergischen Ahorn (Main-Tauber-Kreis). Allerdings hat Kärcher bereits vor einiger Zeit angekündigt, das Waschanlagen-Werk in Illingen (Enzkreis) Anfang 2027 schließen zu wollen. Maschinenbauer Stihl hat dagegen Pläne für ein neues Werk in Ludwigsburg auf Eis gelegt und prüft Alternativen.

Rubriklistenbild: © Marijan Murat/dpa

Kommentare