Landtagswahl in Hessen

Kampf gegen Rassismus in Hessen: „Das Engagement ist größer geworden“

+
Setzten Zeichen: die Angehörigen Emis Gürbüz (weißes Shirt), Iulia (3. v. r.) und Niculescu Paun (2. v. r.) sowie Serpil Temiz Unvar (r.).
  • schließen

Themencheck Rassismus: Hanauer Gruppen kämpfen für Konsequenzen nach dem rassistischen Anschlag.

Erinnerung. Gerechtigkeit. Aufklärung. Konsequenzen.“ Dafür „kämpfen wir nach wie vor, seit gut dreieinhalb Jahren“, sagt Newroz Duman, Sprecherin der Initiative 19. Februar Hanau, in der sich Opferangehörige und Überlebende des rassistischen Anschlags sowie ihre Unterstützer:innen zusammengeschlossen haben.

Die etwa 25 Aktive umfassende, spendenfinanzierte Gruppe hat viel erreicht: zum Beispiel mit der Rechercheagentur Forensic Architecture Versäumnisse beim Polizeieinsatz in der Tatnacht herausgearbeitet, Gedenkveranstaltungen und Debatten organisiert, darauf hingewirkt, dass ein Landtagsuntersuchungsausschuss eingesetzt wurde. Die Ausstellung mit Erkenntnissen zum Anschlag und Stimmen der Betroffenen, an der sich der Frankfurter Kunstverein beteiligte, wurde prämiert und von Tausenden besucht.

Duman freut sich über das Erreichte, fügt aber gleich hinzu: „Es darf nicht sein, dass die Zivilgesellschaft all diese Aufgaben übernimmt, weil der Staat es nicht tut.“ Das treffe vor allem auf das Land Hessen zu, das „ein riesiges Problem mit Rassismus und Rechtsextremismus hat“, wie die Morde des NSU, in Hanau sowie an Walter Lübcke oder das Attentat auf den Geflüchteten Bilal in Wächtersbach und weitere zeigten. „Doch das Problem wird nicht ernst genommen“, kritisiert Duman. Es werde geleugnet, gemauert, relativiert, auch bei der Aufarbeitung der Fälle und Missständen bei Sicherheitsbehörden.

Terror in Hanau

Online-Dossier: Die Frankfurter Rundschau begleitet seit dem rassistischen Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020 die Familien - und analysiert die politischen Konsequenzen. Gebündelt im Online-Dossier „Terror in Hanau“.

Multimedia-Reportage: FR-Redakteurin Yağmur Ekim Çay und FR-Redakteur Gregor Haschnik haben mit Hinterbliebenen gesprochen, ihre Geschichte und den Stand der Recherchen aufgeschrieben. Fotograf Michael Schick hat die Menschen porträtiert und die Orte des Geschehens und des Gedenkens in Bildern festgehalten. Crossmedia-Redakteurin Monika Gemmer hat eine multimediale Web-Story mit interaktiven Grafiken produziert.

Zwar habe die Politik begonnen, über Alltagsrassismus zu sprechen, verweigere aber eine echte Auseinandersetzung mit dem in ihrer Verantwortung liegenden institutionellen Rassismus, etwa bei der Polizei oder an Schulen. Der Kampf dagegen müsse in staatlichen Stellen verankert werden, fordert die Sprecherin.

Wie inkonsequent das Land sei, werde unter anderem daran deutlich, dass kaum Lehren gezogen worden seien, etwa im Hinblick auf Racial Profiling. Oder daran, dass es mit „Response“ nur eine Fachberatungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt gebe, die auch nicht genügend Ressourcen bekomme. Deshalb „werden wir weiter Druck machen, aufklären, die Erinnerung wach halten. Es betrifft uns alle.“

Landtagswahl in Hessen

Am  8. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.

Die FR führt Interviews mit den Spitzenkandidat:innen. Zwei Podiumsdiskussionen überlegen, wie die Politik auf die aktuellen Krisen reagieren sollte, und wie sich Hessen engagiert in der Entwicklungszusammenarbeit, im fairen Handel und in der Integration von Menschen aus dem globalen Süden. Schließlich bringen wir Themenchecks zu zentralen Fragen der Hessenwahl.

Serpil Temiz Unvar beklagt ebenfalls fehlende Konsequenzen: „Was hat sich seit 2020 geändert? So gut wie nichts.“ Das habe sich auch im Untersuchungsausschuss zu den Attentaten offenbart, sagt sie. Ihr Sohn Ferhat wurde bei dem Anschlag ermordet. Noch im selben Jahr hat sie, an seinem Geburtstag, die antirassistische Bildungsinitiative Ferhat Unvar gegründet.

Diese macht beispielsweise Workshops an Schulen, sowohl für Schüler:innen als auch für Lehrer:innen, berät Betroffene, bietet ein Jugendcafé und Podiumsdiskussionen an. Die Initiative wird gefördert, auch vom Land. Doch von Anfang an habe sie sehr kämpfen müssen, und das werde so bleiben. Die Mittel seien begrenzt und von Kürzungen bedroht. Es brauche deutlich mehr Unterstützung für zivilgesellschaftlichen Einsatz gegen Rassismus und Diskriminierung.

Dennoch ist die Einrichtung, nicht zuletzt dank Spenden, gewachsen und die Nachfrage gestiegen. Neben der Gründerin umfasst das Kernteam mittlerweile sechs Beschäftigte und zwei FSJ-ler:innen, hinzu kommen mehr als 30 ehrenamtlich Engagierte, auch in anderen Städten. Es sind überwiegend junge Leute, aus Familien mit und ohne Migrationsgeschichte: „Wir kämpfen gemeinsam“, betont die Leiterin.

Die Bildungsinitiative wolle über Rassismus aufklären, dafür sensibilisieren und ihm mit Prävention entgegenwirken, aber auch „Betroffenen und allen, die sich gegen Rassismus einsetzen, Kraft geben“. Hoffnung macht Serpil Temiz Unvar, dass „sich in der Zivilgesellschaft etwas bewegt. Das Engagement ist größer geworden, die Erkenntnis, dass es um unsere Zukunft geht, wächst, besonders bei jungen Menschen“. Das sei auch notwendig, denn „Rassisten und Rechtsextremisten treten selbstbewusster auf und zeigen offen ihre Ansichten“.

Landtagswahl in Hessen: Themencheck Rassismus

Dieser Hintergrundbericht erscheint im Rahmen eines Themenchecks zur Hessenwahl. Weitere Texte dazu:

Interview mit Deborah Schnabel von der Bildungsstätte Anne Frank über Rassismus und Diskriminierung in Hessen – und was eine neue Landesregierung dagegen tun sollte.

Rassismus - das wollen die Parteien. Eine Zusammenstellung der Positionen.

Kommentare