Landtagswahl in Hessen

Bahnfahren als Kraftakt - unterwegs mit einer Pendlerin

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Anja Weinhold weiß sich zu helfen, wenn der Aufzug mal wieder nicht funktioniert. Monika Müller
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Themencheck Öffentlicher Nahverkehr: Anja Weinhold fährt mit Fahrrad und S-Bahn zur Arbeit. Mit welchen Schwierigkeiten sie dabei zu kämpfen hat - und welche Verbesserungen sie sich wünscht.

Rosa Reifen. Auf dem Sattel des Fahrrads sitzt eine gut gelaunte Frau, die mit Schwung zum Stehen kommt: Anja Weinhold, 41 Jahre alt, Mutter zweier Söhne. Und eine, die sich darüber Gedanken macht, wie der Öffentliche Nahverkehr noch attraktiver werden könnte. Ideen dazu hat.

Die entwickelt sie oft, wenn sie von ihrem Wohnort Kronberg im Taunus zur Arbeit nach Frankfurt pendelt. Dann beobachtet Anja Weinhold zwangläufig das Mobilitätsverhalten der anderen, redet auch mal mit ihnen. Und das ihrer Familie. Auch die Weinholds besitzen ein Auto, ein elektrisch angetriebenes. Und nutzen es auch, weil es manchmal günstiger scheint. Doch dazu später. Abfahrt der S4 ist um 8.10 Uhr. Zeit, einzusteigen

„Das ist die erste Herausforderung.“ Mit Muskelkraft bugsiert Anja Weinhold das Rosa-Reifen-Rad hoch in den letzten Wagon. Barrierefreiheit? Darauf wartet der Bahnhof in Kronberg noch und mit ihm jede Menge Leute, die es noch viel schwerer haben als sie, sinniert die 41-Jährige. Weil sie ein E-Bike fahren oder auf den Rollstuhl angewiesen sind. Nicht zu vergessen die Eltern mit Kinderwagen.

Der Wagon ist leer, in Kronberg beginnt ja erst die Fahrt. Kurz bevor die Türen schließen stößt eine weitere Radlerin hinzu. „Hallo – wo fahren Sie hin?“ Die beiden stimmen sich ab, wer wo aussteigt. Beide am Westbahnhof. Es ist also egal, wer vorne oder hinten steht. Das Absprechen und Sortieren ist kommunikativ und sinnvoll, um chaotischen Situationen beim Ausstieg vorzubeugen. Doch ab einem gewissen Punkt nicht mehr möglich.

Landtagswahl in Hessen

Am  8. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.

Die FR führt Interviews mit den Spitzenkandidat:innen. Zwei Podiumsdiskussionen überlegen, wie die Politik auf die aktuellen Krisen reagieren sollte, und wie sich Hessen engagiert in der Entwicklungszusammenarbeit, im fairen Handel und in der Integration von Menschen aus dem globalen Süden. Schließlich bringen wir Themenchecks zu zentralen Fragen der Hessenwahl.

Denn bei den beiden Räder bleibt es nicht. In Niederhöchstadt steigt ein Ehepaar mit zwei E-Bikes ein, in Eschborn-Süd kommen zwei weitere Radler hinzu. Die müssen im Ausstiegsbereich stehenbleiben. Auf einem der Klappsitze sitzt eine junge Mutter. Vor ihr steht der Kinderwagen mit Baby.

Eine ganz normale Situation an einem ganz normalen Morgen. Ein Problem, für das sich Anja Weinhold eine Lösung wünscht. Mehr Abstellplätze für Fahrräder in der S-Bahn. Das ist eine der Hausaufgaben, die sie der neuen Landesregierung stellt. „Immer mehr Leute nutzen das Fahrrad.“ Auch weil in vielen Kommunalparlamenten erfreulicherweise bei der Verkehrsplanung ein Umdenken stattgefunden hat. Und es könnten noch viel, viel mehr sein, wenn man es ihnen so einfach wie möglich machte. Denn dass es Spaß macht, steht für sie außer Frage. Auch wenn es an der gegenseitigen Rücksichtnahme und der Gleichwertigkeit von Fuß-, Rad- und motorisiertem Verkehr noch reichlich hapert.

Gefunkt hat es zwischen der Kronbergerin und dem Rad in der Pandemie. Davor trat sie auch schon in den Pedale – aber nur in der Freizeit. Jetzt ist diese klimaneutrale Fortbewegung Teil ihres Alltags, den sie nicht mehr missen möchte. Im Sommer wie im Winter. „Für mich ist das Lebensqualität“, sagt sie. Meistens steigt sie schon in Rödelheim aus und strampelt durch den Biegwald in die City, wo ihr Schreibtisch bei der Deutschen Bank steht.

Sie ist da keine Exotin in der Belegschaft. Vor der Bank und in der Tiefgarage findet sie ein großes Angebot an Abstellplätzen. Trotzdem werden sie jetzt in der Saison manchmal knapp. Weinhold lehnt sich in ihrem Klappsitz zurück. So eine im Alltag integrierte Bewegungsroutine, sinniert sie, stärkt das gesamte Wohlbefinden. „Ich bin entspannter bei der Arbeit, aber auch sonst am Tag.“

Landtagswahl in Hessen: Themencheck Öffentlicher Nahverkehr

Dieser Bericht erscheint im Rahmen eines Themenchecks zur Hessenwahl. Weitere Texte dazu:

Öffentlicher Nahverkehr - das wollen die Parteien. Eine Zusammenstellung der Positionen.

Verkehrswende per Volksbegehren: ein Bündnis will die Verkehrswende voranbringen. Es scheitert im ersten Anlauf - und setzt nun auf juristische Mittel.

Das Rad dabei haben macht flexibel. Etwa wenn in Frankfurt noch etwa zu erledigen ist. Oder die S4 ausfällt. Dann gibt es die Alternative, mit der S3 bis Niederhöchstadt zu fahren und für die restlichen Kilometer nach Hause in die Pedale zu treten. Unabhängig davon, betont sie, wäre ein 15-Minuten-Takt zwischen Kronberg und Frankfurt eine Riesen-Verbesserung.

Die Kombination Rad mit Öffentlichem Nahverkehr ist für die 41-Jährige optimal. Und günstig. Mit dem Deutschlandticket noch preiswerter als zuvor mit dem Jobticket. Der Preis für die Einzelfahrt hingegen ist zu hoch, sagt ihr „Bauchgefühl“. 5,80 Euro plus die Hälfte pro Kind – da kommt es schon einmal vor, dass für den Ausflug von Kronberg in den Frankfurter Palmengarten das Auto aus der Garage geholt wird. Im Endeffekt waren die Parkgebühren mit 25 Euro doch teurer als vermutet. Für Weinhold konsequent für eine Stadt mit hervorragend ausgebautem Öffentlichen Nahverkehr. Auch wenn es schmerzt. „An und für sich ist das das richtige Signal.“

Nächster Halt Frankfurt West. Jetzt muss es schnell gehen. Der Fahrradknäul wird entwirrt. Vier Leute haben ihr Ziel erreicht. Die restlichen zwei machen sich möglichst dünne, um für sie Platz zum Aussteigen zu schaffen. Am Gleis verharrt Weinhold kurz. „Hier gibt es keinen Aufzug.“ Bleiben nur die Rolltreppen. Das kennt sie von der Taunusanlage, wo der Lift auch oft schlapp macht. Das Mitführen von Fahrrädern oder Kinderwagen ist zwar nicht erlaubt, aber üblich bei der S-Bahn-Rhein-Main. Es gehr nun mal nicht anders hier, wo noch sehr viele Stationen des barrierefreien Umbaus harren.

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