„Unsere Welt dreht sich zurück“: Tausende demonstrieren beim CSD in Frankfurt
VonChristoph Manus
schließen
Gut 15.000 Menschen gehen beim CSD in Frankfurt auf die Straße. Bei der Demo spielen der Kampf gegen rechts und Kritik an Merz eine große Rolle.
Frankfurt – Eigentlich könnte der Christopher Street Day (CSD) einfach eine riesige Party sein, ein fröhlich ausgelassener Zug durch die Frankfurter Innenstadt, nichts als ein großes Fest der Vielfalt und der Liebe in schönsten Sommerwetter. Doch so sind die Zeiten nicht. Das wird am Samstagmittag schon bei der Kundgebung vor dem Römer klar. Viel, was die queere Community in Jahrzehnten gegen riesige Widerstände erkämpft hat, steht wieder auf dem Spiel. Selbst die Regenbogenfahne am Rathaus ist plötzlich wieder ein Politikum. Am Bundestag wollte sie Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) beim Berliner CSD schließlich nicht sehen.
„Unsere Welt dreht sich zurück“, sagt Heike Hofmann, Landesministerin für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales, auf der Bühne vor dem Frankfurter Rathaus. Sie spricht von Versuchen, nicht nur in den USA queeres Leben zu unterdrücken, weist etwa auf rechte Gegendemos gegen CSD-Züge hin, auf Hass und Hetze. „Wir stehen an Ihrer Seite“, verspricht die Sozialdemokratin. Und ermuntert: „Bleiben Sie laut.“
CSD 2025 in Frankfurt: Viele sind viel zu wütend, um zu schweigen
Das haben wohl die allermeisten der etwa 15.000 Menschen, die am Samstag durch die Innenstadt ziehen, ohnehin vor. Viele sind schlicht zu wütend, um zu schweigen. „Nie wieder still – Frankfurt ist laut“ ist denn auch das Motto des nun schon 33. CSD in der Mainmetropole.
Christian Setzepfandt, der als Vertreter der Stadt spricht, sieht eine „Zeit, in der wir unheimlich aufpassen müssen“. Es werde wieder „Angst gegen uns geschürt“, sagt der ehrenamtliche Stadtrat der Grünen. „Dagegen müssen wir uns wehren.“ Und rät der Community, bei aller Unterschiedlichkeit zusammenzuhalten. Noch gelte es viel zu erkämpfen, etwa die Ergänzung von Artikel 3 des Grundgesetzes um den Zusatz, dass auch niemand wegen seiner sexuellen und geschlechtlichen Identität benachteiligt werden darf.
15.000 beim CSD 2025 in Frankfurt - die Bilder von der Demo
Sebastian Reggentin warnt sehr deutlich vor einem Rechtsruck in Deutschland. „Auf unseren Rücken wird ein Kulturkampf ausgetragen, der uns alle im Alltag immer mehr gefährdet“, sagt der CSD-Pressesprecher vor dem Römer. Die „Machenschaften und Dreckskampagnen der AfD“ bedrohten nicht nur die queere Community, sondern auch andere Minderheiten. Zumal andere die Narrative der Partei übernähmen. Die AfD sei verfassungsfeindlich und müsse verboten werden, forderte er.
Reggentin kritisiert auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) scharf. Er habe die queere Community ins Lächerliche gezogen, indem er das Nichthissen der Regenbogenflagge mit den Worten verteidigte, der Bundestag sei kein Zirkuszelt. Merz sei ein trauriger Clown. Die Künstlerin Enissa Amani weist auf weltweite Kriege und Krisen hin, im Sudan, in Gaza, im Kongo und im Iran etwa. Und mahnt zugleich, den Kampf für eine Welt, in der alle in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit leben, nicht aufzugeben.
Antifa-Gruppen, Wirtschaftsanwälte, CDU und Polizei bei CSD-Demo in Frankfurt
Auch bei der Demonstration, die von 12.30 Uhr an durch die Innenstadt zieht, machen viele ihre Angst vor einem Rechtsruck deutlich. „Lebe so, dass die AfD was dagegen hat“, ist auf einem Schild zu lesen. „Be gay, fight Fascism“ auf einem anderen. Manchen ist der CSD dennoch auch diesmal noch zu unpolitisch. Die queere Bewegung habe sich nach Jahrzehnten des Kampfes in Teilen auf der Liberalisierung der Gesellschaft ausgeruht, der CSD sei eine große Party geworden, beklagen die Antifa-Gruppen „OAT FFM“ und „Soft“ in einem Flugblatt. Radikale politische Forderungen würden nicht gestellt. Stattdessen dürften die CDU als „queerfeindliche Partei“ und die Polizei, die gerade migrantischen Queers „weder Freund noch Helfer“ sei, an der Parade teilnehmen.
Antifa im selben Zug wie CDU und Polizei
In der Tat ist die Bandbreite der mehr als 100 Gruppen und Leute, die bei der Demo mitlaufen und mitfahren, riesig. Der Antifa-Block skandiert „Siamo tutti antifascisti“, vom Wagen hinter ihm tönt „YMCA“. Der CSD ist fast so divers wie Frankfurt. Leute in Fetischklamotten, einige junge Männer mit Hundemasken, Party People, die viel Haut zeigen, die „Omas gegen rechts“, Mitglieder von SPD, Grünen und Linken laufen zwischen Firmenwagen mit Beschäftigten in Unternehmens-T-Shirts.
Fast wie beim J.P.-Morgan-Lauf, scheinen nahezu alle großen Arbeitgeber in Frankfurt und Umgebung vertreten zu sein. Deutsche Bank, Commerzbank, Bundesbank, Fraport, Lufthansa, Continental, Procter & Gamble und viele, viele mehr. Ein paar Wirtschaftskanzleien fahren mit einem gemeinsamen Wagen durch die menschengesäumten Straßen.
Frankfurt. 19.07.2025. CSD Demonstration. Kundgebung auf dem Roemerberg und Parade durch die Innenstadt. Protest fuer die Vielfalt und Gleichberechtigung von LGBTQIA+.TAGESHONORARVeroeffentlichung nur zur aktuellen Berichterstattung, unter Beachtung des Medienprivilegs.Vereinbarung ueber Abtretung von Persoenlichkeitsrechten der abgebildeten Person(en), Model / Product Release liegt nicht vor. Foto: Renate Hoyer, 60316 Frankfurt.
Etliche der Menschen in Regenbogenfarben, die wegen des CSD in die Stadt gekommen sind, haben es sich in Lokalen gemütlich gemacht und verfolgen das Treiben bei Mittagessen oder Kaffee. Die Frankfurter Feuerwehr spritzt immer wieder mit Wasserpistolen in die Menge. Ganz vorne im Zug laufen Familien mit Kindern. Die können später zum Beispiel auf dem Miniriesenrad fahren, das auf dem neuen CSD-Areal am nördlichen Mainufer zu finden ist, dem sich der Zug, je nach Abschnitt, nach frühestens zwei Stunden nähert. Schon von Freitagnachmittag an haben viele auf dem Mainkai Infostände besucht, gefeiert und getanzt. Für andere geht die Party jetzt erst richtig los.
Polizei meldet zunächst keine Zwischenfälle beim CSD in Frankfurt
Die Polizei begleitet die Demonstration mit vielen Einsatzkräften. Zu Zwischenfällen oder gar Angriffen kommt es, wie eine Sprecherin am Sonntagmorgen auf Anfrage berichtet, beim Zug durch die Innenstadt nicht.