VonJutta Rippegatherschließen
Themencheck Gesundheit: Mehrere Landkreise starten Pilotprojekte für weniger gravierende Fälle, um den Rettungsdienst zu entlasten.
Immer häufiger wählen Menschen die Notrufnummer 112, obwohl sie in einer Arztpraxis besser aufgehoben wären: Mehr als 86 000 Mal wurden hessische Rettungsdienste im vergangenen Jahr wegen solcher Bagatellfälle in Anspruch genommen. Das waren laut Statistik des Landes sogar knapp 20.000 Einsätze mehr als für lebensbedrohliche Notfälle, für die sie tatsächlich zuständig sind.
Nicht alleine ein hessisches Problem. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will die Notfallversorgung mithilfe einer Reform entlasten und dazu die vorhandenen Strukturen aufbrechen. Dieser Tage hat die von ihm eingesetzte Expertenkommission ein Konzept vorgestellt.
Knappes Personal
Sanitäterinnen und Sanitäter sind knapp. Die Verantwortlichen suchen seit Jahren neue Strategien. Ein möglicher Lösungsansatz könnte das Konzept der Gemeinde-Notfallsanitäterin sein beziehungsweise des Gemeinde-Notfallsanitäters. Das Projekt wird in der Stadt Oldenburg sowie in den Landkreisen Ammerland, Cloppenburg und Vechta angewandt.
In Hessen gibt es Interesse, es auszuprobieren, sagt Manuel Wilhelm, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Main-Kinzig-Kreis. Außerdem dabei: die Landkreise Wetterau, Groß-Gerau und Fulda. „Der Gemeindenotfallsanitäter wird in Hessen vermutlich Akutsanitäter heißen, da er sich ja eben nicht um Notfälle kümmern soll“, sagt Wilhelm. Das Projekt sei schon recht fortgeschritten. „Ziel ist ein Start der erforderlichen zwei- bis drei-monatigen Zusatzausbildung im nächsten Frühjahr.“
Der Vorteil: Handelt es sich eindeutig nicht um einen Notfall, fährt eine nichtärztliche Kraft alleine los – etwa um Schmerzmittel für Rückenschmerzen zu verschreiben, den Blasenkatheter auszuwechseln. Der große Rettungswagen mit Intensivausrüstung bleibt in der Garage – und greifbar für die Fälle, bei denen es wirklich um Leben und Tod geht.
Landtagswahl in Hessen
Am 8. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.
Die FR führt Interviews mit den Spitzenkandidat:innen. Zwei Podiumsdiskussionen überlegen, wie die Politik auf die aktuellen Krisen reagieren sollte, und wie sich Hessen engagiert in der Entwicklungszusammenarbeit, im fairen Handel und in der Integration von Menschen aus dem globalen Süden. Schließlich bringen wir Themenchecks zu zentralen Fragen der Hessenwahl - und stellen die Frankfurter Wahlbezirke vor.
Pilotprojekt in Niedersachsen
Das auf vier Jahre angelegte Pilotprojekt in Niedersachsen startete im Januar 2019. Wer den telefonischen Notruf 112 nutzt, wird mit der Rettungsleitstelle verbunden. Die beurteilt, ob es sich um einen Notfall handelt, bei dem ein Rettungswagen erforderlich ist, oder ob eine ambulante Behandlung ausreicht. Im zweiten Fall kommt der Gemeinde-Notfallsanitäter zum Einsatz beziehungsweise die Gemeinde-Notfallsanitäterin. Einsatzbereit sind sie rund um die Uhr. Bei Bedarf veranlassen sie ergänzend eine notärztliche Versorgung.
Die speziell weitergebildeten Fachkräfte verfügen über mindestens fünf Jahre Berufserfahrung im Rettungsdienst. Sie behandeln und koordinieren die Hilfe vor Ort zwischen der Hausarztpraxis, dem Krankenhaus, Altenheim oder Pflegedienst. Bei Bedarf können sie sich per Telemedizin von Notärzten der Universitätsklinik für Anästhesiologie (AINS) am Klinikum Oldenburg beraten lassen. Die AOK Niedersachen zog jüngst eine positive Zwischenbilanz. Geplant sei nun, die Grundlagen für eine Überführung in die Regelversorgung zu schaffen.
Landtagswahl in Hessen: Themencheck Gesundheit
Diese Zusammenstellung erscheint im Rahmen eines Themenchecks zur Hessenwahl. Weiterer Text dazu:
Hintergrund: Arztpraxen sollen Bagatellen behandeln. Vor einem Jahr startete Hessen ein Projekt, das Kliniken und Rettungsdienste entlasten soll. Nach erster Euphorie macht sich Ernüchterung breit.
Gesundheit - das wollen die Parteien. Eine Zusammenstellung der Positionen.
