Landtagswahl in Hessen

Arztpraxen sollen Bagatellen behandeln

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Themencheck Gesundheit: Vor einem Jahr startete Hessen ein Projekt, das Kliniken und Rettungsdienste entlasten soll. Nach erster Euphorie macht sich Ernüchterung breit.

Die Idee findet bundesweite Beachtung: Rettungsdienste müssen nicht mehr automatisch ein Krankenhaus anfahren. Sie kooperieren mit der niedergelassenen Ärzteschaft vor Ort. Dort bringen sie die minder schweren Fälle hin, denen mit einer ambulanten Versorgung bestens geholfen ist. Das entlastet die Kliniken, die Finanzen der Krankenkassen und dient nicht zuletzt dem Patientenwohl. Eine Einweisung ins Krankenhaus ist vermieden.

So weit die Theorie. Doch die Wirklichkeit ist eine andere. Es gibt zu wenig niedergelassene Ärztinnen und Ärzte. Und daran ändert sich nichts durch SaN, die „Sektorenübergreifende ambulante Notfallversorgung“, die die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) mit Partnern aus Gesundheitswesen und Politik im Frühjahr 2022 gestartet hat.

Wer einen Arzttermin braucht, weiß: Es gibt Annahmestopps, ellenlange Wartezeiten; an Wochenenden, abends und Mittwochsnachmittags sind die Praxen zu. Der Ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter der 116 117 oft schwer erreichbar – wenn überhaupt. Wer dann nicht mehr weiter weiß, wählt dann allzu oft die Nummer 112. Die des Rettungsdiensts. Denn dort wird mit Sicherheit geholfen.

Landtagswahl in Hessen

Am  8. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.

Die FR führt Interviews mit den Spitzenkandidat:innen. Zwei Podiumsdiskussionen überlegen, wie die Politik auf die aktuellen Krisen reagieren sollte, und wie sich Hessen engagiert in der Entwicklungszusammenarbeit, im fairen Handel und in der Integration von Menschen aus dem globalen Süden. Schließlich bringen wir Themenchecks zu zentralen Fragen der Hessenwahl - und stellen die Frankfurter Wahlbezirke vor.

SaN-Projekt spielt im Wahlkampf der Hessen-Wahl eine Rolle

Mehr als 90.000 Rettungsdiensteinsätze verzeichnete die Integrierte Leitstelle des Main-Kinzig-Kreises in Gelnhausen im letzten Jahr. „Nur bei zehn bis 20 Prozent geht es um Leben und Tod“, sagt Manuel Wilhelm, ärztlicher Leiter Rettungsdienst, der Frankfurter Rundschau. Die anderen Fälle wären im ambulanten System oft besser aufgehoben, sind aber dort bei der Suche nach Hilfe gescheitert.

Klassischer Fall: Die junge Mutter mit dem fiebernden Säugling. Die in Hausmitteln kundige Oma gibt es nicht, der Kinderarzt nimmt keine Neupatienten an. Der Hausarzt macht keine Hausbesuche mehr. „Man versteht die Not“, sagt Wilhelm, der selbst auch Kinderarzt und vierfacher Vater ist. „Aber der Rettungsdienst ist nicht der richtige Ansprechpartner. Er kann den Hausarzt nicht ersetzen.“

Der Main-Kinzig-Kreis ist mit den Landkreisen Gießen und Main-Taunus einer von drei Testpiloten beim SaN-Projekt, das vor anderthalb Jahren als „bundesweit einzigartiges“ Verfahren startete, das sich als Blaupause für die gesamte Republik eignen würde. „Es bringt die Patient:innen schnell an die richtige Stelle“, versprach Sozialminister Kai Klose (Grüne). Gepriesen als „echtes Leuchtturmprojekt mit entsprechender Strahlkraft“ spielt es auch im aktuellen Landtagswahlkampf zur Hessen-Wahl 2023 eine Rolle. Viele Parteien setzen in ihren Programmen beim Thema Gesundheit auf die Ausweitung des Projekts.

Ein Rettungswagen ist mit Blaulicht im Einsatz. In vielen Fällen ist sein Einsatz eigentlich nicht nötig, weil es nicht um Leben und Tod geht (Symbolbild).

Ernüchternde Bilanz in Teilen der Gesundheitspolitik vor der Hessen-Wahl

Dabei ist die Bilanz ernüchternd: Gut 50 Patient:innen konnten die Rettungdienstteams des Main-Kinzig-Kreises im vergangenen Jahr mithilfe des Kooperationsmodells vor einer Krankenhauseinweisung bewahren. Nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der 90.000 Einsätze jährlich. Der ärztliche Leiter Wilhelm ist denn auch desillusioniert und setzt seine Hoffnung jetzt auf das Projekt „Gemeindenotfallsanitäter“ – die Kolleg:innen in Niedersaschen hätten damit gute Erfahrung gesammelt.

Eine der Praxen, die sich an SaN beteiligen, ist die von Detlef Oldenburg, Hals- Nasen- Ohrenarzt aus Hanau. Durch ihre Nähe zum Stadtkrankenhaus ist sie schon vor Beginn des Projekts eingesprungen, wenn eine ambulante Behandlung die bessere Wahl wäre. Etwa bei den meisten Fällen von extremem Nasenbluten oder von einem Abszess verursachte Schwindelerkrankungen. „Wir vermeiden damit oft die lange Fahrt an die Frankfurter Uniklinik“, sagt Oldenburg. Das spare Kosten und Ressourcen. Ein Rettungswagen, der unterwegs ist, stehe für Notfälle nicht zur Verfügung.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das Übernehmen von Notfällen nicht dazu führen darf, dass es zum Stau im Wartezimmer kommt. In der Hanauer Praxis sind insgesamt acht Ärztinnen und Ärzte tätig. Eine Personaldecke, die eine Versorgung eines Notfalls, die meist viel Zeit kostet, erst möglich macht. „Für eine Einzelpraxis ist das nicht zu stemmen.“ Und das bei einem Honorar, das den zusätzlichen Aufwand nicht berücksichtigt. Bedingung sei zudem eine Offenheit für neue Wege, sagt Oldenburg, der sich für das Projekt in eine neue Technik eingearbeitet hat.

Neue digitale Wege sind für den Erfolg des Projekts nötig

Gemeint ist IVENA eHealth – eine in Frankfurt erfundene digitale Lösung für die Kommunikation zwischen Rettungsdiensten und Kliniken. Sie wurde so weiterentwickelt, dass die sogenannten Partnerpraxen per Mausklick den Patienten oder die Patientin annehmen kann, deren geschätzte Ankunftszeit erfährt sowie Beschwerdebild, Alter und Geschlecht.

Boris Rhein: Werdegang, Wahlen und Skandale des hessischen Ministerpräsidenten

Boris Rhein: Ministerpräsident in Hessen
Boris Rhein galt schon früh als Überflieger und Hoffnungsträger der hessischen CDU. Bereits im Alter von 27 Jahren wurde der Jurist erstmals in den hessischen Landtag gewählt. Mit 38 Jahren übernahm Rhein das Amt des hessischen Innenministers. Im Jahr 2014 wurde der zweifache Vater zum Wissenschaftsminister in die schwarz-grüne Landesregierung berufen. Seit Januar 2019 war er Präsident des hessischen Landtags - inzwischen führt er die schwarz-grüne Regierung an. © Frank Rumpenhorst/dpa
Boris Rhein: Ministerpräsident in Hessen und Volker Bouffier
Den Respekt, den sich Rhein in seiner Amtszeit als Landtagspräsident erarbeitet hat, galt als ein entscheidender Punkt für die Nachfolge von Volker Bouffier als hessischer Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzender. Dass Bouffier noch während der laufenden Legislaturperiode abtrat, hatte vor allem den Grund, seinem Nachfolger die Chance auf einen Amtsbonus zu geben. Als Vertrauter von Bouffier gilt Rhein nicht.  © Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Die Frankfurter Goethe Universität
Rhein wurde als Sohn des früheren Frankfurter Schuldezernenten Peter Rhein geboren. Nach dem Abitur am Lessing-Gymnasium in Frankfurt im Jahr 1991 studierte er Rechtswissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Das Studium schloss er im Jahr 1997 mit dem Ersten Staatsexamen ab. Nach dem Zivildienst, den er als Betreuer in einem Wohnheim für Schwerbehinderte (Praunheimer Werkstätten) absolvierte, folgte im Jahr 2000 das zweite Staatsexamen. Danach war er bis zu seiner Berufung zum Minister als Rechtsanwalt tätig. © Heike Lyding/Imago
Michel Friedmann
1996 sorgte Rhein als Vertreter der Jungen Union Frankfurt mit einem verbalen Angriff gegen seinen Parteikollegen Michel Friedman für Wirbel. Anlass war die scharfe Kritik des damaligen CDU-Vorstandsmitglieds am rechten Flügel der hessischen CDU. Friedman sei eine „Belastung für die Frankfurter CDU“, sagte Rhein, der Friedman indirekt zum Parteiaustritt und zum Verlassen der Stadt Frankfurt aufforderte. SPD und Grüne missbilligten die Aussage als „skandalöse Entgleisung“. © Thomas Koehler/Imago
Rockergruppe "Hells Angels"
Im Jahr 2011 wurden Vorwürfe gegen Rhein laut, er habe Kontakte zu der Rockergruppe Hells Angels. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte über ein Telefonat berichtet, bei dem ein Mitglied der Rockergruppe Rheins Hilfe bei Auseinandersetzungen um die Straßenprostitution im Frankfurter Bahnhofsviertel gelobt habe. Rhein wies die Vorwürfe weit von sich. „Ich habe weder Kontakte zu den Hells Angels, noch unterstütze ich diese Gruppierung oder treffe Absprachen mit ihnen“, sagte er damals. Im September 2011 erließ er ein Verbot gegen zwei Hells-Angels-Vereine. © Fredrik von Erichsen/dpa
Peter feldmann
Nur wenige Monate später musste Boris Rhein den ersten großen Rückschlag seiner politischen Karriere verkraften. Dass sein Weg nicht fortwährend steil nach oben führte, lag ausgerechnet an den Wahlberechtigten in seiner Heimatstadt. Bei der Wahl um den Frankfurter Oberbürgermeisterposten erreichte Rhein im ersten Wahlgang zwar das beste Ergebnis, musste sich dann aber in der Stichwahl am 25. März 2012 deutlich seinem SPD-Kontrahenten Peter Feldmann geschlagen geben.  © Andreas Arnold/dpa
Fußballfans Frankfurt
Die Wahlniederlage könnte auch mit den Frankfurter Fußballfans zu tun haben. Selten hatten sich wohl so viele von ihnen an einer politischen Wahl beteiligt wie an jener um das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters. Und warum? Um zu verhindern, dass Rhein neues Stadtoberhaupt wurde. Ihre Abneigung machten sie auch auf dem Platz deutlich. „Ob SGE, ob FSV, Boris Rhein will keine Sau“, hieß es da gerne. Und auf Flugblättern der Ultras war zu lesen: „Rhein raus – häng deine Nase ned in Dinge, von denen du keine Ahnung hast!“ Zuvor hatte Rhein „eine härtere Gangart gegen gewaltbereite Problemfans“ angekündigt.  © Imago
Frankfurter Opernplatz
In den Jahren danach präsentierte sich Boris Rhein ohnehin gerne als Vertreter von Recht und Ordnung. Als Innenminister forderte er eine Verschärfung des Strafgesetzbuches, um Gewalttaten gegen die Polizei besonders zu ahnden. „Die Beamten, die täglich ihre Gesundheit für das Allgemeinwohl aufs Spiel setzen, brauchen mehr Schutz“, sagte er 2013. „Die zunehmende Eskalation der Gewalt muss für die Täter besondere Konsequenzen nach sich ziehen.“ Rhein fasste seine Vorstellungen unter dem Stichwort „Schutzparagraf für Schutzleute“ zusammen. © Frank Rumpenhorst/dpa
Blockupy-Proteste in Frankfurt am Main
Für großes Entsetzen sorgten die Vorfälle vom 1. Juni 2013, als die Polizei in Frankfurt massiv gegen eine genehmigte Demonstration der Blockupy-Bewegung vorging. Als damaliger Innenminister verteidigte Rhein die Entscheidung, einen Kessel um rund 1000 Menschen zu ziehen. Dies sei „nachvollziehbar, richtig und vom Gesetz gedeckt“. Schließlich habe es massive Verstöße gegen das Versammlungsrecht gegeben. Im Grundrechte-Report 2013 hingegen war von einem „verfassungsrechtlichen Skandal“ die Rede.  © Boris Roessler/dpa
Ehemaliges Poilzeigefängnis Klapperfeld
Hohn und Spott erntete Boris Rhein im Oktober 2017, als er einmal am späten Abend mit einer Gruppe von teils offenbar angetrunkenen Begleitern mal eben Einlass ins „Klapperfeld“ in Frankfurt verlangt hatte - das alternative Kulturzentrum werde schließlich mit Steuergeld unterstützt. Diejenigen, die im Haus waren, verwiesen auf das Hausrecht der Initiative „Faites votre jeu!“ und die regulären Öffnungszeiten – aus der Besichtigung wurde nichts. Im Netz wurde darüber unter dem Hashtag #Rheinwillrein gelacht.  © Imago

„Bis auf ein paar ,Kinderkrankheiten‘, die wir bereits nachgebessert haben beziehungsweise das noch tun, funktioniert dieser Prozess gut, und so wurden bisher rund 300 Patientinnen und Patienten in die aktuell 34 Partnerpraxen gesteuert“, sagt Alexander Kowalski, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen.

Jetzt gehe es darum, mehr Praxen zu gewinnen, um die Wege für die Rettungsdienste zu verkürzen. „Dazu startet jetzt in unserer Mitgliederzeitschrift eine Marketingkampagne.“ Noch vor dem Winter werde die KVH die Ärztlichen Bereitschaftsdienste in den Pilotregionen mit „ans Netz“ nehmen.

Noch müssen „einige dicke Bretter“ gebohrt werden

Die zweite Stufe des Projekts werde spätestens im Frühjahr gezündet. Dabei gehe es um das Schließen der Lücken in der Digitalisierung der Patientensteuerung. Kein einfaches Unterfangen, wie den Äußerungen des Sprechers zu entnehmen ist: „Technisch wie auch hinsichtlich des Datenschutzes sind wir dabei, hier einige dicke Bretter zu bohren.“

Die Projektpartner seien aber zuversichtlich, dass dies am Ende zum Erfolg führt. „Im Sinne der Patientinnen und Patienten, die dann noch seltener in ein Krankenhaus kommen, wenn sie gar nicht stationär behandelt werden müssen, und im Sinne der Krankenhäuser, die wir auf diesem Weg noch besser entlasten können.“

Landtagswahl in Hessen: Themencheck Gesundheit

Dieser Bericht erscheint im Rahmen eines Themenchecks zur Hessenwahl. Weitere Texte dazu:

Hintergrund: Der „Akutsanitäter“ soll bei Rückenschmerzen helfen. Mehrere Landkreise starten Pilotprojekte für weniger gravierende Fälle, um den Rettungsdienst zu entlasten.

Gesundheit - das wollen die Parteien. Eine Zusammenstellung der Positionen.

Rubriklistenbild: © Jens Büttner/dpa-Zentralbild/ZB/Symbolbild

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