VonJutta Rippegatherschließen
Themencheck Naturschutz: Das Informationsbedürfnis der Bevölkerung ist groß, die Mythen sind zahlreich. Der Wolf ist ein Aufregerthema, wissen Laura Hollerbach und Susanne Jokisch vom Wolfszentrum in Gießen.
Sein Territorium liegt in den Landkreisen Wetterau und Hochtaunus. GW 2554m heißt der Rüde, der dort am 16. März vergangenen Jahres per Losung (Kot) nachgewiesen wurde. Ein halbes Jahr später war er immer noch da, der Spross eines Rudels aus Nordrhein-Westfalen.
Damit hat GW 2554m die wissenschaftlichen Kriterien erfüllt. Er ist sesshaft geworden in Hessen. Das Territorium von einem virtuellen Durchmesser von rund 250 Quadratkilometer ist sein Revier. Hier wartet er jetzt darauf, dass eine vorbeiziehende Wölfin Gefallen an ihm findet und mit ihm eine Familie gründet.
Ob dies schon geschehen ist, weiß keiner der Menschen, die sich an diesem Mittag in dem Wald bei Butzbach treffen, der zum Forstamt Weilrod gehört. Ausnahmsweise hat der Regen gerade eine Pause eingelegt, als Laura Hollerbach und Susanne Jokisch vom Wolfszentrum in Gießen die Frankfurter Rundschau begrüßen. Die beiden haben zum Termin eine neue Wildkamera mitgebracht, um zu demonstrieren, wie sie auf dem Gelände den Wolf erforschen.
Hat GW 2554m etwa schon eine Partnerin gefunden? Fotos gibt es zwar von zwei Tieren – doch das ist kein wissenschaftlich seriöser Beleg, der den Kriterien des Monitorings standhalten würde. Es kann ja auch ein ganz anderes Exemplar sein, das hier abgelichtet wurde.
GW 2554m ist einer von insgesamt drei Einzeltieren und drei Rudeln, die erwiesenermaßen aktuell Hessen zur Heimat erkoren haben. Sie gehören zu den am besten erforschten Tieren der Republik. Gleichzeitig zu den umstrittensten. Kaum eine Naturschutzdebatte wird so emotional geführt, wie die über den Wolf. Auch ein Thema für die Hessenwahl am 8. Oktober.
Nach FDP und AFD hat die CDU die Fährte aufgenommen und das durch eine FFH-Richtlinie europaweite streng geschützte Raubtier als Wahlkampfthema entdeckt.
Der Wolf polarisiert. Beweis sind ungezählte E-Mails, die nahezu täglich im Posteingang von Hollerbach und Jokisch landen. Mitunter reichen sie bis zu persönlichen Bedrohungen. Verschwörungstheorien, gezielt gestreute Falschinformationen, dubiose Whatsapp-Gruppen. Das Netz ist voll mit Behauptungen, die einer seriösen Überprüfung nicht standhalten würden.
Dabei ist die Wahrscheinlichkeit einer Wildschweinattacke im Wald weitaus größer, als einem Wolf auch nur von weitem zu begegnen, sagen die beiden Biologinnen vom Wolfszentrum im Hessischen Landesamt für Natur und Umwelt (HLNUG). Die Unsicherheit sei groß. Das Informationbedürfnis so riesig, dass die vielen Anfragen nach Veranstaltungen personell nicht zu bewältigen sei. Speziell in den Regionen mit Territorien: „Am liebsten sollten wir zu jedem Elternabend kommen“, sagt Jokisch.
Oft sind solche Termine auch nicht gerade ein Vergnügen. Er sei rauer geworden, der Ton, der ihnen in ihrem Berufsalltag entgegenschlage, sagt Jokisch, die in ihren 30 Jahren im Landesdienst schon für viele Tiere und Pflanzen zuständig war – von der Haselmaus bis zum Arnika. „Es wird zunehmend infrage gestellt, wenn Fachpersonen ihre Arbeit machen.“
Ganz selten höre sie mal ein positives Feedback: „Vielleicht jedes 50. Mal.“ Für sie als Wissenschaftlerinnen steht das professionelle Mentoring im Fokus, ihre Haltung ist betont sachlich. Nur so viel lässt Hollerbach sich entlocken: „Es ist ein interessanter Prozess und einmalig, dass eine komplett ausgerottete Tierart zurückkehrt“.
Landtagswahl in Hessen
Am 8. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.
Die FR führt Interviews mit den Spitzenkandidat:innen. Zwei Podiumsdiskussionen überlegen, wie die Politik auf die aktuellen Krisen reagieren sollte, und wie sich Hessen engagiert in der Entwicklungszusammenarbeit, im fairen Handel und in der Integration von Menschen aus dem globalen Süden. Schließlich bringen wir Themenchecks zu zentralen Fragen der Hessenwahl.
Es gibt viele Widersprüche. Etwa die Forderung nach Informationen. Auf der anderen Seite Waldbesitzer wie bei der Stadt Rosbach im Wetteraukreis, die das Gewinnen eben dieser verhindern, indem sie das Aufstellen von Fotofallen untersagen.
Jüngst wurden im Revier von GW 2554m drei von zwölf Kameras zerstört. Zwei kaputt getreten, eine mit Kot und Toilettenpapier beschmiert. Vandalismus, dessen Sinnhaftigkeit sich nicht erschließt. Ein teurer Schaden, trotz des Schilds, das über das Projekt aufklärt. Und darüber, dass Fotos von Menschen umgehend gelöscht werden.
Die Kameras reagieren auf Bewegung, werden meist an Waldwegen angebracht. Der Wolf nutze die lieber, als sich durchs Gestrüpp zu kämpfen, sagt Hollerbach: „Er ist ressourcenschonend.“ Die beiden stellen die Kameras nicht zum Spaß auf. Die FFH-Richtlinie verpflichtet die EU-Staaten zum Monitoring streng geschützter Arten.
Freiwillig ist hingegen das Angebot des Landes an Halterinnen und Halter von Nutztieren, bei einem Riss unter bestimmten Voraussetzungen für den Schaden aufzukommen. Die sollten es dem Wolf so schwer wie möglich machen, rät Hollerbach. „Er ist Opportunist, was am leichtesten verfügbar ist, holt er sich.“
Ein Auto kommt um die Ecke. Heraus steigen Birgit Wetzel und ihr Hund, die Revierförsterin von Maibach im Forstamt Weilrod. Eine Zufallsbegegnung, die zeigt, dass Zusammenarbeit auch funktionieren kann. Jokisch und sie beraten über einer Karte, welche Standorte sich für die neuen Kameras eignen könnten. Die beiden kennen sich aus einem anderem Zusammenhang. Wetzel ist Luchsbeauftragte.
Kürzlich, sagt sie, habe sie sich für eine Schulung zum Wolf angemeldet. Seit 15 Jahren leite sie das Revier, sagt sie. Und dass sie aus einer Generation stamme, deren Wolfsbild durch das Rotkäppchen-Märchen geprägt sei. „Die jungen Leute gehen damit offener und entspannter um“, sagt Wetzel, die hofft, dass sich diese Einstellung durchsetzt. „Vielleicht ist es irgendwann normal“, sinniert die Frau, die in dem Raubtier keine Konkurrenz sieht. Im Gegenteil: „Ich als Jägerin würde mich sehr freuen, wenn der Wolf mir was abnimmt.“
Landtagswahl in Hessen: Themencheck Naturschutz
Diese Zusammenstellung erscheint im Rahmen eines Themenchecks zur Hessenwahl. Weitere Texte dazu:
Themencheck zur Hessenwahl: Wie umgehen mit dem Wolf? Das wollen die Parteien.
Interview mit Volker Lein, Vizepräsident des Hessischen Bauernverbands und Rinderhalter im Vogelsberg. Er sagt: „Mindestkonsens wäre eine Obergrenze für den Wolf“
