Wolfsangriff bei Stade

Töteten zwei neue Wolfsrudel 55 Schafe bei Stade? Jäger finden heiße Spur – Ministerium äußert sich

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Zwei Wolfsrudel haben sich wohl im Landkreis Stade angesiedelt. Die Landesjägerschaft hält es für möglich, dass sie dort im August 55 Schafe töteten. Jetzt äußert sich das Umweltministerium.

Update vom 5. September 2023, 19:00 Uhr: Gibt es zwei neue Wolfsrudel im Kreis Stade oder nicht? Diese Frage beschäftigt wahrscheinlich viele aus der Region. Bevor sie eine Antwort darauf erhalten, müssen sie sich womöglich noch etwas gedulden. Erst kürzlich fielen 55 Schafe einem Wolfsangriff in Esdorf zum Opfer. Das Niedersächsische Umweltministerium teilte heute mit, dass bei diesem Vorfall genetische Proben sichergestellt wurden.

Umweltministerium äußert sich zu 55 toten Schafen: „Eilprobe“ von Wolfsriss in Auftrag gegeben

Diese seien als „Eilprobe“ beauftragt worden. „Die Ergebnisse liegen aber noch nicht vor“, sagte Jorid Meya, Pressesprecherin des Umweltministeriums gegenüber kreiszeitung.de. Die Proben könnten Aufschluss darüber geben, wie viele Wölfe an dieser Attacke beteiligt waren und welche. So könnte es einen sicheren Hinweis darauf geben, ob es sich um das Cuxhavener Rudel handelt oder die vermeintlichen Neuankömmlinge. Nach Recherche unserer Redaktion wurden in den vergangenen Jahren in keinem Gebiet Niedersachsens derart viele Tiere auf einmal tödlich verletzt. Für mögliche Erklärungsansätze, fehlen aktuell noch Daten, so Meya auf Anfrage.

Wölfe sind Fleischfresser und fressen vor allem größere Huftiere wie Hirsche, Elche, Rehe und Wildschweine. Das teilt der Nabu (Naturschutzbund) mit. Doch immer wieder werden auch Schafe oder andere Weidetiere Wölfen zum Opfer. (Symbolbild)

Der Schadenstabelle des Umweltministeriums ist zu entnehmen, dass der Schutz der 55 Schafe „beeinträchtigt“ gewesen sein soll. Dies führte jüngst zu erhitzten Gemütern bei Landwirten und Weidetierhaltern. Meya erklärt, wie es zu diesem Vermerk kommt: „In diesem konkreten Fall ist es so, dass ein wolfsabweisender Zaun installiert wurde, die stromführende Litze aber nicht außerhalb, sondern auf der Innenseite in 20 Zentimeter Höhe am Tor angebracht wurde.“ Zudem habe es entlang des Zauns Einsprunghilfen durch Baumstümpfe gegeben.

Aus diesem Grund werden der Herdenschutz nicht als vollständig angesehen. Daraus ergibt sich also der Eintrag „beeinträchtigt“. Es gebe bei Nutztierrissen drei Kategorien: „Grundschutz vorhanden, Grundschutz beeinträchtigt (wie in diesem Fall) und Grundschutz nicht vorhanden.“

Gibt es zwei neue Wolfsrudel im Landkreis Stade? Untersuchungen des Umweltministeriums laufen.

Erstmeldung vom 4. September 2023, 18:42 Uhr: Niedersachsen – „112 Schafe auf der Weide, 18 sofort tot, 37 von drei Tierärzten eingeschläfert“, schreibt ein Mann aus Esdorf, bei Stade, am 26. August auf seiner Facebook-Seite. Er kennt den betroffenen Schäfer, teilt Fotos von dem Ausmaß der Wolfsattacke auf seiner Seite. Ein ganzer Anhänger ist gefüllt mit Kadavern. Ein Ausmaß, wie man es in Deutschland, geschweige denn in Niedersachsen, zuvor noch nicht gesehen hat. Insgesamt 55 Schafe sterben infolge des Angriffs. „Was muss denn noch alles passieren?“, die Frage des Esdorfers bleibt unbeantwortet.

55 Schafe bei Stade gerissen – Jäger noch unschlüssig: Ein Wolf oder mehrere Wölfe?

Dass hier mindestens ein Wolf am Werk war, ist nicht von der Hand zu weisen. „Schadensverursacher: Wolf“, steht in einer Tabelle des Niedersächsischen Umweltministeriums – mit dem Zusatz „amtlich festgestellt“. Auch die Landesjägerschaft bestätigte, dass es ein oder mehrere Wölfe waren und gab den Hinweis, dass auch Menschen bedroht sein könnten. Aber ist ein einziger Wolf imstande, so viele Tiere auf einmal zu erlegen? Raoul Reding, Wolfsbeauftragter der Landesjägerschaft Niedersachsen, betont gegenüber kreiszeitung.de: „Dieser Schaden kann auch von einem einzelnen Wolf verursacht worden sein.“ Die Anzahl toter Nutztiere liefere nicht automatisch einen Rückschluss auf die Anzahl der Verursacher.

Jäger stellt klar: Es kann auch ein einzelner Wolf gewesen sein – doch es gibt eine heiße Spur

Dringe ein Wolf oder mehrere Wölfe in eine eingezäunte Weide ein, könnte es zu sogenanntem „Surplus Killing“ kommen: Die Schafe können nicht fliehen. Sie sind dem Wolf ausgeliefert. Das halte den Beuteinstinkt des Raubtiers aufrecht. Er versuche dann möglichst viel Beute zu machen. „Er jagt demnach auf Vorrat, da er nicht weiß, ob er morgen wieder etwas erbeutet“, so Reding. Im Falle Esdorf könnte dies auch passiert sein. Somit könne weder bestätigt noch ausgeschlossen werden, wie viele Wölfe an der Attacke auf die 55 Schafe in Esdorf beteiligt waren. Er gibt dennoch einen leisen Verdacht.

Haben zwei neue Wolfsrudel 55 Schafe bei Stade getötet? Aktuell kann dies nicht ausgeschlossen werden.

Er kürzlich stieß die Landesjägerschaft auf Hinweise, die „zwei neue territoriale Wolfsvorkommen im Landkreis Stade“ nachweisen. Das bestätigt auch Raoul Reding. Allerdings ist dies noch nicht abschließend bestätigt. Die Hinweise reichen bisher nicht aus. Ausgeschlossen ist trotzdem nicht, dass ein Zusammenhang zwischen den Wolfsrudeln und den 55 toten Schafen bestehe.

Hinweise deuten auf neue Rudel bei Stade hin – Genetische Nachweise stehen noch aus

„Ja, es ist möglich“, so Reding. Räumlich wäre der Fall allerdings vorerst dem Rudel Cuxhaven zuzuordnen. Gegenüber dem Stader Tageblatt räumte Reding zudem ein, dass es viele Sichtungen und Nachweise gebe. Genetische Untersuchungen werden diesbezüglich weitere Erkenntnisse liefern, so Reding im Gespräch mit kreiszeitung.de. Der Wolfsbeauftragte verweist diesbezüglich auf das Niedersächsische Umweltministerium. Auf Anfrage von kreiszeitung.de lag bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme der Behörde vor. Weil das Spannungsfeld zwischen Landwirtschaft und Wolf sich durch diesen Vorfall weiter verschärft, wurde auch in der Politik die Debatte weiter angeheizt. Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) äußerte sich kritisch gegenüber der „Welt“.

„Wenn Dutzende Schafe gerissen werden und verendet auf der Weide liegen, dann ist das eine Tragödie für jeden Weidetierhalter und eine ganz große Belastung für die Betroffenen“, sagte Lemke. Dort, wo Wölfe zum Problem werden und die Anzahl der Tiere eine gewisse Kennzahl überschreite, soll es künftiger „schneller“ und „unbürokratischer“ möglich sein, die Raubtiere zu erschießen. Ende September wolle sie konkrete Vorschläge liefern. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach sich kürzlich dafür aus, dass Wölfe perspektivisch leichter geschossen werden sollten. Sie selbst hat einen emotionalen Bezug zu dem Thema.

Vor etwa einem Jahr riss ein Wolf ihr 30-jähriges Pony. Ob dieses Vorhaben erfolgreich endet, bleibt noch offen. „Die Umsetzung des Vorhabens ist jedoch kompliziert: In Deutschland sind die Bundesländer für das Wolfsmanagement verantwortlich. Bisher genießen Wölfe einen hohen Schutzstatus, sowohl nach Bundes- als auch nach EU-Recht“, heißt es in einer Mitteilung der Deutschen Presseagentur (dpa). Es könnte also ein steiniger Weg werden.

Rubriklistenbild: © IMAGO/imageBROKER/Ronald Wittek

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