MVA Hamm

Lachgas-Kartuschen als Gefahr: Explosionen „wie bei einer Bombe“

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Die Trend-Droge Lachgas ist nicht nur für Konsumenten eine Gefahr. In der MVA Hamm verursachen die Kartuschen Explosionen – mehrmals am Tag.

Hamm – Ein lauter Knall ertönt aus den Brandräumen. Die Druckmesser in den Kesseln schnellen in die Höhe. Selbst die sonst so stabilen Schaugläser zerbersten und werden zur Gefahr für die Mitarbeiter der Müllverbrennungsanlage (MVA) in Bockum-Hövel. Schaut man sich die Überbleibsel der Lachgas-Kartusche an, lässt sich die Wucht der Explosion im Brandkessel nur erahnen. „Mittlerweile passiert das mehrmals am Tag, im Durchschnitt einmal pro Schicht“, sagt Michael Funke, Geschäftsführer der MVA-Betreibergesellschaft MHB. Und: Aktuell kann er nichts dagegen tun.

Lachgas-Explosionen in Müllverbrennungsanlagen in Hamm

Es muss gehandelt werden, finden Martin Treder von der Interessengemeinschaft Thermischer Abfallbehandlugsanlagen in Deutschland (v.l.), Bundestagsabgeordneter Michael Thews und MVA-Geschäftsführer Matthias Funke.

„Das Problem ist, wir können die Stoffströme auch nicht ausmachen. Wir wissen gar nicht, aus welchem Gebiet die Lachgas-Kartuschen konkret kommen“, so Funke. Seit einigen Jahren wird der chemische Stoff missbräuchlich als Droge verwendet. Selbst Jugendliche können Lachgas einfach im Kiosk oder in der Tankstelle kaufen. Die möglichen Nebenwirkungen reichen von Taubheits- und Schwindelgefühlen über Bewusstlosigkeit bis hin zum Tod durch Ersticken. Ein Hammer landete im vergangenen Jahr mit schweren neurologischen Schäden in der Klinik.

Im Anschluss werden die Kartuschen regelmäßig zu einer Gefahr auch in der MVA. Eigentlich können die Behälter kostenfrei über den Handel zurückgegeben werden, in dem sie gekauft wurden. Auch eine Abgabe an den Sammelstellen auf den Recyclinghöfen ist möglich. Die Realität ist aber eine andere. Zu oft landen sie im regulären Restmüll. In der MVA werden sie nicht mehr aussortiert, weil der Abfall ohnehin komplett verbrannt wird. Selbst wenn sie im Bunker entdeckt würden, kann man sie mit den großen Krangreifern nicht mehr herausholen.

Umbau-Maßnahmen würden Gebührenzahler zulasten fallen

Für eine Vorschaltanlage fehlt sowohl Platz als auch Geld, für einen Umbau müsste der Betrieb zudem ruhen. „Es würde also weniger verbrannt. Die Kosten würden umgelegt und damit zulasten der Gebührenzahler gehen“, so Funke. „Da sollten wir uns überlegen, ob wir uns gefallen lassen wollen, dass das Handeln weniger zulasten aller geht“, ergänzt Michael Thews (SPD), Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Hamm-Unna II.

Vielmehr müsse man die Produzenten in die Pflicht nehmen. „Was man dabei beachten sollte, ist, dass diese Kartuschen für nichts anderes verwendet werden, es gibt dafür keine nachvollziehbare Verwendung mehr. Und hier sorgen sie für Explosionen wie bei einer Bombe“, so der Sozialdemokrat, der 2025 zum vierten Mal als Direktkandidat seiner Partei zur Wahl steht. Dabei gebe es Lösungen: Beispielsweise mit einem Pfandsystem wie beim Sodastream. „Solche Kartuschen haben wir hier fast gar nicht“, stimmt Funke zu.

„Es braucht dringend eine Initiative der Bundesregierung nach der Wahl“, macht Thews deutlich. Aus Gründen des Gesundheitsschutzes habe Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bereits ein Verbot für Jugendliche durchsetzen wollen – dann folgte der Bruch der Ampel. Mit Blick auf die Erfahrungen aus der MVA sagt der Politiker: „Ich bin für eine Kombination aus Schutzmaßnahmen und einem Pfandsystem. Klar ist, es muss gehandelt werden.“

Rubriklistenbild: © Funke Foto Services/Imago & Maximilian Gang

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