VonMaximilian Gangschließen
Der Tagebau Hambach in NRW soll ab 2030 zum zweitgrößten See Deutschlands umfunktioniert werden. Direkt am Ufer des Gewässers ist ein Wohnquartier geplant.
Elsdorf – Viele Menschen träumen von einem Haus am See. Doch solche Immobilien sind auch dementsprechend beliebt, und damit häufig rar. Zukünftig könnten weitere solcher Wohnräume in Nordrhein-Westfalen entstehen – und das am zweitgrößten See Deutschlands, zu dem RWE den Tagebau Hambach nach dem Ende des Braunkohleabbaus 2030 umfunktionieren will. Die Verantwortlichen legen große Hoffnungen ihr „Leuchtturmprojekt“, das geplante Wohnquartier direkt am Seeufer.
Wohnquartier am zweitgrößten See Deutschlands in NRW: Stadt Elsdorf legt „Masterplan“ vor
Die Transformation des rheinischen Reviers nach dem Kohleausstieg in NRW ist ein wahres Mammutprojekt. Dort, wo der Braunkohlebagger über Jahrzehnte ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht hat, soll zukünftig eine Wald-Seen-Landschaft entstehen. Eine wahre Wende um 180 Grad: Idyllische Natur statt kilometerlange braungraue Kraterlandschaften. Dadurch will man „gute Lebensbedingungen“ für zukünftige Generationen schaffen, wie es vor wenigen Wochen von den Anrainerkommunen hieß. Neben den Seen kommt der Gestaltung des Umlands dabei eine Schlüsselrolle zu.
Erst 2070 wird der Hambachsee, der mit Wasser aus dem Rhein geflutet werden soll, fertiggestellt sein. Doch schon jetzt arbeiten viele Menschen daran, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Die Stadt Elsdorf hat bereits einen „Masterplan“ für den Tagebaurand vorgelegt, der aufschlüsselt, was alles auf ihrer Seite des geplanten Sees entstehen soll. Einer der Aspekte darin: Im Laufe der Zeit soll ein Wohnquartier vor Ort immer weiter an die Kante des Tagebaus vorrücken. Die Umsetzung des „Masterplans Zukunftsterrassen Elsdorf“ ist dabei in drei Phasen aufgegliedert.
Phase 1 vom „Masterplan“: Panoramaweg und Food-Campus am Hambachsee in NRW
In der ersten Phase, die noch während dem Tagebaubetrieb gestartet werden soll, geht es den Verantwortlichen darum, die Rahmenbedingungen für ein zukunftsfähiges Wohnquartier zu schaffen. So soll die derzeitige Tagebaurandstraße zu einem Panoramaweg für Auto, Radfahrer und Fußgänger ausgebaut, und anschließend mit touristischen Highlights, wie der Sophienhöhe und der Elsdorfer Innenstadt, verknüpft werden. Zudem wird aus der ehemaligen Zuckerfabrik der Firma Pfeiffer & Langen bereits jetzt ein „Food Campus“, der Raum für Forschung und Produktion in den Bereichen Ernährung und Gesundheit bieten soll.
Riesige Tagebauseen in NRW: Kritik an dem Vorhaben
Die Entnahme des Wassers für die Tagebauseen aus dem Rhein sorgte gleich von mehreren Seiten für Kritik: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fürchtet, dass der Rhein zukünftig sowieso schon zu wenig Wasser führen könnte und zweifelt an der Durchführbarkeit des Projekts. Auch Anwohner zeigten sich mit dem Vorhaben von RWE rund um den Tagebau Hambach unzufrieden. In Dormagen sorgt das Vorhaben, den zweitgrößten See Deutschlands in NRW entstehen zu lassen, für reichlich Unmut.
Zweitgrößter See Deutschlands: Ferienpark & Waldbühne – Wohnquartier rückt näher ans Ufer
Ab 2030 geht der Braunkohleabbau im Tagebau Hambach im Rahmen des gesetzlichen Kohleausstiegs in NRW zu Ende. Damit startet die zweite Phase, in dem die „Zwischennutzung der zur Verfügung stehenden Flächen“ im Mittelpunkt stehen soll, wie es von der Stadt Elsdorf heißt: Ab dann sollen die Wohnbereiche in den südlichen Teilen von Esch, Elsdorf und Giesendorf – die aktuell noch in einem gewissen Abstand zur Tagebaukante liegen – bis zum neu geschaffenen Panoramaweg „maßvoll“ erweitert werden. Die Annahme: Durch die Transformation der Tagebauregion wird die schon jetzt sehr hohe Nachfrage nach Bauland weiter steigen.
Unmittelbar vor der Sophienhöhe soll ein Ferienpark im Wald entstehen. Auch eine Seilbahn bis zur Spitze der Höhe ist angedacht. Auf einer aufgeschütteten Plateaufläche am Tagebau Hambach soll es eine Waldbühne für Konzerte und Festivals sowie Wiesen-, Sport- und Spielflächen geben. Auf den angrenzenden Böschungsflächen sollen sogenannte „Novel Food“-Testfelder, also Testfelder für neuartige Lebensmittel (dazu zählen beispielsweise Lebensmittel aus Zellkulturen), sowie eine Erholungsfläche entstehen. Langfristig sind auch landwirtschaftliche Flächen, Waldflächen und drei weitläufige Standabschnitte angedacht.
Drei Halbinseln am zweitgrößten See Deutschlands geplant – Wohnraum direkt am Ufer
Die dritte Phase beginnt, nachdem der Tagebau Hambach mit Rheinwasser geflutet worden ist. Dann kann auch die Siedlungsentwicklung bis unmittelbar an das Ufer des Hambachsees fortschreiten, denn: Bis das Gewässer seinen endgültigen Zustand erreicht, muss unter anderem für Wohnbebauung ein Sicherheitsabstand von 400 Metern eingehalten werden. Diese Vorgabe fällt nach der Fertigstellung des zweitgrößten Sees Deutschlands weg.
Nach der Befüllung des Sees soll das endgültige Hafenquartier „:vista nova“ entstehen, so der „Masterplan“ der Stadt Elsdorf. Dafür soll die zuvor aufgeschüttete Plateaufläche in drei Halbinseln unterteilt werden, wie es in einer Vereinbarung von RWE und der Neuland Hambach GmbH heißt. Darauf sind unter anderem Neubauflächen für touristische Versorgung angedacht. Auch Anlegepunkte für Boote sowie eine Fähre sind vorgesehen, um die unterschiedlichen Tagebauseiten auf dem Wasserweg miteinander zu verbinden.
Neuland Hambach GmbH
Die Neuland Hambach GmbH wurde von den sechs Anrainerkommunen Elsdorf, Jülich, Kerpen, Merzenich, Niederzier und Titz ins Leben gerufen. Die Gesellschaft vertritt die Interessen der Bürgerinnen und Bürger im Umkreis, kümmert sich um die strukturpolitische Entwicklung und die Koordination der Zukunftsperspektiven sowie um die Akquise von Fördermitteln und Investitionen.
Masterplan soll „Träume und Pläne“ erfüllen: „Das ist gut für Elsdorf. Das ist gut für die Region“
„Wir nehmen den vorgezogenen Kohleausstieg an und zeigen, wie der viel beschworene Strukturwandel funktionieren kann“, sagte Elsdorfs Bürgermeister Andreas Heller bei der Vorstellung des Masterplans. Man müsse schon jetzt – einige Jahrzehnte, bevor der Hambachsee gefüllt ist – an den „Träumen und Plänen“ für die Region arbeiten. „Wahrscheinlich können sich nur die wenigsten vorstellen, wie schön unsere Stadt bald aussehen wird“. Es sei aber von elementarer Bedeutung, schon jetzt ein klares Bild für die Zukunft zu haben, wie der CDU-Politiker sagte: „Entweder haben wir jetzt einen Plan oder es wird für immer zu spät sein“. (mg) Fair und unabhängig informiert, was in Köln & NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.
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