Nahost

Gaza-Krieg und die Berichterstattung: Die falschen Lehren gezogen

Die Berichterstattung über den israelischen Krieg in Gaza zeigt nicht die ungeheure Gewalt, die dort wütet. Ein Gastbeitrag von Politikern der Linken. Ein Beitrag von Nicole Gohlke, Cem Ince, Cansin Koktürk, Lea Reisner, Janine Wissler.

Berlin/Gaza – Der deutsche Gaza-Diskurs: Verzerrt und einseitig: Die ohnehin brüchige Waffenruhe in Gaza wurde von Israel beendet. Die Folge: massive Bombardierungen, über 700 getötete Palästinenser in nur drei Tagen, darunter mehr als 200 Kinder. Wäre eine solche Gewalt in einem anderen Krieg verübt worden, wäre der Aufschrei in Deutschland gewaltig. Doch wenn Israel Wohnhäuser und Schulen zerstört und unschuldige Zivilisten tötet, bleiben die Reaktionen verhalten. Medien und Politik bedienen sich einer auffallend milden Wortwahl.

Einseitige Berichterstattung in deutschen Medien: Kontrast zu israelischen Angriffen „gravierend“

Der Kontrast zwischen der Berichterstattung in Deutschland und der in internationalen sowie israelischen Medien wie der „Haaretz“ ist gravierend. So titelte The Guardian zu den israelischen Angriffen: „Israel bricht den Waffenstillstand im Gazastreifen und tötet mehr als 400 Palästinenser bei IDF-Angriffen.“ Deutsche Medien hingegen sprachen fast ausnahmslos von Angriffen auf Hamas-Stellungen – eine Darstellung, der von Beobachtern vor Ort widersprochen wird. Tatsächlich wurden Schulen, Wohnhäuser, Flüchtlingslager und Arztpraxen bombardiert.

Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert

Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Am 7. Oktober 2023 feuern militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel ab. Die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas, die von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, hatte den Beginn einer „Militäroperation“ gegen Israel verkündet. © Hatem Moussa/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen ist Rauch aus einem Wohnhaus zu sehen.  © Ilia Yefimovich/ dpa
Israelischer Soldat mit Hund im Israel Krieg
Ein israelischer Soldat geht mit seinem Hund zwischen Autos in Deckung.  © Ohad Zwigenberg/ dpa
Israelische Polizisten evakuieren Frau und Kind im Israel Krieg
Israelische Polizisten evakuieren eine Frau und ein Kind von einem Ort, der von einer aus dem Gazastreifen abgefeuerten Rakete getroffen wurde. © Tsafrir Abayov/ dpa
Militante Palästinenser fahren im Israel Krieg mit einem Pickup, auf dem womöglich eine entführte deutsch-israelische Frau zu sehen ist.
Militante Palästinenser fahren mit einem Pickup, auf dem möglicherweise eine deutsch-israelische Frau zu sehen ist, in den Gazastreifen zurück. Die islamistische Hamas hatte mitgeteilt, ihre Mitglieder hätten einige Israelis in den Gazastreifen entführt. © Ali Mahmud/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Angehörige der Feuerwehr versuchen, nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen das Feuer auf Autos zu löschen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Menschen suchen in Trümmern nach Überlebenden nach massive Raketenangriffen aus Gazastreifen auf Israel.
Menschen suchen zwischen den Trümmern eines bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Hauses nach Überlebenden.  © Omar Ashtawy/ dpa
Verlassene Stätte des Festivals Supernova nach dem Angriff der Hamas
Bei dem Rave-Musikfestivals Supernova im israelischen Kibbuz Re’im sterben rund 270 Besucher:innen. So sieht die verlassene Stätte nach dem Angriff aus.  © JACK GUEZ / AFP
Feiernde Palästinenser nach Angriff der Hamas auf Israel
Palästinenserinnen und Palästinenser feiern in Nablus nach der großen Militäroperation, die die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, gegen Israel gestartet haben.  © Ayman Nobani/ dpa
Hamas-Großangriff auf Israel - Gaza-Stadt
Das israelische Militär entgegnete mit dem Beschuss von Zielen der Hamas im Gazastreifen. Nach einem Angriff steigen bei einem Hochhaus in Gaza Rauch und Flammen auf. © Bashar Taleb/ dpa
Mann weint in Gaza bei Israel Krieg
Ein Mann umarmt einen Familienangehörigen im palästinensischen Gebiet und weint.  © Saher Alghorra/ dpa
Israelischer Soldat im Israel Krieg steht neben Frau
Am 8. Oktober beziehen israelische Soldaten Stellung in der Nähe einer Polizeistation, die am Tag zuvor von Hamas-Kämpfern überrannt wurde. Israelische Einsatzkräfte haben dort nach einem Medienbericht bei Gefechten in der an den Gazastreifen grenzenden Stadt Sderot mehrere mutmaßliche Hamas-Angehörige getötet. © Ilan Assayag/ dpa
Nach Hamas Großangriff - Sa'ad
Israelische Streitkräfte patrouillieren in Gebieten entlang der Grenze zwischen Israel und Gaza, während die Kämpfe zwischen israelischen Truppen und islamistischen Hamas-Kämpfern weitergehen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Palästinensisches Kind in einer Schule, die im Israel Krieg als Schutz dient
Ein palästinensisches Kind steht auf dem Balkon einer Schule, die von den Vereinten Nationen betrieben wird und während des Konfliktes als Schutzort dient.  © Mohammed Talatene/ dpa

Ein weiteres Beispiel: Die Vertreibung von Palästinensern wurde in Deutschland als „Israel ruft Anwohner der Grenzgebiete in Gaza zur Flucht auf“ bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich um eine gezielte ethnische Vertreibung mit dem Ziel, diese Gebiete langfristig zu besetzen. US-Präsident Donald Trump spricht von einer „Riviera des Nahen Ostens“, die in Gaza geschaffen werden soll, wenn die Bevölkerung „umgesiedelt“ – also vertrieben – wurde. Diese selektive Wortwahl beeinflusst die Wahrnehmung der Ereignisse erheblich.

Politische Doppelmoral: Kritik der Bundesregierung zum Vorgehen Israels bleibt fast gänzlich aus

Während zumindest leichte mediale Kritik an Israels Vorgehen existiert, bleibt sie seitens der Bundesregierung und der meisten Parteien fast gänzlich aus. Nachdem der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehl gegen Benjamin Netanjahu erlassen hat, erklärte die Bundesregierung lediglich, ihren Umgang damit prüfen zu wollen, und Friedrich Merz machte deutlich, diesen völkerrechtlich bindenden Haftbefehl keinesfalls umzusetzen.

Die Blockade von Strom und Lebensmitteln durch Russland gegen die Ukraine wurde in Deutschland einhellig als Kriegsverbrechen verurteilt. Israel tut im Gazastreifen dasselbe – und Deutschland schweigt und liefert sogar weiterhin Waffen. In den ersten Monaten des Krieges wurde die Gewalt noch mit israelischer „Selbstverteidigung“ nach den brutalen Angriffen, Morden und Geiselnahmen der Hamas am 7. Oktober gerechtfertigt. Doch je deutlicher das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung wurde, desto mehr wandelte sich das Narrativ: Nun wird die „Staatsräson“, ein Begriff der auch in Bundestagsresolutionen bemüht wurde, um Kritik an Israel zu delegitimieren und die Meinungsfreiheit einzuengen, als Argument für die bedingungslose Unterstützung Israels angeführt.

Die deutsche Staatsräson fragwürdig: Ampelparteien, Union und AfD erkennen Verteidigung Israels an

In Deutschland umfasst die „Staatsräson“ nicht nur die eigene, sondern auch die Sicherheit eines anderen Staates. Doch was bedeutet es, einen Staat zu verteidigen, der eine illegale Besatzung aufrechterhält, Kriegsverbrechen begeht und in dessen Regierung Politiker sitzen, die offen ethnische Säuberung fordern?

Trauernde Frau in Gaza. Über 50000 Menschen fielen dem Krieg zum Opfer.

Selbst wenn man diesen speziellen Begriff der Staatsräson akzeptiert, gibt es unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Die Ampelparteien, sowie die Union und die AfD, sehen ihn als bedingungslose Verteidigung Israels – egal, welche Politik dessen Regierung verfolgt. Doch es gäbe eine alternative Interpretation: Wahre Staatsräson müsste darauf abzielen, eine langfristige Friedenslösung zu finden. Dies würde bedeuten, Besatzung und Krieg zu beenden, anstatt Waffen zu liefern. NGOs, die Kriegsverbrechen kritisieren, sollten unterstützt werden – nicht sanktioniert. Zudem müsste Deutschland sich für die Umsetzung der vom Internationalen Gerichtshof empfohlenen Maßnahmen gegen die Besatzung einsetzen und die Haftbefehle des IStGHs umsetzen.

Eine falsche Lehre aus der Geschichte: Bundesregierung steht trotz radialen Äußerungen hinter Katz

Immer wieder wird die deutsche Geschichte als Argument für die bedingungslose Unterstützung Israels herangezogen. Doch die Lehren aus dem Holocaust sollten bedeuten, sich weltweit gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Form der Unterdrückung einzusetzen. Stattdessen unterstützt Deutschland eine Regierung, in der sich selbsternannte Faschisten befinden, die einen Krieg führt, den namhafte israelische und internationale Wissenschaftler als Genozid bezeichnen, und die das Völkerrecht ignoriert.

Die jüngsten Äußerungen von Verteidigungsminister Israel Katz, der explizit der Bevölkerung in Gaza mit nie gekannter Gewalt, völliger Verwüstung und Zerstörung droht, machen deutlich, dass es der israelischen Regierung nicht um die Befreiung der Geiseln geht. Sie müssen auch in Deutschland zu einem Aufschrei und zu einem (Dis)Kurswechsel führen.

Ein Beitrag von Nicole Gohlke, Cem Ince, Cansin Koktürk, Lea Reisner, Janine Wissler.

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