VonPeter Rutkowskischließen
Die Massaker der Hamas in Israel werfen immer noch Fragen auf - viele andere sind längst beantwortet. Diese Antworten sollten nicht vergessen werden.
Jerusalem – Die Hamas (ein Akronym für „Islamische Widerstandsbewegung“) übernimmt nach einem kurzen Krieg gegen die PLO/Fatah 2007 die Macht im Gazastreifen. Die islamistische Organisation hat in der Enklave am Mittelmeer bei der bislang letzten palästinensischen Wahl 2006 eine Mehrheit der Abgeordneten gewinnen können – obwohl anscheinend nur eine Minderheit sie gewählt hat.
Die Hamas macht sich daran, im Gazastreifen ihre Macht wortwörtlich zu zementieren: In den folgenden Jahren zweigt ihre Zivilverwaltung von der reichlichen Entwicklungshilfe aus Europa und dem arabischen Raum Geld, Baumaterialien, Gerätschaften und Treibstoff für ihre militärischen Zwecke ab. Die Bevölkerung von Gaza versucht derweil mit viel Improvisation, wenigstens etwas mehr zu leben, denn bloß zu überleben. Korruption ist verbreitet.
Lage im Gazastreifen nach Israelischem Unabhängigkeitskrieg 1948 – ägyptische Verwaltung
Der Gazastreifen ist wirtschaftlich nicht lebensfähig. Vor allem palästinensische Männer verdingen sich als Tagelöhner in Israel, um Geld in die Enklave zu bringen. Die ist eine Folge der Teilung des ehemaligen UN-Mandatsgebietes Palästina nach dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948: Der plötzlich aufgrund zahlreicher staatenloser Flüchtlinge überfüllte Geländestreifen kam damals unter ägyptische Verwaltung.
Kairo gewährte diesen Menschen nicht die ägyptische Staatsbürgerschaft – so wenig wie Syrien, Jordanien und der Libanon das mit den zu ihnen Geflüchteten taten. Als „Palästinenser“ werden sie erst bekannt, nachdem die Israelis im Sechs-Tage-Krieg 1967 Gaza und den kompletten Sinai bis zum Suezkanal, die Westbank und die Golanhöhen erobern. Die gedemütigten „arabischen“ Staaten schlagen Israels Vorschlag aus, diese Gebiete für Friedensverträge zurückzugeben. Gaza bleibt bis 1994 israelisch besetzt; dann übernimmt im Zuge der Oslo-Vereinbarungen die neue Palästinensische Autonomiebehörde die Kontrolle.
Geschichte der Hamas: Aufbau einer militärischen Struktur und Bau von Tunnelanlagen
Die Hamas kann die alte Garde von PLO/Fatah/Autonomiebehörde im eingepferchten Gaza, wo die Hälfte der Bevölkerung unter 18 Jahre ist, gut gebildet und ohne jede Perspektive, auch überwältigen, weil sie mit der friedfertigen Parole „Wandel und Reform“ eine Perspektive zu bieten scheint – und im Zuge der islamistischen Revolution das palästinensische Selbstwertgefühl religiös steigert, da man mit dem alten Nationalismus der PLO enttäuscht abgeschlossen hat.
In den 16 Jahren ihrer Herrschaft – die auch durch den letzten Abzug der Israelis 2005 und die Aufgabe von Siedlungen dort gestärkt wurde – baut die Hamas ihre militärische Struktur auf und zieht unter Gaza weitläufige Tunnelanlagen ein: Die beruhen teils auf Schmuggelrouten aus und nach Ägypten und teils auf der Untertage-Strategie, die auch die Hisbollah im Libanon einrichtete und damit sehr effektiv die 2006 eindringenden israelischen Truppen bekämpfte. Die Idee von unterirdischen Zentralen, Arsenalen, Ruheräumen und Verbandsstationen stammt aus dem US-Vietnamkrieg, als Vietcong und nordvietnamesische Armee weite Gebiete untertunnelten.
Der „Gelegenheitsterror“ verkommt zur Normalität
Waffen, Munition, Ausrüstung erhält die Organisation in dieser Zeit aus verschiedenen Quellen. Der Sinai ist ein Netz an Schmuggelrouten, über die sehr viel transportiert wird. Über See können militärische Ladungen zudem von der Türkei aus oder via Suezkanal aus dem Indischen Ozean kommen.
Israel bemerkt die Aktivitäten der Hamas, um „alle besetzten Gebiete zu befreien“, vor allem durch die unregelmäßig, aber in der Regel geballt auf israelisches Gebiet abgefeuerten Raketen, Typ „Qassam“. Diese sind zuerst wenig ausgefeilte Eigenkonstruktionen der Hamas, die im Laufe der Jahre technisch versierter werden, aber insgesamt zu Rohrkrepierern neigen. Die Israelis vergelten Raketenangriffe regelmäßig. Gefährlicher sind die Attacken Einzelner – meist mit Messern –, insbesondere in Jerusalem. Die Hamas fordert solche Aktionen schnell für sich ein und hofft dadurch auf internationale Aufmerksamkeit dadurch. Tatsächlich zeigt sich aber, dass der „Gelegenheitsterror“ und die harsche israelische Reaktion darauf immer mehr zu einer Normalität verkommt, über die nicht mehr berichtet wird.
Netanjahus Frieden mit den Arabischen Emiraten und Bahrain – „Abraham-Abkommen“
Das Fass zum Überlaufen bringt dann die rechtsradikal-religiöse Regierungskoalition von Benjamin Netanjahu, die im September 2020 mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und mit Bahrain Frieden schließt. Diese „Abraham-Abkommen“, durch die nach und nach die Beziehungen mehrerer arabischer Staaten zum Erzfeind in Jerusalem befriedet werden sollen, bedeuten für die Hamas und andere Terrorgruppen das potenzielle Versiegen ihrer Haupteinnahmequellen: die Zuwendungen der Öl-Staaten.
Zwei Jahre lang plant daraufhin die Hamas eine Aktion unter dem Codenamen „Al-Aksa-Flut“, zum Teil bewirbt sie sie sogar weltöffentlich durch das Publizieren von Videos im Internet, die Überfälle auf israelische Siedlungen, Attacken via Gleitschirmen sowie die Entführung von Geiseln simulieren. Das offizielle (politische) Israel lenkt sich damit ab, dass die Gewalt der Siedlerbewegung im Westjordanland nun mit staatlicher Unterstützung vorangetrieben wird. Netanjahu lässt das alles geschehen, da die extremistischen Kleinparteien seines „Sicherheitsministers“ Itamar Ben-Gvir und seines Finanzministers Bezalel Smotrich ihn an der Macht halten und damit vor der Verfolgung durch die Gerichte wegen Korruption schützen.
Israel ist politisch tief gespalten
Die nicht abreißenden Demonstrationen des säkularen, westlich aufgeklärten Israel gegen die extremistische Regierung vermitteln das Bild eines tief gespaltenen Landes, das nicht mehr zu konzertiertem Selbstschutz wie in all seinen Kriegen fähig ist. Schließlich kündigen sogar Reservistinnen und Reservisten an, den Dienst zu verweigern. Die Armee, die seit Jahrzehnten versucht, ihren Missbrauch als Besatzungsmacht und Unterdrückungsapparat zu verhindern, scheint nahe am Verlust ihrer Kampffähigkeit.
Unit 8200 („Einheit Acht-200“), die Späh- und Dechiffrierabteilung des Militärgeheimdienstes, zirkuliert 2023 unter Israels Generalität einen Bericht, der die Absichten der Hamas für einen großen Terrorangriff im Süden des Landes weitgehend exakt beschreibt. Die meisten Kommandierenden schenken dem keinen Glauben; für sie steht fest, dass die Hamas nicht zu so etwas fähig ist. 8200 verteidigt nicht weiter ihre Erkenntnisse. Auch ihr Chef, Brigadegeneral Yossi Sariel, unterstützt seine Untergebenen nicht; in der israelischen Armee hat sich eine sträfliche Kultur der absoluten pyramidalen Autorität festgesetzt. Der 8200-Bericht verschwindet in den Schubläden. Brigadier Sariel wird wegen seiner Nachlässigkeit am 12. September 2024 von seinem Posten zurücktreten.
Massaker der Hamas am 7. Oktober: Musikfestivals im Süden Israels
Am 7. Oktober steht in Israel der Feiertag Simchat Tora auf dem Kalender, ein auch bei Säkularen beliebter Feiertag, an dem besonders Kinder beschenkt und gefeiert werden. Dieser Sabbat markiert das Ende einer Reihe religiöser Festtage, die eine Woche zuvor mit dem Laubhüttenfest Sukkot begonnen hat. Im Süden Israels soll dieser Tag mit zwei Musikfestivals gefeiert werden, Supernova bei Re’im und Psyduck bei Nir Oz.
Um 6.30 Uhr Ortszeit (5.30 Uhr, Europäische Sommerzeit) am 7. Oktober greift die Hamas an.
20 Minuten lang feuert die Hamas rund 4300 Raketen auf Israel ab, bis nach Tel Aviv gibt es Luftalarm. Spezialisten der Hamas machen sich mit Sprengsätzen und Bulldozern daran, die Grenzbefestigungen rund um Gaza zu durchbrechen. Drohnen zerstören Sicherheitskameras und Selbstschussanlagen. Den einsickernden Kommandos folgen nach und nach nicht in die Hamas-Pläne eingeweihte Palästinenser, die spontan mitmachen. Die Hamas-Leute sind offenbar durch die vom syrischen Staat produzierte Droge Captagon aufgeputscht.
An 119 Stellen wird der Grenzzaun durchbrochen. Die Terroristentrupps sind exakt instruiert, wohin sie sollen. Über Jahre gesammelte Informationen zu den israelischen Ortschaften, Kibbutzim und Moschavs (die ältesten Siedlungen vom vor dem Ersten Weltkrieg) leiten ihnen den Weg. Ihr Auftrag: so weit wie möglich ins Land vordringen, Terror verbreiten, Geiseln nehmen.
Die Angriffsziele sind mit Bedacht gewählt: Während die religiösen und anderen Radikalen sich vorallem in Zentralisrael und in der Westbank tummeln, ist der Süden des Landes gerade in der Umgebung Gazas dominiert von einer traditionell linken zionistischen Community. Die Bevölkerung mancher Kibbutzim hat in den vergangenen Jahren begonnen, privat Rettungsfahrten nach Gaza hinein und zu israelischen Hospitälern zu organisieren, um Kranken und Verletzten aus der Enklave zu helfen.
Hamas überrascht Israel mit Angriffen am 7. Oktober
Israel ist von der „Flut“ der Hamas so überrascht wie seit den ägyptisch-syrischen Angriffen an Yom Kippur 1973 nicht mehr. In den ersten Stunden des 7. Oktober herrscht in den Kommandostellen und in Regierung Chaos. Gegenwehr funktioniert nur spontan und lokal: Wer eine Waffe hat, versucht sich und andere zu verteidigen. Wer keine hat, versucht sich und andere in Sicherheit zu bringen.
Auch ein Jahr später wird niemand sagen können, wie viele Menschen an diesem Tag exakt umkamen, wie viele nach Gaza verschleppt wurden. Die bis dato verlässlichsten Zahlen sprechen von 1180 Toten (darunter 71 aus dem Ausland), rund 3400 Verwundeten und 251 Verschleppten auf israelischer Seite. Von den schließlich 6000 eingedrungenen Palästinensern (zwei Fünftel davon Zivilisten, darunter auch einige Mitarbeiter des UN-Gaza-Hilfswerks UNRWA) kommen etwa 1600 ums Leben und 200 werden gefangengenommen.
Die Sicherheitsbeauftragte des Kibbutz Nir Am kann mit ihrem Team die Angriffe der Hamas abwehren. Das Kibbutz ist das einzige der angegriffenen, das keine Verluste zu beklagen hat. Im Moshav Yakhini werden die Terroristen bis zum Eintreffen der Armee in Schach gehalten: Der Chef der Siedlung koordiniert das Sicherheitsteam von seinem Urlaubsort in Thailand aus. Insgesamt kommt es zu 23 Gefechten zwischen Israelis und Palästinensern.
Netanjahu nach den Hamas-Massakern: „Wir befinden uns im Kriegszustand“
Ab 9.45 Uhr schießen Luftwaffe und Artillerie nach Gaza hinein. Währenddessen dauern die Kämpfe am Boden in Südisrael immer noch an. Netanjahu verkündet im Lauf des Tages: „Wir befinden uns im Kriegszustand.“ Die Operation „Schwerter aus Eisen“ beginnt, mit der die Hamas in Gaza physisch vernichtet werden soll. Israelische wie westliche Fachleute warnen davor: Häuser- und Straßenkämpfe enden praktisch nie erfolgreich für den Angreifer und der unausweichlich negative politische und mediale Effekt führt in der Regel zum Wiederaufleben des niedergerungen geglaubten Gegners. Seit nun einem Jahr währen die Kämpfe in Gaza, ohne dass ein Ende oder ein israelischer Sieg absehbar wäre. Waffenstillstandsverhandlungen bleiben weiterhin ohne Aussicht auf Erfolg.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




In den Wochen der Trauer nach den Massakern verbreitet sich die Überzeugung, dass der 7. Oktober den höchsten Blutzoll vom Volk Israel seit dem Holocaust gefordert hat. Fast schlimmer noch: Ein gewachsenes Gefühl einer prinzipiell sicheren Existenz des Staates Israel ist zerstört.
Identifizierung der Opfer nach dem 7. Oktober
Die forensischen Institute und Pathologien des Landes kommen derweil nicht hinterher mit der Identifizierung der Toten, die bei ihnen eingeliefert werden. Freiwillige helfen aus. Viele von ihnen sind ungeheurer psychischer Belastung ausgesetzt: Sie sehen tote Frauen, die so oft vergewaltigt wurden, dass ihre Becken brachen, bei lebendigem Leibe Verbrannte, Verstümmelte ... Schließlich werden archäologische Fachleute herangezogen: Manche Überreste haben nichts Menschliches mehr an sich.
Das jüngste Opfer ist die kaum zehn Monate alte Mila Cohen, die in den Armen ihrer Mutter im Kibbutz Be’eri erschossen wird. Die meisten Toten, vielleicht 360, finden sich auf dem Gelände des Supernova-Festivals; einige wird die Hamas in einem Autostau aus nächster Nähe exekutieren. Die Palästinenser zerstören, töten, vergewaltigen, bis sie im Laufe der nächsten ungefähr 36 Stunden entweder selbst getötet oder gefangengenommen werden oder nach Gaza zurück flüchten können. Sicherheitskameras in Ortschaften und vor Siedlungen filmen manche der Gräueltaten. Die Hamas verbreitet im Netz Videos, die einige ihrer Leute während der „Flut“ mit Bodycams aufgenommen haben. Israelische Rettungskräfte und Militärs filmen teilweise, was sie vor Ort finden.
Pro-Palästina-Aktionen nach dem Angriff der Hamas – rechter, linker und arabischer Antisemitismus
Es dauert aber kaum eine Woche nach dem 7. Oktober, bis sich ein weiteres Narrativ entwickelt: Die Evidenz der Massaker wird von israelkritischen Kreisen in Frage gestellt und als israelische Inszenierungen abgetan. Viele Gruppen im Westen protestieren gegen das israelische Vorgehen in Gaza. Ein Motor des Protests ist dabei – neben anderen Motiven – eine Ideologie der Postcolonial Studies, wonach die Welt sich in Unterdrücker und Unterdrückte aufteilt. Demnach ist Israel ein Unterdrücker, dem zu widerstehen sei. Hinter vielen Pro-Palästina-Aktionen, die ausufern, steckt aber klassischer rechter, linker oder arabischer Antisemitismus. Viele Protestierende sind aber ausschließlich getrieben von der militärischen Gewalt Israels, die in Gaza laut UN inzwischen 40 000 Tote gefordert hat.
Heute zeigt sich nach und nach ein einigermaßen gesichertes Bild der Absichten der Hamas: Sie hatte ein weitaus tieferes Eindringen nach Israel projektiert; der Süden Israels wäre dann auf Wochen zum Schlachtfeld geworden – und Tausende, wenn nicht Zehntausende Israelis wären systematisch gemordet worden. (Peter Rutkowski)
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