Krankmachendes Klima

Klimawandel als „größte Gesundheitsgefahr“ – Experten warnen: „Wir sind nicht gut vorbereitet“

  • schließen

Hitzewellen, exotische Insekten, Dürre. Der Klimawandel ist spürbar. Und er wird dem Menschen immer gefährlicher. Experten warnen vor einer Entwicklung, auf die wir nicht gut vorbereitet sind.

Frankfurt – Die Klima-Veränderungen sind deutlich spürbar: Sie machen sich mit immer neuen Rekord-Hitzewellen mit tropischen Zuständen bemerkbar. Doch nicht nur die steigenden Temperaturen bringen große Gefahren mit sich, sodass Karl Lauterbach den „Hitzeschutzplan“ ganz oben auf seine Agenda setzt. Auch Infektionskrankheiten, Allergien und Antibiotikaresistenzen nehmen zu. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Menschen. Welche unterschätzten Gesundheitsgefahren des Klimawandels gibt es? Darüber sprach Professor Jonas Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin mit fr.de von IPPEN.MEDIA.

Temperaturen in Europa steigen doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt (Symbolbild)

Klimawandel verursacht immer mehr Gesundheitsrisiken: „nicht gut vorbereitet“  

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte vor dem Klimawandel bereits als „der größten Gesundheitsbedrohung für die Menschheit“. Zwischen 2030 und 2050, so die Schätzungen der WHO, wird der Klimawandel etwa 250.000 zusätzliche Todesfälle pro Jahr verursachen, die unter anderem auf Unterernährung, Malaria, Durchfall und Hitzestress zurückzuführen seien werden. „Darauf sind wir nicht gut vorbereitet“, sagt Professor Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe und Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.

„Es trifft die Schwächsten“: Gesundheitsgefahren des Klimawandels

Das Zusammenspiel von steigenden Temperaturen, sich ausbreitenden Infektionserregern und einem überlasteten Gesundheitssystem mit schlechter Versorgung bringe erhöhte Gesundheitsrisiken mit sich, die die Bevölkerung auch hierzulande betreffen: „Und zwar vor allem die Schwächsten. Wer eine klimatisierte Villa mit Pool hat, in den gesprungen werden kann, wenn es heiß ist, macht sich weniger Gedanken.“ Wenigstens, solange kein Verbot ausgesprochen wird, private Pools zu befüllen.

Betroffen seien die Älteren, die chronisch Kranken und die Pflegebedürftigen. „Denn die können sich nicht so gut selber schützen während der Hitzeperioden, und werden unter anderem aufgrund des Personalnotstands im Pflegebereich nicht immer richtig versorgt.“ In diesem Bereich muss eine grundlegende Verbesserung der Situation erfolgen, so der Mediziner.

Hitzewelle, Infektionen, Bakterien: Klimawandel als tödliche Gefahr für die Gesundheit

Doch neben der Hitze, die unmittelbar das größte Problem darstellt, führe der Klimawandel noch andere Mitbringsel im Gepäck. Die steigenden Temperaturen sorgen dafür, dass die von Stechmücken übertragenen Infektionserreger und die von ihnen hervorgerufenen Erkrankungen zunehmen. „Zwischen hohen Temperaturen und der schnelleren Vermehrung von Viren in Stechmücken besteht ein klarer Zusammenhang“, so Schmidt-Chanasit. Auch fleischfressende Bakterien im Brackwasser können sich bei höheren Temperaturen besser vermehren und die Ausbreitung der durch Zecken-übertragenen FSME haben wir ebenso der globalen Erwärmung zu verdanken.

Selbst wenn einige Viren wie das Dengue-Virus noch nicht in Deutschland angekommen sind, mehren sich die Anzeichen, dass invasive Arten wie die Tigermücke, der in Hessen bereits der Kampf angesagt wurde, oder der Japanische oder Koreanische Buschmoskito zukünftig vermehrt auftreten. „Wenn sich solche Arten weiter ausbreiten, dann können auch in Deutschland vermehrt Krankheiten wie Dengue oder Zika auftreten“, erklärt Schmidt-Chanasit. „Die Tigermücke ist inzwischen von Freiburg bis Frankfurt heimisch, und sogar schon in Berlin nachgewiesen worden“, so der Experte.

RKI veröffentlicht Klimabericht: Experten berichten über Gesundheitsgefahren durch den Klimawandel

Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) mahnt vor den vielfältigen Einflüssen des Klimawandels auf die Gesundheit. In dem im Juni veröffentlichten ersten Teil des Klimaberichtes: „Der Klimawandel stellt weltweit eine der größten Bedrohungen für viele Menschen dar und hat direkte und indirekte Auswirkungen auf übertragbare und nicht-übertragbare Erkrankungen“, heißt es dort.

Experte stellt fest: „Klimawandel ist längst im Gesundheitswesen angekommen“

Die Reihe der gesundheitlichen Folgen der globalen Erwärmung liest sich wie ein dystopisches Krankenbuch der Zukunft: Antibiotikaresistenzen, wasserbürtige Infektionen, lebensmittelassoziierte Intoxikationen, verschiedenste übertragbare Infektionskrankheiten. Und auch wenn das meiste uns noch nicht unmittelbar bedroht „man kann die Zeichen nicht übersehen. Der Klimawandel ist längst im Gesundheitswesen angekommen“, so Schmidt-Chanasit.

Fakt ist: Vor allem die Hitze stellt die Gesellschaft vor neue Herausforderungen: Besonders ältere Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Der „Hitzeschutzplan“ soll also nun im Rahmen einer „konzertierten Aktion“ wirksam eingreifen. Auch das Hitzewarnsystem des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wird dabei eine Rolle spielen. Dadurch sollen die Menschen in Deutschland frühzeitig vor Hitzewellen gewarnt werden, damit sie entsprechende Schutzmaßnahmen ergreifen können. Nun will Karl Lauterbach (SPD) ein konkretes Maßnahmenpaket bekannt geben, das noch für den Sommer 2023 greifen soll.

Rubriklistenbild: © R. Rebmann/ Imago

Kommentare