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Fehlende Teilnahme, Ablehnung und kritische Eltern sorgen an Schulen für Schwierigkeiten. „In den schlimmsten Fällen mussten wir auch schon Workshops abbrechen.“
Das neue Selbstbestimmungsgesetz ist verabschiedet, doch es kehrt keine Ruhe ein – Hass und Hetze gegenüber queeren Menschen sind nicht abgeklungen. Besonders betroffen sind vor allem junge LGBTQIA+-Menschen, die noch nicht gefestigt in ihrer Entwicklung sind oder sich vielleicht noch kein so „dickes Fell“ angeeignet haben.
Eine der ersten Anlaufstellen für viele minderjährige Queers ist die Beratungsstelle anyway, deren Expert:innen jetzt Alarm schlagen, denn die Queerfeindlichkeit nimmt auch an Schulen immer weiter zu.
Atmosphäre an Schule immer ablehnender und aggressiver
Dabei geht es nicht „nur“ um Hass, der seitens anderer Schüler:innen oder Lehrer:innen erlebt wird, nein, auch Eltern versuchen wohl immer öfter, aktiv Aufklärung im Bereich LGBTQIA+- zu verhindern. Mehr Wissen zum Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt scheint offenbar unerwünscht.
Dabei werde auch die Atmosphäre in den Aufklärungsworkshops immer ablehnender und aggressiver, wie das LGBTQIA+-Aufklärungs- und Antidiskriminierungsprojekt „WiR* – Wissen ist Respekt“ in Zusammenarbeit mit anyway festhält. Projektleiter Dominik Weiss erklärt Buzzfeed News Deutschland: „Ganz häufig stellen wir fest, dass die negative Haltung zu queerer Vielfalt nicht das Ergebnis eines eignen Reflexionsprozesses ist, sondern Ausdruck von Glaubenssätzen, die durch Eltern oder andere Bezugspersonen geprägt werden.“
Besonders gerne lassen sich immer mehr Schüler:innen dabei offenbar durch Influencer:innen in den sozialen Medien beeindrucken, die Kompetenz vorgeben, aber oftmals mit Verschwörungsmythen, Halb- oder Unwahrheiten und faktenbefreiten Inhalten auffahren. „Wir versuchen dann, diese ‚Informationen‘ einzuordnen und die Schüler:innen zur Reflexion anzuregen. Dabei ist uns sehr wichtig, den Unterschied zwischen Meinung und Hetze zu verdeutlichen und verschiedenen Meinungen Raum zu geben.“
Das klappt allerdings seit geraumer Zeit immer seltener, die Stimmung scheint zu kippen. „Die Anzahl derer, die in den Workshops lautstark ihre negative Haltung und teilweise Hass gegenüber LGBTQIA+-Menschen ausdrücken, wächst. In den schlimmsten Fällen mussten wir auch schon Workshops abbrechen, weil keinerlei konstruktives Gespräch mehr möglich war“, so Weiss.
Keine Seltenheit mehr sind in diesem Zusammenhang seitens der Schüler:innen auch Aussagen wie diese: „Wenn meine Schwester lesbisch wäre, würde ich sie schlagen und von zuhause rausschmeißen.“
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Effekt einer positiven Aufklärungsarbeit verpufft wegen fehlender Teilnahme von Schülern
Dabei zeichnet sich in der queeren Aufklärungsarbeit in Deutschland eine weitere Entwicklung ab: Immer öfter geschieht es, dass weite Teile einer Schulklasse gar nicht erst am freiwilligen Aufklärungsunterricht teilnehmen.
Anfangs fehlten nur ein paar wenige – das hat sich inzwischen geändert: „Aktuell fehlen regelmäßig zwischen fünf und zehn Schüler:innen pro Klasse, wo den Lehrkräften auch deutlich gesagt wurde, dass der Grund dafür die Inhalte der Workshops sind. In unserem bisher extremsten Fall nahmen nur fünf von 27 Schüler:innen an einem WiR*-Workshop teil.“
So verpufft der Effekt einer positiven Aufklärungsarbeit weitestgehend. Das ist nicht nur bitter und frustrierend für die ehrenamtlichen Fachleute vor Ort, sondern auch für alle queeren, noch nicht geouteten Jugendlichen, die damit klar gespiegelt bekommen, dass ihre Art zu leben offenbar nicht willkommen ist.
Ablehnung wegen Religion und Sorge vor allgemeiner sexuellen Bildung
Weiss würde sich wünschen, mehr in den direkten Kontakt mit den Eltern treten zu können, bisher war dies zumeist nicht möglich. „Was wir aber im Kontakt mit Lehrkräften und Schulsozialarbeiter:innen mitbekommen, ist, dass Eltern sexueller Bildung im Allgemeinen immer kritischer gegenüberstehen und dann eben auch im besonderen queerer Antidiskriminierungsarbeit. Wir beraten die Lehrkräfte im Umgang mit den Eltern und bieten auch an, im Rahmen von Elternabenden unser Konzept vorzustellen, was bisher aber kaum stattfindet.“
Doch warum lehnen offenbar immer mehr Eltern diese wichtige Aufklärungsarbeit ab? „Häufig genannt wird, dass die Religion dies nicht erlaube oder die Sorge, dass wir Sexpraktiken, Verhütungsmethoden und Ähnliches aus der allgemeinen sexuellen Bildung thematisieren würden. Ursächlich für diese Annahmen und Sorgen ist vor allem der breite, negativ geprägte Gesellschaftsdiskurs über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, der besonders von einer rechtskonservativen bis rechtsextremen Bewegung gefüttert wird.“
Dabei warnt der Fachmann allerdings davor, Queerfeindlichkeit nur in Verbindung mit einer Religion zu sehen. „Es hängt nicht davon ab, in welchem Land ein Mensch geboren und eventuell aufgewachsen ist oder welchen Glauben er hat, sondern wie er sozialisiert wurde. Das ist der Nährboden für eine Haltung, die alles Neue und Unbekannte ausschließt, was dann zu Diskriminierung einzelner Gesellschaftsgruppen führt.“
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Es beginnt bei den Eltern: „Wenn ich offizielle Bildungsunterlagen sehe ... geht mir das zu weit“
Tanja (49) ist eine Mutter von zwei Söhnen im Alter von zehn und vierzehn Jahren. Die Familie lebt außerhalb von Köln, die Paten-Onkel sind ein schwules Paar, eine direkte Angst vor der Community besteht also nicht.
Trotzdem sagt sie Buzzfeed News Deutschland: „Ich habe nichts gegen eine generelle Aufklärung und ein Gespräch über Themen jenseits der Heterosexualität. Im Gegenteil, ich denke, meine Jungs würden sich vielleicht manchmal leichter tun, von einem Dritten diverse Aspekte darüber zu hören, als mit ihren ‚alten Eltern‘ darüber zu reden. Wenn ich aber dann so manche offiziellen Bildungsunterlagen sehe, die in Deutschland derzeit an den Schulen verbreitet werden, geht mir das einfach zu weit.“
Tanja wird dabei das Gefühl nicht los, dass ihre Kinder zu etwas gedrängt werden könnten, wie sie weiter berichtet. „Mir ist klar, dass man Homosexualität nicht ‚anerziehen‘ kann, aber ich erlebe eben auch bei anderen Müttern und deren Kindern, dass mancherorts versucht wird, Dogmen zu platzieren, die ich für falsch halte. Beispielsweise die Frage, welches Verhalten männlich oder weiblich sei. Einer meiner Jungs hat schon früh lieber mit Kuscheltieren und Puppen gespielt, als draußen herumzutollen und Fußball zu spielen. Das ist absolut okay. Lese ich so manche Broschüre, müsste ich aber zu dem Eindruck kommen, mein Sohn müsse mit einem solchen Verhalten beinahe zwingend ein trans* Mädchen sein.“
Projektleiter Weiss kann die Ängste grundsätzlich nachvollziehen: „Ich kann verstehen, dass Eltern ihre Kinder schützen wollen und durch den benannten, vergifteten Gesellschaftsdiskurs verunsichert sind. Wir wollen den Schüler:innen menschliche Vielfalt näherbringen und sehen deshalb unsere queere Bildungsarbeit als Bildungsarbeit für alle. Und um Respekt gegenüber anderen Menschen zu erlernen, ist es nie zu früh.“
Weiss würde sich daher wünschen, dass Schulen, Eltern und queere Bildungsprojekte in den Austausch gehen, um die Perspektiven der anderen zu verstehen. Schwierig würde es allerdings dann, wenn Eltern den Bildungsauftrag der Schulen direkt torpedieren wollten.
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„Auch nach der Verabschiedung des Selbstbestimmungsgesetzes finden die Debatten kein Ende“
Ein Streitpunkt dabei ist immer wieder auch die Frage nach der Vielfalt der Geschlechter. Eltern wie Tanja pochen auf die biologische Zweigeschlechtlichkeit inklusive jener Menschen, die unterschiedliche Merkmale beider Geschlechter aufweisen, allerdings, so Tanja, ohne dabei ein eigenes neues Geschlecht darzustellen.
Weiss sagt dazu: „Geschlecht ist sozio-kulturell, aber eben auch biologisch-medizinisch sehr komplex und die Annahme, dass es zwei Geschlechter gibt, beruft sich rein auf die Ebene der Keimdrüsen, die der Fortpflanzung dienen. Das ist eine legitime Perspektive, muss dann aber auch bis zu Ende gedacht werden und dann kommen wir bei einem ganz anderen Verständnis von ‚Geschlecht‘ heraus, als es gesellschaftlich momentan verankert ist.“
So zeigt sich, auch nach der Verabschiedung des Selbstbestimmungsgesetzes finden die Debatten kein Ende, mehr noch, sie finden auch unter Schüler:innen immer mehr Verbreitung. Das belaste auch die vielen ehrenamtlichen Berater:innen (Peers), wie Weiss weiter betont, weswegen immer weniger überhaupt noch bereit sind, tätig zu werden.
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„Queere Menschen sind auch Menschen mit Gefühlen, Interessen, Zukunftswünschen.“
Dabei ist nicht alles schlecht, denn die Schüler:innen, die an den Workshops aus tatsächlichem Interesse teilnehmen, erleben einen großen Mehrwert. Die häufigsten Fragen dabei haben sich in den letzten zwanzig Jahren kaum geändert: „Ganz häufig drehen sich die gestellten Fragen rund um die Coming-out-Erfahrungen der Peers. Schüler:innen kriegen durchaus mit, dass Queerfeindlichkeit nach wie vor ein Thema in Schulen ist – nicht umsonst ist ‚schwul‘ noch immer das meistbenutzte Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen, was die Schulklassen in unseren Workshops auch immer wieder bestätigen.“
Immer wieder gelingt es durch die Workshops aber dennoch, Menschen zu erreichen – und zwar nicht nur Schüler:innen, sondern auch ihr Umfeld, sodass ein Umdenken tatsächlich weitere Kreise ziehen kann. „Wenn wir eine gute Beziehungsarbeit leisten und ein positives Miteinander hinbekommen, dann gehen die meisten Schüler:innen mit einem wohlwollenden Gefühl raus und verstehen den ganz einfachen Grundsatz: Queere Menschen sind auch Menschen mit Gefühlen, Interessen, Zukunftswünschen“, sagt Weiss.
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