Argentiniens Staatschef Milei bereist die Welt. Am Sonntag wird er in Berlin bei Scholz erwartet. Der diplomatische Nutzen für sein Land ist schwer ersichtlich.
Berlin/Buenos Aires – Während Javier Milei daheim in Argentinien politisch und sozial keinen Stein auf dem anderen lässt, nimmt er sich die Zeit, durch die Weltgeschichte zu jetten. In seinen bisherigen sechs Monaten im Amt ist der argentinische Staatschef schon mehr als siebenmal im Ausland gewesen, gleichzeitig nehmen die Proteste gegen seinen radikalen Sparkurs im Land zu. Gleich nach Amtsantritt flog Milei im Januar in die Schweiz zum Davoser Weltwirtschaftsforum und verbreitete dort mit messianischem Eifer seine kruden, libertären und staatsverachtenden Theorien. Er erntete tosenden Applaus.
Für Bedürftige in Argentinien hat Milei kein Geld - für seine Reisen schon
Weil daheim die Staatskassen leer sind, schrottet Milei den Sozialstaat, kündigt Zehntausende Staatsdiener und streicht Bedürftigen die Essenshilfe. „No hay plata“ – es gibt kein Geld - wiederholt er wie ein Mantra. Aber genügend „plata“ für Reisen nach Israel, in den Vatikan, nach Italien, Spanien, El Salvador und gleich drei Mal in die USA war dann aber doch da.
Und nun stehen Spanien, Tschechien und erstmals Deutschland auf dem Programm. Die argentinische Tageszeitung Clarín will in der Luftfahrtbranche herausgefunden haben, dass sich die Gesamtkosten allein für diesen aktuellen Trip auf 600.000 Dollar belaufen.
Diplomatischer Nutzen von Mileis Berlin-Besuch ist überschaubar
In allen drei Ländern bekommt der Demokratieverächter und pöbelnde Populist aber vor allem Medaillen von neoliberalen Instituten oder Thinktanks umgehängt. Der diplomatische Nutzen des Trips ist überschaubar, da Arbeitsbesuche mit den lokalen Regierungen nicht geplant oder auf ein Minimum reduziert sind. Am Sonntag trifft der Staatschef in Berlin Kanzler Olaf Scholz zu einem Kurzbesuch.
Am Tag davor ehrt den selbsternannten Anarchokapitalisten in Hamburg die Hayek-Gesellschaft als „leuchtendes Beispiel für die Kraft liberaler Ideen“. Die gleichnamige Gesellschaft des Vordenkers des Neoliberalismus und Libertarismus, Friedrich August von Hayek, passt ideologisch gut zu Argentiniens Machthaber. Immer wieder steht sie wegen angeblicher Nähe nach Rechtsaußen, besonders zur AfD, in der Kritik.
Zweifelhafte Gesellschaft
Ehrung: Bevor Javier Milei mit Kanzler Olaf Scholz zusammentrifft, steht am Samstag ein Termin in Hamburg auf dem Plan. Dort erhält der argentinische Präsident die Hayek-Medaille der gleichnamigen Gesellschaft.
Idee: Die Hayek-Gesellschaft ist benannt nach dem Ökonomen Friedrich August von Hayek (1899-1992), einer der geistigen Väter des Neoliberalismus. Sie vergibt ihre Medaille meist an Ökonomen und Wirtschaftsexperten. Einzige Frau unter den Preisträgern war 1999 die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann.
Reputation: Die Hayek- Gesellschaft ist umstritten. Vor zwei Jahren gab es internen Streit um die Abgrenzung zur AfD. Politiker:innen der in Teilen rechtsextremen Partei waren auch zu Treffen eingeladen. Einige Mitglieder traten deshalb aus.
Mitglieder: Zu den rund 300 Mitgliedern der Gesellschaft gehört Ulrich Vosgerau, einer der Anwälte von Björn Höcke, in dessen Prozess vor dem Landgericht Halle. Vosgerau war auch beim geheimen Treffen von rechten Politikerinnen und Politikern in Potsdam im November 2023 dabei.
Javier Milei: Viele Reisen, wenig Politik
Milei reist zwar immer als Staatschef um den Globus. Aber lieber als Amtskollegen zu treffen, tritt er wie in den USA auf konservativen Konferenzen auf, macht Rechtspopulisten seine Aufwartung und besucht die von ihm verehrten Techmilliardäre Elon Musk (Tesla), Sam Altman (Open AI) oder Mark Zuckerberg (Meta).
In Spanien trat er im Mai beim Parteitag der ultrarechten VOX-Partei auf und provozierte nebenbei noch einen diplomatischen Eklat. Er bezeichnete Begoña Gómez, die Frau des Regierungschefs Pedro Sánchez, als „korrupt“. Dieser Tage legte Milei nach: Der Sozialist Sánchez sei „feige“, wolle in Spanien „das Maduro-Modell“ errichten und das Land so in ein zweites Venezuela verwandeln.
Beim Zerschlagen diplomatischen Porzellans ist der 53-Jährige weltweit unübertroffen. Und immer mehr Argentinier schämen sich, wie ihr Präsident sie und ihr Land nahezu überall blamiert und bloßstellt. Derweil warten die Nachbarn Chile, Uruguay und Brasilien, das auch noch wichtigster Handelspartner Argentiniens ist, noch immer auf den ersten Besuch Mileis.
Scholz‘ Ampel-Koalition wähnt Milei wohl als Vorstufe zum Kommunismus
Mal sehen, welches Benehmen er sich für Scholz vorbehalten hat. Regierungen unter Beteiligung von grünen und sozialdemokratischen Parteien wähnt der Argentinier als Vorstufe zum Kommunismus. Überhaupt darf man gespannt sein, welchen Nenner ein so exaltierter Rüpel wie er und ein Stoiker wie Scholz finden.
Militärische Ehren in Deutschland bei Milei-Besuch wurde abgesagt
Aber die Argentinier haben die Visite ohnehin auf einen „kurzen Arbeitsbesuch“ reduziert. Eigentlich sollte Milei mit militärischen Ehren empfangen werden, woran sich ein bilaterales Treffen mit Scholz und eine Pressekonferenz anschließen sollten. All das sagte Milei kurzfristig ab, nachdem Regierungssprecher Steffen Hebestreit dessen Äußerungen gegenüber Sánchez und seiner Frau als unangenehm bezeichnet hatte.
In Argentinien setzt Milei derweil seine Agenda des Staatsabbaus langsam, aber sicher durch. Der Kongress in Buenos Aires steht kurz davor, ihm für ein Jahr Sondervollmachten zuzugestehen, mit denen er in den Bereichen Wirtschaft, Finanzen, Energie und Staatsverwaltung ohne die Kontrolle des Parlaments regieren kann.
Schon jetzt hat sich die soziale Schere nach einem halben Jahr Regentschaft weiter geöffnet. Renten wurden gekürzt, Gehälter eingefroren und die öffentlichen Leistungen der Daseinsvorsorge wie Strom, Wasser, Gas und auch der öffentliche Nahverkehr stiegen um bis zu 300 Prozent, weil Milei die Subventionen radikal zusammenstrich. Die Folge war zwar der erste Haushaltsüberschuss in 16 Jahren und erstmals wieder eine einstellige monatliche Inflationsrate. Aber eben auch ein Anstieg der Armutsrate auf 55 Prozent.
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Mileis Spardiktat zerstört das Sozialsystem in Argentinien
Auch daher nehmen die sozialen Spannungen massiv zu. Zwar steht noch etwas mehr als die Hälfte der Argentinierinnen und Argentinier hinter ihm, aber wenn nach den Streichungen, Kürzungen und Einsparungen nicht schnell der wirtschaftliche Aufschwung kommt, wird Mileis Kredit schnell verspielt sein.
Das übergeordnete Ziel von Mileis Spardiktat ist dabei die Zerstörung des Staates als Garant von Gemeinwohl, sozialer Durchlässigkeit und Teilhabe. Für den radikal Liberalen ist der Staat Kern allen Übels. In diesem Sinne ist Javier Milei ein Systemsprenger, der seine Überzeugungen dabei noch gerne in die Welt trägt und dabei überraschend viel Beifall erhält.