„Waffe an der Schläfe“: Warum greift Israel gerade jetzt Iran an?
VonMaria Sterkl
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Israel hat militärische Ziele im Iran angegriffen. Die gezielte Tötung hochrangiger Kommandanten sorgt für Spannungen.Teheran droht mit Vergeltung.
Teheran – „Wir haben eine Waffe an der Schläfe“, sagt ein hoher Vertreter der israelischen Armee. „Wenn wir nicht jetzt handeln, sind wir an einem point of no return“. Es ist 3.45 Uhr morgens in Jerusalem. Während der Offizier zur Presse spricht, fliegen israelische Kampfjets im iranischen Luftraum Angriffe an mehreren Orten zugleich. Rasch ist klar: Dieser israelische Schlag im Iran ist mit nichts Dagewesenem vergleichbar.
Dutzende militärische Ziele und strategische Orte der nuklearen Aufrüstung im Iran sind seit der Nacht auf Freitag im Visier der israelischen Luftwaffe. Mit mehr als 200 Jets und Drohnen griff Israel allein in den Morgenstunden an. Freitagmittag zog die Armee eine erste Bilanz: Der Angriff sei soweit „erfolgreich“ verlaufen. „Alle unsere Piloten sind heil zurückgekehrt.“ Berichten zufolge wurden im Iran mindestens 96 Menschen getötet. Auch tagsüber kam es am Freitag zu israelischen Angriffen.
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Israel feiert nach Iran-Angriff Erfolg: Hochrangige Kommandanten getötet
Ein Erfolg war aus israelischer Sicht vor allem die gezielte Tötung iranischer Kommandanten und Wissenschaftler, die die nukleare Aufrüstung vorantrieben – mutmaßlich mit dem Ziel, den Staat Israel auszulöschen. Unter den getöteten Kommandanten: Der Führer der Revolutionsgarden, Hossein Salami, aber auch der Generalstabschef der iranischen Armee, Mohammed Bagheri.
Zudem soll die gesamte oberste Kommandolinie der iranischen Luftwaffe nicht mehr am Leben sein. Während die Armee noch die iranischen Verluste auswertet, spricht Verteidigungsminister Israel Katz bereits von einer „Mehrheit der hochrangigen Vertreter der Revolutionsgarden“, die bei einem Schlag auf ein Untergrund-Kommandozentrum getroffen worden seien. Und es ist noch nicht vorbei.
Die israelische Operation werde „so viele Tage andauern, wie es eben nötig ist“, sagt Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einer Videobotschaft. Es gehe darum, eine „unmittelbare existenzielle Bedrohung“ für Israel zu beseitigen. Manche sprechen sogar von einer zwei Wochen andauernden Operation. Die Dauer hängt vor allem davon ab, wie der Iran auf den Angriff – Israel spricht von einem Präventivschlag – reagieren wird. Am Freitagabend gab es Berichte über neue israelische Angriffe nahe Teheran sowie bei der Atomanlage Fordo rund 100 Kilometer südwestlich der Hauptstadt.
Iran droht mit Vergeltung: Israels Angriff als „Kriegserklärung“ gelesen
Irans Außenminister Abbas Araghtschi bezeichnete den israelischen Angriff als „Kriegserklärung“. Der neue Kommandeur der Revolutionsgarden, Mohammed Pakpur, drohte laut der Nachrichtenagentur Isna: „Als Vergeltung für das vergossene Blut von Kommandeuren, Wissenschaftlern und unschuldigen Menschen werden sich schon bald die Tore der Hölle für dieses kindermörderische Regime öffnen.“
Die Zivilbevölkerung in Israel müsse jetzt auf alles gefasst sein, heißt es im Militär. „Der Iran hat Tausende ballistische Raketen“, sagt ein hoher Offizier. Freitagvormittag griff der Iran mit mehr als Hundert Kampfdrohnen an, die jedoch abgewehrt werden konnten – zum Teil schon im jordanischen Luftraum. Kaum jemand in Israel rechnet damit, dass das schon alles war. Die iranische Antwort werde „signifikant“ sein, sagt Experte Raz Zimmt der Universität Tel Aviv.
Der Iran setzt auf eine Überforderungsstrategie: Drohnen und Raketen sollen Israel zugleich angreifen
Während beim zweiten iranischen Angriff im Oktober 2024 rund 200 ballistische Raketen eingesetzt wurden, die sich auf militärische Ziele im Süden Israels konzentrierten, müssten jetzt auch „strategische Ziele in dichter besiedelten Zonen“ Raketenangriffe aus dem Iran befürchten, sagt Zimmt. Für Israels hochmoderne Luftwaffe ist das durchaus herausfordernd.
Zwar brauchen Drohnen mehrere Stunden, bis sie im israelischen Luftraum ankommen. Doch der Iran setzt offenbar auf eine Überforderungsstrategie: „Während Dutzende Drohnen auf dem Weg sind, wird zugleich mit ballistischen Raketen angegriffen“, sagt der Militärexperte Eyal Pinko – und sie brauchen nur sieben bis elf Minuten.
Versammlungen wurden in Israel untersagt, hochrangige israelische Vertreter an einen sicheren Ort gebracht. Schulen geschlossen, die Menschen in Israel wurden aufgerufen, nicht dringend notwendige Wege zu vermeiden. Die Armee hat nach eigenen Angaben begonnen, Reservistinnen und Reservisten in allen Teilen Israels zu stationieren. Bis Freitagnachmittag blieb es in Israel jedoch ruhig.
Israel nutzt günstigen Zeitpunkt für Iran-Angriff: Milizen beschäftigt, Legitimation durch Atomwaffen-Vorwurf
Warum hat Israel ausgerechnet jetzt angegriffen? Pläne für einen Schlag gegen die Infrastruktur des iranischen Atomprogramms gibt es in Israel schon lange. Die Vorbereitungen dafür liefen seit Jahren. Nie waren die Voraussetzungen dafür aber so gut wie jetzt. Vor dem Krieg in Gaza hätte jeder israelische Schlag im Iran das große Risiko einer koordinierten Attacke von Hisbollah, der Hamas und irantreuen Milizen in Syrien, dem Irak und Jemen mit sich gebracht.
Heute sind Hisbollah und Hamas stark geschwächt, die Milizen im Irak vor allem „mit sich selbst beschäftigt“, sagt Zimmt. Daher hat Israel es jetzt praktisch nur mit dem Iran zu tun – die Huthi-Angriffe aus dem Jemen sind ohnedies längst Alltag geworden. Dass Israel nicht die – wenngleich stockenden – Gespräche zwischen USA und Iran abgewartet hat, sondern kurz vor der nächsten Verhandlungsrunde im Oman angegriffen hat, begründet man in Israel mit schlichter Notwehr. „Das iranische Regime hat genügend angereichertes Material, um binnen weniger Tage 15 Atomwaffen bereit zu haben“, sagt ein hoher Militärvertreter. Netanjahu spricht von neun Atomwaffen in einigen Monaten.
Das Zeitfenster war aus israelischer Sicht vor allem aus einem anderen Grund günstig: Erstmals in zwanzig Jahren des iranischen Atomprogramms hat die Internationale Atomenergiebehörde dem Iran offiziell Verstöße gegen seine Verpflichtung zur Nichtverbreitung von Atomwaffen vorgeworfen. Dieses Faktum öffnet für Israel ein Fenster der internationalen Legitimation, genau jetzt solche Schritte zu ergreifen.
Der Mossad agiert tief im Feindesland: Israel mit Drohnenbasis im Iran
Dazu kommen militärtaktische Gründe: In dem Angriff spielten sich Israels Luftwaffe und der Auslandsgeheimdienst Mossad die Bälle zu. Schon seit einiger Zeit hatte der Mossad Vorbereitungen dafür getroffen und eine eigene Basis an Drohnen mit explosivem Material aufgebaut – mitten im Iran. Während des Schlags am Freitag sollen die Drohnen gezielt auf Raketen-Abschusseinrichtungen gerichtet worden sein. Das gab der Luftwaffe Handlungsfreiheit, es senkt aber auch das Risiko massiver Gegenschläge auf Israel – zumindest für kurze Zeit.
Je länger man mit der Nutzung der Mossad-Infrastruktur im Iran abgewartet hätte, desto größer das Risiko, dass die verdeckte Aktion auffliegt, sagt der frühere Nationale Sicherheitsberater der israelischen Regierung, Yaakov Amidror. Es könnte also der Mossad gewesen sein, der auf ein baldiges Handeln gedrängt hat – noch vehementer als die Armee oder die politische Führung. In Israels politischer Landschaft sorgte der Schlag gegen das iranische Atomprogramm jedenfalls kaum für Differenzen: Die Opposition stellte sich fast geschlossen hinter die Offensive der ansonsten scharf kritisieren rechts-religiösen Koalition.
Israel greift Iran in Wellen an: Nukleares Projekt soll gebremst werden
Bei ihrem Angriff ging Israels Armee in Wellen vor: Die erste Welle galt den Kommandanten, die offenbar an verschiedenen Orten getötet worden sein sollen. Eine weitere Welle fokussierte auf einschlägig aktive Wissenschaftler. Ein Schlag in der Aufbereitungsanlage in Natans soll die nukleare Anreicherung massiv geschwächt haben. Und vor allem im Westen des Irans sollen zahlreiche Abwurfsysteme für ballistische Raketen zerstört worden sein.
Das Ziel der israelischen Luftschläge war jedenfalls nicht, das iranische Atomprogramm zu stoppen – das sei allein mit militärischen Mitteln nicht möglich, meint Amidror. Vielmehr gehe es darum, das nukleare Projekt zu bremsen. „Wenn es uns gelungen ist, es um zwei, drei oder fünf Jahre hinauszuzögern, ist das gut genug“, sagt Amidror.