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Geld statt Zuflucht für Afghanen: „Als würde man ihnen Geld für ihr Grab zahlen“

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Die Merz-Regierung bietet Afghanen in Pakistan Geld für den Verzicht auf Einreise. Mission Lifeline-Vertreterin warnt: In Afghanistan drohe ihnen Folter und der Tod.

Islamabad/Berlin – Die Bundesregierung nennt es „Unterstützungsoptionen“, die Linke einen „menschenrechtlichen Total-Ausfall“: Anfang November hat die Bundesregierung einigen Hundert Afghaninnen und Afghanen in Pakistan ein Angebot unterbreitet: Geld für den Verzicht auf ihre Aufnahmezusagen. Das Angebot richtet sich unter anderem an Anwälte, Journalistinnen und Menschenrechtler: Am Montag (17. November) um Mitternacht lief die Frist für Zu- oder Absage aus.

August 2021: Evakuierung am internationalen Flughafen Hamid Karzai in Kabul nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan.

In Pakistan warten rund 1.900 Afghaninnen und Afghanen auf die ursprünglich zugesagte Einreise nach Deutschland. Die Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD stoppte das Aufnahmeprogramm für besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen im Mai. Dass einige der Betroffenen und ihre Angehörigen in den vergangenen Monaten dennoch Visa erhielten, liegt daran, dass in Deutschland Klagen angestrengt wurden, um ihre Einreise durchzusetzen.

Afghanistan-Aufnahmeprogramme: Mission-Lifeline-Vertreterin berichtet von angespannter Lage in Pakistan

Ende September hatte ein Sprecher des Innenministeriums in einer Regierungspressekonferenz erklärt, die Sicherheitsüberprüfungen seien vor Kurzem wieder angelaufen und würden mit „Hochdruck“, aber auch „mit der erforderlichen Gründlichkeit“ durchgeführt. Von „Hochdruck“ sei bislang jedoch wenig zu spüren, kritisiert Jule Klemm von Mission Lifeline.

Als Projektleitung für das Afghanistan-Projekt steht Klemm in Kontakt zu Betroffenen: Gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media berichtet sie von der angespannten Lage der Wartenden in Pakistan und einer bedrohlichen Aussicht auf eine unfreiwillige Rückkehr nach Afghanistan: Ein Land, in dem seit August 2021 die radikalislamischen Taliban wieder an der Macht sind und Menschenrechte – insbesondere die Rechte von Frauen – missachten.

Unterdrückung in Afghanistan: Frauen und Mädchen leiden unter dem Taliban-Regime

Kabul Flughafen
Im Jahr 2021 zogen sich die USA aus Afghanistan zurück. Zugleich rückten auch die übrigen NATO-Truppen ab, darunter die deutsche Bundeswehr. Nachdem ein Großteil der ausländischen Truppen das Land verlassen hatte, eroberten die Taliban Afghanistan in Windeseile zurück. Am 15. August 2021 übernahmen sie die Macht in dem Land.  © Imago
Frauen in Afghanistan
Trotz anfänglicher Versprechen, Frauenrechte im Rahmen der Scharia zu respektieren, erließen die Taliban bereits in den ersten Monaten zahlreiche Verbote. Diese hinderten Frauen und Mädchen daran, ihre grundlegenden Rechte auf Meinungsäußerung, Freiheit, Arbeit und Bildung wahrzunehmen. In nur wenigen Monaten höhlten die Taliban mit unvergleichlicher Härte das Recht von Frauen auf Selbstbestimmung aus. © Mads Nissen/dpa
Mädchen in Afghanistan
Als eine der ersten politischen Handlungen verboten die Taliban Mädchen den Besuch von weiterführenden Schulen. Zwar liefen einige Kurse online weiter, doch zu den Prüfungen waren die Studentinnen nicht zugelassen. Ohne Bildung steigt das Risiko für Mädchen, ausgebeutet, missbraucht oder früh verheiratet zu werden. © Aref Karimi/AFP
Afghan refugee
Seit der Machtübernahme der Taliban sind die Berufsmöglichkeiten für Frauen stark eingeschränkt. Vielen wurde gekündigt, andere dürfen nur noch von zu Hause aus arbeiten. Wer noch einen Arbeitsplatz hat, braucht für den Weg dorthin einen männlichen Begleiter (Mahram). Die Berufsverbote der Frauen stürzen viele Familien noch tiefer in die Armut. Im Jahr 2023 versinnbildlichte Liza Anvary mit dieser Aufnahme, dass Frauen in Afghanistan wie in einem Gefängnis leben. Anvary arbeitete für die afghanische Regierung, ehe sie nach zwei Mordanschlägen über Pakistan nach Spanien flüchtete. © Ximena Borrazas/Imago
Lage in Afghanistan
Die Taliban erließen strenge Bewegungsfreiheits- und Kleidervorschriften für Frauen. Frauen dürfen in der Öffentlichkeit nur unterwegs sein, wenn sie von einem männlichen Verwandten begleitet werden. Generell dürfen sie das Haus nur zu dringenden Besorgungen und nur vollständig verschleiert verlassen. Halten sich Frauen nicht an die Kleidervorschriften, droht ihren männlichen Verwandten Haft. © Julian Frank/dpa
Lage in Afghanistan
Das landesweite Unterstützungssystem für Überlebende sexualisierter Gewalt, das Frauenrechtlerinnen in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut hatten, ist fast vollständig zusammengebrochen. Frauenhäuser mussten schließen, Mitarbeitende von Organisationen werden bedroht oder müssen verdeckt arbeiten. Das Gesetz zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen hat keine Gültigkeit mehr. © Ahmad Sahel Arman/AFP
Taliban in Aghanistan
Auf ihrem Eroberungszug durch das Land ließen die Taliban 2021 systematisch Gefangene frei. Viele von ihnen waren wegen geschlechtsspezifischer Gewalt verurteilt worden. Das Frauenministerium wurde abgeschafft und durch das berüchtigte „Ministerium für die Verbreitung der Tugend und die Verhütung des Lasters“ ersetzt, das die frauenfeindlichen Erlasse des Regimes umsetzt. © Bashir Darwish/Imago
Taliban in Afghanistan
Schon vor dem Sieg der Taliban war eines von drei Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag zwangsverheiratet worden. Diese hohe Zahl stieg bis 2023 weiter an. Um nicht zu verhungern, verheiraten immer mehr Eltern ihre oft noch sehr jungen Töchter gegen einen Brautpreis. Manche Familien verheiraten ihre Töchter auch, um sie vor einer Zwangsheirat mit einem Mitglied der Taliban-Miliz zu schützen. © Ahmad Sahel Arman/AFP
Taliban in Afghanistan
Frauen sind seit der Machtübernahme aus dem politischen Leben völlig ausgeschlossen. Vor der Taliban-Herrschaft waren dank einer Quotenregel 27 Prozent der Abgeordneten im Parlament Frauen. Landesweit gab es 21 Prozent Strafverteidigerinnen und 265 von insgesamt 1951 Richterinnen waren Frauen. In der neuen Regierung gibt es keine einzige Ministerin. © Wakil Kohsar/AFP
Taliban in Afghanistan
Aus Angst vor Repressionen hörten seit der Machtergreifung der Taliban 84 Prozent der Frauen, die im Journalismus tätig waren, auf, weiter in dieser Branche zu arbeiten. Die, die weitermachen, tun das unter Lebensgefahr. Inländische Medien müssen sich an strenge Inhaltsvorschriften halten. © Wakil Kohsar
Taliban in Afghanistan
Frauen, die dringend benötigte humanitäre Projekte umsetzen, können nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt arbeiten. Seit April 2023 dürfen sie nicht mehr für die UN tätig sein. Das gleiche Bild zeigt sich im Bildungs- oder Gesundheitssektor. Ärztinnen dürfen beispielsweise keine männlichen Patienten behandeln oder sich mit ihren männlichen Kollegen austauschen. © Javed Tanveer/AFP
Taliban in Afghanistan
Afghanistan hat eine der höchsten Raten an Müttersterblichkeit der Welt. Nach UN-Schätzungen stirbt alle zwei Stunden eine afghanische Frau während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Ursachen sind das oft junge Alter, Mangelernährung und schlechte medizinische Versorgung der Schwangeren. Das Verkaufsverbot von Verhütungsmitteln, das die Taliban Anfang 2023 erließen, kann tödliche Folgen für Frauen haben. © Hoshang Hashimi
Frauen unter dem Taliban Regime
Die Schließung von Beauty Salons wurde im Juni 2023 angeordnet, was einen weiteren Eingriff in den Bereich der persönlichen Körperpflege, des Wohlbefindens und der Arbeitsmöglichkeiten von Frauen darstellt. Diese Maßnahme traf Tausende von Frauen, die in diesen Salons arbeiteten und ihre Familien ernährten. Ein Beispiel für die Veränderungen zeigt das Bild: Sofort nach der Taliban-Machtübernahme übermalte eine Mitarbeiterin eines Schönheitssalons in Kabul ein großes Foto einer Frau.  © Imago
Demo in Dänemark
Die mehrheitlich schiitischen Hazara sind seit langer Zeit Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt. Mit der Machtübernahme der Taliban hat die Unterdrückung zugenommen. Insbesondere Frauen und Mädchen sind von multiplen Formen der Diskriminierung und Gewalt betroffen. Zahlreiche Anschläge wurden gezielt auf Frauen und Mädchen der ethnischen Minderheit Hazara verübt. In Europa kommt es deswegen häufiger zu Demonstrationen, wie hier im Oktober 2022 in Kopenhagen. © Thibault Savary/Imago
Taliban in Afghanistan
Mit Sorge beobachten Frauenrechtsaktivistinnen, wie überall islamische Schulen entstehen. Weil sie sonst keine Chance auf Unterricht haben, besuchen auch immer mehr Mädchen und junge Frauen diese Madrasas. Dort verbreiten die Lehrenden islamistisches und radikales Gedankengut, das die Schülerinnen in ihre Familien tragen. © Mustafa Noori/Imago
Flucht aus Afghanistan
Die Angst vor der Gewaltbereitschaft der neuen Taliban-Machthaber haben zu noch mehr Fluchtbewegungen geführt. Annähernd 700.000 Menschen haben laut dem UN-Flüchtlingswerk UNHCR allein im Jahr 2021 ihre Dörfer und Städte verlassen. Rund 3,25 Millionen Afghaninnen und Afghanen leben aktuell als Binnenvertriebene im eigenen Land. © Diego Radames/Imago
Taliban in Afghanistan
Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich nach der Machtübernahme rapide: Inflation und Arbeitslosenrate stiegen stark an, das Bankensystem kollabierte. Die USA froren Milliarden-Reserven der Zentralbank des Landes ein. Kontoinhaber konnten nur noch kleine Beträge abheben, es gab keine Kredite mehr und vielen Afghaninnen und Afghanen fehlt das Geld zum Leben. © Ramin Sulaimankhail/Imago
Tomatensaison in Afghanistan
Afghanistan gehört zu den Ländern auf der Welt, die am meisten unter den Folgen des Klimawandels leiden. Die ausbleibenden Niederschläge führen dazu, dass Ernten ausfallen, Tierfutter und Trinkwasser knapp sind. Zugleich haben sich die Preise für Lebensmittel, Dünger und Treibstoff in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt. Die Lage der Bauern ist so dramatisch, dass Eltern teilweise ihre Kinder verkaufen müssen. © Ahmad Zubair/dpa
Humanitäre Lage in Afghanistan
Nach Angaben der Vereinten Nationen leben etwa 97 Prozent der Bevölkerung in Armut und zwei Drittel sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, um zu überleben. Vier Millionen Menschen sind akut unterernährt, darunter 3,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Laut World Food Programme sind zwei Drittel der Bevölkerung 2023 auf humanitäre Hilfe angewiesen – fast dreimal so viel wie 2021. © Khibar Momand/dpa
Afghanistan Pakistan
Zwangsrückführungen verschlimmern die Krise. Hunderttausende Geflüchtete sehen sich nach einer Ankündigung der pakistanischen Behörden im Oktober 2023 mit ihrer Abschiebung konfrontiert. Iran und Pakistan haben im Rahmen staatlicher Maßnahmen gegen Migranten und Geflüchtete fast zwei Millionen Menschen zurück nach Afghanistan abgeschoben. Viele der Abgeschobenen hatten Jahrzehnte oder ihr ganzes Leben außerhalb Afghanistans verbracht. © Hussain Ali/Imago
Konflikt in Afghanistan
Die Kürzungen bei den US-Hilfsprojekten durch die Trump-Regierung haben Programme zum Erliegen gebracht, die für die Ernährungssicherheit unverzichtbar waren. Die Hälfte der afghanischen Bevölkerung – rund 23 Millionen Menschen – ist auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen. Bis Juli mussten mehr als 400 Gesundheitseinrichtungen aufgrund fehlender Mittel schließen, die zum Großteil aus der offiziellen Entwicklungshilfe von Geberregierungen stammten. © Saifurahman Safi/dpa
Demo Berlin
Seit August 2021 demonstrieren afghanische Frauen und afghanische Frauen- und Diasporagruppen (wie hier in Berlin) immer wieder friedlich für Bildung, Arbeit, Gerechtigkeit und Frieden. Ihre Proteste setzten sie trotz der Brutalität des Regimes, trotz Verhaftungen und Entführungen von Demonstrantinnen fort. Afghaninnen, die friedlich für ihre Rechte protestieren, werden bedroht, verhaftet und gefoltert. Frauenrechtsaktivistinnen berichten von Entführungen, Kinderehen, Zwangsverheiratungen und Vergewaltigungen. © Gerald Matzka/dpa
Frauen in Afghanistan
Die Taliban setzen seit 2024 ein drakonisches Gesetz zur „Verbreitung von Tugend und Verhinderung von Laster“ rigoros durch, das Kleidungs- und Verhaltensweisen reglementiert. Lokale Komitees führen Razzien an Arbeitsplätzen durch, überwachen öffentliche Plätze und haben Kontrollpunkte eingerichtet, um Mobiltelefone zu überprüfen. Die Taliban haben Menschen wegen angeblicher Verstöße festgenommen. © Wakil Kohsar/AFP
Achundsada
Im Juli 2025 erließ der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen den Taliban-Führer Haibatullah Achundsada und den obersten Richter, Abdul Hakim Hakkani. Ihnen werden wegen der Entrechtung von Frauen und Mädchen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Nach Auffassung des Gerichts betreiben die Taliban eine Politik, die zu schweren Verletzungen der Grundrechte und -freiheiten der Zivilbevölkerung führt: Mord, Inhaftierung, Folter und Vergewaltigung.  © Mohd Rasfan/AFP
Flughafen Hannover - Ankunft Afghanen mit Aufnahmezusage
Im September 2025 konnten mehrere afghanische Familien nach Deutschland einreisen. Sie hatten in Deutschland geklagt, um ihre Einreise durchzusetzen. Die schwarz-rote Koalition hatte das Aufnahmeprogramm im Mai gestoppt. Am 18. Juli 2025 hatte Deutschland 81 Betroffene nach Kabul abgeschoben – die ersten Abschiebungen nach Afghanistan unter der neuen Regierung. In den USA hat die Trump-Regierung den vorübergehenden Schutzstatus für afghanische Staatsangehörige aufgehoben und Afghanistan in die Liste der Länder mit Einreiseverbot aufgenommen. Tausenden afghanischen Staatsangehörigen droht somit die Abschiebung, auch in Drittländer. © Michael Matthey/dpa

Afghanen in Pakistan: „Die Menschen leiden sehr“ – Abgeschobene richten Brandbrief an Merz

„Die Menschen leiden sehr darunter, dass sie so lange warten müssen – die meisten schon über ein Jahr“, erklärt Klemm mit Blick auf Afghaninnen und Afghanen in Pakistan. Für viele seien die Repressionen extrem gestiegen, da ihr Visum für Pakistan ausgelaufen ist. Eine offizielle Verlängerung gebe es überwiegend nicht: nur provisorische Papiere. „Dadurch sind die Menschen extrem angespannt, zumal ringsum Menschen abgeschoben werden.“

Mehr als 200 Afghaninnen und Afghanen wurden bereits nach Afghanistan zurückgeschickt. Anfang September richteten sie sich in einem Brandbrief an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und forderten eine schnelle Ausreise nach Deutschland. Die Gruppe sei durch die Taliban bedroht – zu befürchten seien Entführungen, Folter, willkürliche Verhaftungen und sogar Hinrichtungen, zitierte die Deutschen Presse-Agentur aus dem Brief.

Warten auf die Einreise nach Deutschland: „Große Angst“ vor Abschiebung nach Afghanistan

Auch die UN war bereits im Sommer zu dem Schluss gekommen, dass nach Afghanistan abgeschobenen Personen Menschenrechtsverletzungen drohen. Besonders bedroht: Mädchen und Frauen, Menschen, die mit der früheren Regierung und ihren Sicherheitskräften in Verbindung standen sowie Medienschaffende, heißt es in einem gemeinsamen Bericht der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan und des UNO-Menschenrechtsbüros.

Die Regierung in Pakistan kündigte bereits an, nach Jahresende Abschiebungen nach Afghanistan wieder aufzunehmen. Vor diesem Hintergrund erklärt Klemm: „Die Angst ist groß, dass das auch den anderen passieren kann.“ Dadurch seien die Menschen psychisch enorm belastet.

Angebot der Regierung Merz an Afghanen: „Als würde man ihnen Geld für ihr Grab zahlen“

Mit Blick auf die Schreiben der Bundesregierung und das angebotene Geld seien die Menschen frustriert: „Es ist, als würde man ihnen Geld für ihr Grab zahlen.“ Die Regierung sende damit das Signal, die Situation nicht ernst zu nehmen: „Als könnte man Geld bezahlen, um ein sicheres Leben in Afghanistan zu haben.“ Denn das, erklärt sie, sei unmöglich: „Die Taliban haben das Land unter Kontrolle.“

„Menschen, die sich für demokratische Werte eingesetzt haben, Frauen oder solche, die mit Alliierten zusammengearbeitet haben, werden als Verräter angesehen“ – ein sicheres Leben sei für diese Menschen in Afghanistan nicht mehr möglich. Das beschreibt die Projektleiterin auch am Beispiel einer Frau. In Briefen beschreibe die Afghanin, wie sie um das Überleben in Afghanistan kämpft – es sei ein „Versteckspiel“, bei dem im schlimmsten Fall der Tod drohe: Aktuell sei die Afghanin untergetaucht, da die Taliban sie gefunden hätten.

Linke kritisiert „menschenrechtlichen Total-Ausfall“ – Regierung wolle sich von Verantwortung freikaufen

Mit Blick auf die Bundesregierung erklärt die Projektleiterin von Mission Lifeline: „Ich erwarte, dass die Versprechen eingehalten werden und die Menschen so schnell wie möglich evakuiert werden.“ Dass die Regierung mit Hochdruck an der Evakuierung arbeite, hält Klemm für eine „Lüge“: „Sie arbeiten mit Hochdruck daran, dass die Menschen nicht mehr nach Deutschland kommen.“

Deutliche Kritik an dem Vorgehen der Bundesregierung äußern auch die Linken: Es gehe darum, „dass man Menschen ein Versprechen gegeben hat – Menschen, die sich auch für deutsche Organisationen eingesetzt haben“, erklärte Linken-Politikerin Clara Bünger am Montag im rbb24 Inforadio. Dieses Versprechen werde jetzt gebrochen: „Das halte ich für unverantwortlich“, kritisierte sie. Mit Blick auf das Geld-Angebot der Regierung sprach Bünger von einem „menschenrechtlichen Total-Ausfall“ – Deutschland wolle sich von seiner Verantwortung freikaufen.

Innenministerium: Angebot an rund 650 Afghanen – „die nicht mit Aufnahme rechnen können“

Die Regierung wiederum spricht von „Unterstützungsoptionen“. Eine Sprecherin des Innenministeriums erklärt auf Anfrage unserer Redaktion: „Ziel ist es, den Personen eine Perspektive einzuräumen, die nicht mit einer Aufnahme in Deutschland rechnen können.“ Dabei handle es sich um Menschen, die eine Zusage nach der Menschenrechtsliste und dem Überbrückungsprogramm haben: rund 650 Personen, wie die Sprecherin erklärt.

Anders sehe es für circa 980 Personen aus dem Bundesaufnahmeprogramm sowie 220 Menschen im sogenannten Ortskräfteverfahren aus. Ziel sei es, die Verfahren bis Ende des Jahres abzuschließen – eine Zusage, dass dies der Fall sein wird, macht das Ministerium jedoch nicht.

Die Rückmeldungen auf das Angebot würden derzeit gesichtet: Eine konkrete Zahl über Zu- oder Absagen könne das Ministerium daher noch nicht nennen. Berichte deuten jedoch darauf hin, dass die Zahl nicht sonderlich hoch sein dürfte: So erklärte etwa der Berliner Rechtsanwalt Julius Becker, der mehrere Menschen aus Afghanistan vertritt, gegenüber dem rbb: Alle seine Mandanten hätten ihm mitgeteilt, das Geld nicht anzunehmen: „Das hängt vor allem damit zusammen, dass sie befürchten, direkt ermordet zu werden, wenn sie nach Afghanistan zurückkehren.“

Geld gegen Sicherheit: „Vor allem Frauen waren besorgt“

Und auch Eva Beyer von der Initiative „Kabul Luftbrücke“ führte gegenüber dem Sender an: „Uns haben hunderte Nachrichten erreicht. Vor allem Frauen waren besorgt, weil sie sehr klar darin sind, dass sie nicht zurückgehen können.“ Einige würden das Angebot wohl dennoch annehmen, vermutete Beyer: Weil sie keine andere Wahl haben.

Darauf wies auch Maximilian Pichl, Professor für Recht der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences, im Gespräch mit unserer Redaktion hin. Die in Pakistan wartenden Menschen seien extrem unter Druck, ihre Geldreserven erschöpft: „Jetzt setzt Deutschland den Familien im Endeffekt die Pistole auf die Brust.“

Aktuell befasst sich auch das Bundesverfassungsgericht mit dem Streit um Einreisevisa für Afghaninnen und Afghanen. Ein ehemaliger afghanischer Richter und seine Familie reichten mit Unterstützung der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) Verfassungsbeschwerde und einen Eilantrag in Karlsruhe ein: Ziel sei die Erteilung eines vorläufigen Visums zur Einreise nach Deutschland. (Quellen: Eigene Recherche, dpa, rbb) (pav)

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