Wie eine Frau in Afghanistan unter den Taliban leidet – „Ich befinde mich in einem Kerker aus Angst“
VonKatja Thorwarth
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Frauen in Afghanistan haben sich auf deutsche Evakuierungsversprechen verlassen. Während sie unter den Taliban leiden, verhandelt Deutschland mit den Islamisten.
Frankfurt/Kabul – Die Lage der afghanischen Ortskräfte in Pakistan wird medial viel diskutiert. In den Hintergrund geraten ist die Situation der Menschen vor Ort, insbesondere die der Frauen in Afghanistan. Die Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sprach mit Jule Klemm von MISSION LIFELINE, die in Kontakt zu Betroffenen steht und regelmäßig Hilferufe erhält. Der Brief einer Afghanin Redaktion vor.
Frau Klemm, wir sprechen viel über die Ortskräfte in Afghanistan. Welche Leute sind das, die es überhaupt in den Flieger nach Deutschland schaffen?
Neben den Ortskräften befinden sich viele weitere gefährdete Menschen in den Flugzeugen, darunter: Frauen, Musiker:innen, Frauenrechtler:innen, Politiker:innen, medizinisches Personal, Journalist:innen, LSBTIQ*-Personen sowie weitere Personen, die sich auf unterschiedlichste Weise in der alten Regierung Afghanistans für Menschenrechte eingesetzt haben. Unter der neuen Bundesregierung wurden nur solche gefährdeten Afghan:innen eingeflogen, die vorher den Rechtsweg gewählt hatten. Das heißt: Trotz Aufnahmezusage und erfolgreicher Sicherheitsinterviews in Islamabad mussten die Visa eingeklagt werden.
Die Afghan:innen in Pakistan warten immer noch auf ihre Visa für eine Ausreise nach Deutschland
In Islamabad warten immer noch 2000 Afghan:innen aus den Aufnahmeprogrammen auf eine Ausreise. Am 15. August wurden 248 Personen (Stand 8. September) von Pakistan nach Afghanistan abgeschoben. Die Bundesregierung sagt, dass sie im „hochrangigen Austausch mit der Republik Pakistan“ stehe. Die festsitzenden Menschen sind kaum mehr als Gefangene.
Wie ist die Situation für Frauen in Afghanistan?
Zunächst durften Frauen unter den Taliban nicht mehr alleine in die Öffentlichkeit, mussten sich komplett verhüllen. Ihnen wurde das Sprechen und Singen verboten und Mädchen dürfen nur noch die Grundschule besuchen. Zudem dürfen Mädchen offiziell von ihren Vätern verkauft werden. Im Oktober 2024 beschloss der Europäische Gerichtshof, dass afghanische Frauen in Europa einen generellen Anspruch auf Asyl haben. Die Frage, wie die Frauen aus Afghanistan nach Europa kommen, wurde jedoch nicht geklärt.
Unterdrückung in Afghanistan: Frauen und Mädchen leiden unter dem Taliban-Regime
Ja, ich stehe mit einigen Frauen in Kontakt. Es handelt sich um Frauen, die ich im Rahmen des Bundesaufnahmeprogramms der Bundesregierung vorgeschlagen habe. Sie haben bis heute keine Rückmeldung erhalten. Sie schreiben mir immer wieder, um aus diesem Albtraum zu entkommen. Ich traue mich fast nicht, ihnen die letzte Hoffnung zu nehmen, dass es keine weiteren Auswahlrunden geben wird. Denn die CDU hat angekündigt, die freiwilligen Aufnahmeprogramme zu beenden. Manchmal würde ich mir wünschen, dass Friedrich Merz, Alexander Dobrindt oder Johann Wadephul diese Hiobsbotschaft selbst übermitteln. Doch wir sind es, die Antworten geben müssen.
Wir haben an dem Buch „Untergang einer Generation“ gearbeitet, in dem eine Afghanin ziemlich genau beschreibt, wie verzweifelt die Situation der Frauen ist. Ich kann das Buch jedem ans Herz legen, der verstehen möchte, wie es sich unter der Herrschaft der Taliban anfühlt.
Zur Person
Jule Klemm arbeitet seit Oktober 2022 bei MISSION LIFELINE International. Sie hat die Projektleitung für das Afghanistan-Projekt. Ihr Antrieb ist es, sichere Fluchtwege zu schaffen, damit niemand mehr auf der Flucht sterben oder schwerwiegende Traumata erleben muss. Aktuell kümmert sie sich verstärkt um betroffene Frauen, die unter dem Taliban-Regime zu leiden haben.
Über das Buch „Untergang einer Generation“
Das Buch schildert die Schicksale afghanischer Frauen unter der Herrschaft der Taliban. Es erzählt von Gewalt, Flucht, zerstörten Lebensträumen und der systematischen Unterdrückung, die Frauen Bildung und Freiheit verweigert. Inmitten dieser düsteren Realität kämpfen sie ums Überleben, für Freiheit und versuchen, das Leben in einem Umfeld der Angst und Isolation zu meistern.
Bundesregierung um Dobrindt nimmt Frauen in Afghanistan jede Hoffnung
Inwiefern haben sich die Frauen darauf verlassen, nach Deutschland ausreisen zu dürfen?
Ich denke, sie haben das Versprechen, sie „nicht im Stich zu lassen“, ernst genommen. Schon der gesamte Prozess des Bundesausnahmeprogramms weckte Hoffnung. Denn dafür war neben einer Sammlung von Dokumenten wie Pässen, Urkunden, Schul- und Universitätsabschlüssen sowie Nachweisen über ehrenamtliche Tätigkeiten bei NGOs oder Arbeitsverträgen in Frauenrechtsorganisationen auch eine detaillierte Beschreibung der Gefährdungslage der Person erforderlich. Manche Personen erhielten schon per E-Mail Nachfragen der Bundesregierung und verkauften ihre Habe, um Pässe oder Urkunden zu beantragen. Das taten sie, weil sie an das deutsche Versprechen glaubten, evakuiert zu werden.
„Afghan:innen bekommen kein Visum, aber wir fliegen ein bekanntes Taliban-Mitglied nach Deutschland ein“
Was halten Sie davon, dass die Bundesregierung mit den Taliban über Abschiebeflüge verhandelt?
Es ist ein absolutes Unding, mit einem Land zu verhandeln, dessen Regierung weltweit und von Deutschland selbst nicht anerkannt wird. Kein anderes europäisches Land hat seit dem Fall Kabuls 2021 wieder nach Afghanistan abgeschoben. Überdies wurde nun auch ein Taliban-Mitglied eingeflogen, um an der afghanischen Botschaft zu arbeiten. Das ist für mich völlig paradox, denn Afghan:innen bekommen kein Visum, wenn auch nur der geringste Verdacht besteht, dass sie irgendeine Verbindung zu den Taliban haben, und wir fliegen ein bekanntes Taliban-Mitglied direkt nach Deutschland. Dieser Fakt neben den anhaltenden Abschiebeflügen sind ein Schlag ins Gesicht für Afghan:innen.
Eine Afghanin schildert ihre Situation: Briefauszug
(...) Vor nicht allzu langer Zeit war ich Universitätsprofessorin und Menschenrechtsaktivistin, ein Leuchtfeuer, das die Dunkelheit erhellte. Jetzt ist die Dunkelheit, die über mein Heimatland hereingebrochen ist, so tief und endlos geworden, dass es scheint, als gäbe es keinen Hoffnungsschimmer mehr. Ich (...) befinde mich in einem Kerker aus Angst und Elend und bin kurz davor, das letzte Licht in meiner Seele zu verlieren. (...)
Die Universität war nicht nur eine Bildungseinrichtung, sondern ein Zufluchtsort für neue Ideen, für große Ambitionen, für den Aufbau einer besseren Zukunft. (...) Die jungen Mädchen mit ihren bunten Kopftüchern waren wie Schmetterlinge, die gerade ihre Flügel entfaltet hatten. (...) Unter ihnen waren Mädchen, die sich gegen die fehlgeleiteten Traditionen und Überzeugungen ihrer Familien und Gemeinschaften aufgelehnt hatten, um eine Ausbildung zu absolvieren. Neben meiner Lehrtätigkeit engagierte ich mich auch für Menschen- und Frauenrechte. (...) Gemeinsam (...) brachen wir die hohen Mauern der Ignoranz und Unterdrückung ein, eine nach der anderen.
Wenn wir es wagen, nach draußen zu gehen, was erwartet uns dann?
(...) Dann kam der 15. August 2021 – der Tag, an dem die Geschichte Afghanistans zum Stillstand kam. (...) Die Taliban kamen und vernichteten in einer einzigen Nacht alle Pläne, die wir für eine bessere Zukunft entworfen hatten. Dies galt insbesondere für uns Frauen. (...) Die Situation verschlechterte sich dermaßen, wie ich es mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht hätte vorstellen können. Der erste Schlag kam, als die Tore der Schulen, Universitäten und Arbeitsstätten für uns geschlossen wurden. Die Klassenzimmer, die einst voller Leidenschaft und Begeisterung waren, stehen nun leer und verschlossen da.
(...) Sie negieren unsere Existenz in allen Bereichen: Parks, Fitnessstudios, öffentliche Bäder und sogar Schönheitssalons sind verboten. Das Atmen von Luft außerhalb der eigenen vier Wände gilt als unverzeihliche Übertretung. (...) Wenn wir es wagen, nach draußen zu gehen, was erwartet uns dann? Die feindseligen Blicke bewaffneter Männer, die uns nicht als Menschen sehen, sondern als „Beute“ – als sündige Wesen, deren Stimme Beute ist, deren Gesicht Beute ist. Sie verhaften uns aufgrund erfundener Anschuldigungen und bringen uns in gefürchtete Haftanstalten, aus denen schreckliche Nachrichten über Folter und Vergewaltigung dringen. Sie haben die Frauen und Mädchen dieses Landes zu Instrumenten der sexuellen Befriedigung und Fortpflanzung degradiert.
Ich bin müde, so sehr müde. Müde vom Kämpfen, vom Fliehen, vom Fürchten
In diesen dunkelsten Tagen habe ich meinen Kampf nicht aufgegeben. (...) Aber dieser Weg bringt mich mit jedem Augenblick näher an den Abgrund des Todes. Die Morddrohungen der Taliban machen jeden Atemzug zu einem Kampf.
(...) Ihre Spione sind in allen Stadtvierteln verteilt und überwachen das Kommen und Gehen der Menschen. Sie identifizieren protestierende Mädchen und entführen sie mit äußerster Rücksichtslosigkeit von der Straße, von öffentlichen Plätzen unter dem Vorwand des Hijab oder sogar aus ihren Häusern vor den Augen ihrer entsetzten Familien, mit Tritten und Gewehrkolben. Viele meiner Freunde wurden verhaftet. Einige sind nie zurückgekehrt. Diejenigen, die zurückgekehrt sind, leiden unter schweren psychischen Traumata. (...)
Vielleicht wird Afghanistan wieder frei sein. Aber bis zu diesem Tag muss ich Widerstand leisten
Ich lebe jetzt im Untergrund, wie ein Flüchtling muss ich unsichtbar bleiben. Aber die schwerste Last ist die materielle Last. Seit dem Tag, an dem die Taliban zurückgekehrt sind, habe ich keine Einkommensquelle mehr. Unsere Ersparnisse schwinden rapide. Mit jedem Tag gibt es weniger zu essen. (...) Jeden Tag stehe ich vor einer tödlichen Frage: Werde ich heute verhaftet und in einen Kerker der Taliban geworfen, oder werden meine Kinder und ich still und leise innerhalb dieser vier Wände verhungern? Manchmal denke ich, das Einzige, was mich an dieses Leben fesselt, ist der unschuldige Blick meiner beiden Kinder. Sie sind es, die mir die Kraft geben, einen weiteren Tag zu ertragen. Aber auch diese Kraft geht mir langsam aus. Ich bin müde, so sehr müde. Müde vom Kämpfen, vom Fliehen, vom Fürchten.
(...) Doch Afghanistan zu verlassen, scheint unmöglich. Es gibt keine legalen Wege. (...) Gelegentlich höre ich kleine Nachrichten, die mir Kraft geben: junge Mädchen, die heimlich zu Hause lernen, Frauen und Mädchen, die innerhalb ihrer vier Wände ihre Stimme erheben. Diese anonymen Heldinnen erinnern mich daran, dass man noch hoffen kann. Vielleicht wird morgen ein besserer Tag sein. Vielleicht wird Afghanistan wieder frei sein. Aber bis zu diesem Tag muss ich Widerstand leisten. Nicht für mich selbst, sondern für meine Kinder.
Vielleicht wird die Welt eines Tages das Ausmaß der Katastrophe verstehen
Dies ist meine Erzählung, die Geschichte einer Frau, die einst die Träume einer Nation lehrte und sich nun selbst und ihre Träume in einer dunklen Ecke verkümmern sieht, wo sie auf einen stillen Tod wartet. Aber es ist nicht nur meine Geschichte. Es ist die Geschichte von Millionen afghanischer Frauen, die in Stille leiden. Wir leben vielleicht versteckt, unsere Stimmen erreichen vielleicht nicht die Welt, aber wir existieren. Vielleicht wird sich die Geschichte eines Tages an uns erinnern. Vielleicht werden eines Tages die Mädchen Afghanistans wieder in Parks spielen, an Universitäten studieren und frei auf den Straßen gehen können. Bis zu diesem Tag werden wir weiter Widerstand leisten, auch wenn dieser Widerstand auf die Stille unserer Häuser beschränkt ist.
Vielleicht wird die Welt eines Tages das Ausmaß der Katastrophe verstehen, die sich im Herzen Asiens abspielt. Denn wir wissen, dass hinter jeder kalten, dunklen Nacht die Morgendämmerung naht. Auch wenn wir selbst diese Morgendämmerung vielleicht nie erleben werden.