Brief einer Betroffenen

Wie eine Frau in Afghanistan unter den Taliban leidet – „Ich befinde mich in einem Kerker aus Angst“

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Frauen in Afghanistan haben sich auf deutsche Evakuierungsversprechen verlassen. Während sie unter den Taliban leiden, verhandelt Deutschland mit den Islamisten.

Frankfurt/Kabul – Die Lage der afghanischen Ortskräfte in Pakistan wird medial viel diskutiert. In den Hintergrund geraten ist die Situation der Menschen vor Ort, insbesondere die der Frauen in Afghanistan. Die Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sprach mit Jule Klemm von MISSION LIFELINE, die in Kontakt zu Betroffenen steht und regelmäßig Hilferufe erhält. Der Brief einer Afghanin Redaktion vor.

Mädchen nehmen in Afghanistan heimlich an einem Untergrundunterricht teil. Die Taliban verbietet ihnen Bildung.
Frau Klemm, wir sprechen viel über die Ortskräfte in Afghanistan. Welche Leute sind das, die es überhaupt in den Flieger nach Deutschland schaffen?
Neben den Ortskräften befinden sich viele weitere gefährdete Menschen in den Flugzeugen, darunter: Frauen, Musiker:innen, Frauenrechtler:innen, Politiker:innen, medizinisches Personal, Journalist:innen, LSBTIQ*-Personen sowie weitere Personen, die sich auf unterschiedlichste Weise in der alten Regierung Afghanistans für Menschenrechte eingesetzt haben. Unter der neuen Bundesregierung wurden nur solche gefährdeten Afghan:innen eingeflogen, die vorher den Rechtsweg gewählt hatten. Das heißt: Trotz Aufnahmezusage und erfolgreicher Sicherheitsinterviews in Islamabad mussten die Visa eingeklagt werden.

Die Afghan:innen in Pakistan warten immer noch auf ihre Visa für eine Ausreise nach Deutschland

In Islamabad warten immer noch 2000 Afghan:innen aus den Aufnahmeprogrammen auf eine Ausreise. Am 15. August wurden 248 Personen (Stand 8. September) von Pakistan nach Afghanistan abgeschoben. Die Bundesregierung sagt, dass sie im „hochrangigen Austausch mit der Republik Pakistan“ stehe. Die festsitzenden Menschen sind kaum mehr als Gefangene.
Wie ist die Situation für Frauen in Afghanistan?
Zunächst durften Frauen unter den Taliban nicht mehr alleine in die Öffentlichkeit, mussten sich komplett verhüllen. Ihnen wurde das Sprechen und Singen verboten und Mädchen dürfen nur noch die Grundschule besuchen. Zudem dürfen Mädchen offiziell von ihren Vätern verkauft werden. Im Oktober 2024 beschloss der Europäische Gerichtshof, dass afghanische Frauen in Europa einen generellen Anspruch auf Asyl haben. Die Frage, wie die Frauen aus Afghanistan nach Europa kommen, wurde jedoch nicht geklärt.

Unterdrückung in Afghanistan: Frauen und Mädchen leiden unter dem Taliban-Regime

Kabul Flughafen
Im Jahr 2021 zogen sich die USA aus Afghanistan zurück. Zugleich rückten auch die übrigen NATO-Truppen ab, darunter die deutsche Bundeswehr. Nachdem ein Großteil der ausländischen Truppen das Land verlassen hatte, eroberten die Taliban Afghanistan in Windeseile zurück. Am 15. August 2021 übernahmen sie die Macht in dem Land.  © Imago
Frauen in Afghanistan
Trotz anfänglicher Versprechen, Frauenrechte im Rahmen der Scharia zu respektieren, erließen die Taliban bereits in den ersten Monaten zahlreiche Verbote. Diese hinderten Frauen und Mädchen daran, ihre grundlegenden Rechte auf Meinungsäußerung, Freiheit, Arbeit und Bildung wahrzunehmen. In nur wenigen Monaten höhlten die Taliban mit unvergleichlicher Härte das Recht von Frauen auf Selbstbestimmung aus. © Mads Nissen/dpa
Mädchen in Afghanistan
Als eine der ersten politischen Handlungen verboten die Taliban Mädchen den Besuch von weiterführenden Schulen. Zwar liefen einige Kurse online weiter, doch zu den Prüfungen waren die Studentinnen nicht zugelassen. Ohne Bildung steigt das Risiko für Mädchen, ausgebeutet, missbraucht oder früh verheiratet zu werden. © Aref Karimi/AFP
Afghan refugee
Seit der Machtübernahme der Taliban sind die Berufsmöglichkeiten für Frauen stark eingeschränkt. Vielen wurde gekündigt, andere dürfen nur noch von zu Hause aus arbeiten. Wer noch einen Arbeitsplatz hat, braucht für den Weg dorthin einen männlichen Begleiter (Mahram). Die Berufsverbote der Frauen stürzen viele Familien noch tiefer in die Armut. Im Jahr 2023 versinnbildlichte Liza Anvary mit dieser Aufnahme, dass Frauen in Afghanistan wie in einem Gefängnis leben. Anvary arbeitete für die afghanische Regierung, ehe sie nach zwei Mordanschlägen über Pakistan nach Spanien flüchtete. © Ximena Borrazas/Imago
Lage in Afghanistan
Die Taliban erließen strenge Bewegungsfreiheits- und Kleidervorschriften für Frauen. Frauen dürfen in der Öffentlichkeit nur unterwegs sein, wenn sie von einem männlichen Verwandten begleitet werden. Generell dürfen sie das Haus nur zu dringenden Besorgungen und nur vollständig verschleiert verlassen. Halten sich Frauen nicht an die Kleidervorschriften, droht ihren männlichen Verwandten Haft. © Julian Frank/dpa
Lage in Afghanistan
Das landesweite Unterstützungssystem für Überlebende sexualisierter Gewalt, das Frauenrechtlerinnen in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut hatten, ist fast vollständig zusammengebrochen. Frauenhäuser mussten schließen, Mitarbeitende von Organisationen werden bedroht oder müssen verdeckt arbeiten. Das Gesetz zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen hat keine Gültigkeit mehr. © Ahmad Sahel Arman/AFP
Taliban in Aghanistan
Auf ihrem Eroberungszug durch das Land ließen die Taliban 2021 systematisch Gefangene frei. Viele von ihnen waren wegen geschlechtsspezifischer Gewalt verurteilt worden. Das Frauenministerium wurde abgeschafft und durch das berüchtigte „Ministerium für die Verbreitung der Tugend und die Verhütung des Lasters“ ersetzt, das die frauenfeindlichen Erlasse des Regimes umsetzt. © Bashir Darwish/Imago
Taliban in Afghanistan
Schon vor dem Sieg der Taliban war eines von drei Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag zwangsverheiratet worden. Diese hohe Zahl stieg bis 2023 weiter an. Um nicht zu verhungern, verheiraten immer mehr Eltern ihre oft noch sehr jungen Töchter gegen einen Brautpreis. Manche Familien verheiraten ihre Töchter auch, um sie vor einer Zwangsheirat mit einem Mitglied der Taliban-Miliz zu schützen. © Ahmad Sahel Arman/AFP
Taliban in Afghanistan
Frauen sind seit der Machtübernahme aus dem politischen Leben völlig ausgeschlossen. Vor der Taliban-Herrschaft waren dank einer Quotenregel 27 Prozent der Abgeordneten im Parlament Frauen. Landesweit gab es 21 Prozent Strafverteidigerinnen und 265 von insgesamt 1951 Richterinnen waren Frauen. In der neuen Regierung gibt es keine einzige Ministerin. © Wakil Kohsar/AFP
Taliban in Afghanistan
Aus Angst vor Repressionen hörten seit der Machtergreifung der Taliban 84 Prozent der Frauen, die im Journalismus tätig waren, auf, weiter in dieser Branche zu arbeiten. Die, die weitermachen, tun das unter Lebensgefahr. Inländische Medien müssen sich an strenge Inhaltsvorschriften halten. © Wakil Kohsar
Taliban in Afghanistan
Frauen, die dringend benötigte humanitäre Projekte umsetzen, können nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt arbeiten. Seit April 2023 dürfen sie nicht mehr für die UN tätig sein. Das gleiche Bild zeigt sich im Bildungs- oder Gesundheitssektor. Ärztinnen dürfen beispielsweise keine männlichen Patienten behandeln oder sich mit ihren männlichen Kollegen austauschen. © Javed Tanveer/AFP
Taliban in Afghanistan
Afghanistan hat eine der höchsten Raten an Müttersterblichkeit der Welt. Nach UN-Schätzungen stirbt alle zwei Stunden eine afghanische Frau während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Ursachen sind das oft junge Alter, Mangelernährung und schlechte medizinische Versorgung der Schwangeren. Das Verkaufsverbot von Verhütungsmitteln, das die Taliban Anfang 2023 erließen, kann tödliche Folgen für Frauen haben. © Hoshang Hashimi
Frauen unter dem Taliban Regime
Die Schließung von Beauty Salons wurde im Juni 2023 angeordnet, was einen weiteren Eingriff in den Bereich der persönlichen Körperpflege, des Wohlbefindens und der Arbeitsmöglichkeiten von Frauen darstellt. Diese Maßnahme traf Tausende von Frauen, die in diesen Salons arbeiteten und ihre Familien ernährten. Ein Beispiel für die Veränderungen zeigt das Bild: Sofort nach der Taliban-Machtübernahme übermalte eine Mitarbeiterin eines Schönheitssalons in Kabul ein großes Foto einer Frau.  © Imago
Demo in Dänemark
Die mehrheitlich schiitischen Hazara sind seit langer Zeit Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt. Mit der Machtübernahme der Taliban hat die Unterdrückung zugenommen. Insbesondere Frauen und Mädchen sind von multiplen Formen der Diskriminierung und Gewalt betroffen. Zahlreiche Anschläge wurden gezielt auf Frauen und Mädchen der ethnischen Minderheit Hazara verübt. In Europa kommt es deswegen häufiger zu Demonstrationen, wie hier im Oktober 2022 in Kopenhagen. © Thibault Savary/Imago
Taliban in Afghanistan
Mit Sorge beobachten Frauenrechtsaktivistinnen, wie überall islamische Schulen entstehen. Weil sie sonst keine Chance auf Unterricht haben, besuchen auch immer mehr Mädchen und junge Frauen diese Madrasas. Dort verbreiten die Lehrenden islamistisches und radikales Gedankengut, das die Schülerinnen in ihre Familien tragen. © Mustafa Noori/Imago
Flucht aus Afghanistan
Die Angst vor der Gewaltbereitschaft der neuen Taliban-Machthaber haben zu noch mehr Fluchtbewegungen geführt. Annähernd 700.000 Menschen haben laut dem UN-Flüchtlingswerk UNHCR allein im Jahr 2021 ihre Dörfer und Städte verlassen. Rund 3,25 Millionen Afghaninnen und Afghanen leben aktuell als Binnenvertriebene im eigenen Land. © Diego Radames/Imago
Taliban in Afghanistan
Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich nach der Machtübernahme rapide: Inflation und Arbeitslosenrate stiegen stark an, das Bankensystem kollabierte. Die USA froren Milliarden-Reserven der Zentralbank des Landes ein. Kontoinhaber konnten nur noch kleine Beträge abheben, es gab keine Kredite mehr und vielen Afghaninnen und Afghanen fehlt das Geld zum Leben. © Ramin Sulaimankhail/Imago
Tomatensaison in Afghanistan
Afghanistan gehört zu den Ländern auf der Welt, die am meisten unter den Folgen des Klimawandels leiden. Die ausbleibenden Niederschläge führen dazu, dass Ernten ausfallen, Tierfutter und Trinkwasser knapp sind. Zugleich haben sich die Preise für Lebensmittel, Dünger und Treibstoff in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt. Die Lage der Bauern ist so dramatisch, dass Eltern teilweise ihre Kinder verkaufen müssen. © Ahmad Zubair/dpa
Humanitäre Lage in Afghanistan
Nach Angaben der Vereinten Nationen leben etwa 97 Prozent der Bevölkerung in Armut und zwei Drittel sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, um zu überleben. Vier Millionen Menschen sind akut unterernährt, darunter 3,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Laut World Food Programme sind zwei Drittel der Bevölkerung 2023 auf humanitäre Hilfe angewiesen – fast dreimal so viel wie 2021. © Khibar Momand/dpa
Afghanistan Pakistan
Zwangsrückführungen verschlimmern die Krise. Hunderttausende Geflüchtete sehen sich nach einer Ankündigung der pakistanischen Behörden im Oktober 2023 mit ihrer Abschiebung konfrontiert. Iran und Pakistan haben im Rahmen staatlicher Maßnahmen gegen Migranten und Geflüchtete fast zwei Millionen Menschen zurück nach Afghanistan abgeschoben. Viele der Abgeschobenen hatten Jahrzehnte oder ihr ganzes Leben außerhalb Afghanistans verbracht. © Hussain Ali/Imago
Konflikt in Afghanistan
Die Kürzungen bei den US-Hilfsprojekten durch die Trump-Regierung haben Programme zum Erliegen gebracht, die für die Ernährungssicherheit unverzichtbar waren. Die Hälfte der afghanischen Bevölkerung – rund 23 Millionen Menschen – ist auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen. Bis Juli mussten mehr als 400 Gesundheitseinrichtungen aufgrund fehlender Mittel schließen, die zum Großteil aus der offiziellen Entwicklungshilfe von Geberregierungen stammten. © Saifurahman Safi/dpa
Demo Berlin
Seit August 2021 demonstrieren afghanische Frauen und afghanische Frauen- und Diasporagruppen (wie hier in Berlin) immer wieder friedlich für Bildung, Arbeit, Gerechtigkeit und Frieden. Ihre Proteste setzten sie trotz der Brutalität des Regimes, trotz Verhaftungen und Entführungen von Demonstrantinnen fort. Afghaninnen, die friedlich für ihre Rechte protestieren, werden bedroht, verhaftet und gefoltert. Frauenrechtsaktivistinnen berichten von Entführungen, Kinderehen, Zwangsverheiratungen und Vergewaltigungen. © Gerald Matzka/dpa
Frauen in Afghanistan
Die Taliban setzen seit 2024 ein drakonisches Gesetz zur „Verbreitung von Tugend und Verhinderung von Laster“ rigoros durch, das Kleidungs- und Verhaltensweisen reglementiert. Lokale Komitees führen Razzien an Arbeitsplätzen durch, überwachen öffentliche Plätze und haben Kontrollpunkte eingerichtet, um Mobiltelefone zu überprüfen. Die Taliban haben Menschen wegen angeblicher Verstöße festgenommen. © Wakil Kohsar/AFP
Achundsada
Im Juli 2025 erließ der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen den Taliban-Führer Haibatullah Achundsada und den obersten Richter, Abdul Hakim Hakkani. Ihnen werden wegen der Entrechtung von Frauen und Mädchen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Nach Auffassung des Gerichts betreiben die Taliban eine Politik, die zu schweren Verletzungen der Grundrechte und -freiheiten der Zivilbevölkerung führt: Mord, Inhaftierung, Folter und Vergewaltigung.  © Mohd Rasfan/AFP
Flughafen Hannover - Ankunft Afghanen mit Aufnahmezusage
Im September 2025 konnten mehrere afghanische Familien nach Deutschland einreisen. Sie hatten in Deutschland geklagt, um ihre Einreise durchzusetzen. Die schwarz-rote Koalition hatte das Aufnahmeprogramm im Mai gestoppt. Am 18. Juli 2025 hatte Deutschland 81 Betroffene nach Kabul abgeschoben – die ersten Abschiebungen nach Afghanistan unter der neuen Regierung. In den USA hat die Trump-Regierung den vorübergehenden Schutzstatus für afghanische Staatsangehörige aufgehoben und Afghanistan in die Liste der Länder mit Einreiseverbot aufgenommen. Tausenden afghanischen Staatsangehörigen droht somit die Abschiebung, auch in Drittländer. © Michael Matthey/dpa
Haben Sie zu einzelnen Kontakt?
Ja, ich stehe mit einigen Frauen in Kontakt. Es handelt sich um Frauen, die ich im Rahmen des Bundesaufnahmeprogramms der Bundesregierung vorgeschlagen habe. Sie haben bis heute keine Rückmeldung erhalten. Sie schreiben mir immer wieder, um aus diesem Albtraum zu entkommen. Ich traue mich fast nicht, ihnen die letzte Hoffnung zu nehmen, dass es keine weiteren Auswahlrunden geben wird. Denn die CDU hat angekündigt, die freiwilligen Aufnahmeprogramme zu beenden. Manchmal würde ich mir wünschen, dass Friedrich Merz, Alexander Dobrindt oder Johann Wadephul diese Hiobsbotschaft selbst übermitteln. Doch wir sind es, die Antworten geben müssen.
Wir haben an dem Buch „Untergang einer Generation“ gearbeitet, in dem eine Afghanin ziemlich genau beschreibt, wie verzweifelt die Situation der Frauen ist. Ich kann das Buch jedem ans Herz legen, der verstehen möchte, wie es sich unter der Herrschaft der Taliban anfühlt.

Zur Person

Jule Klemm arbeitet seit Oktober 2022 bei MISSION LIFELINE International. Sie hat die Projektleitung für das Afghanistan-Projekt. Ihr Antrieb ist es, sichere Fluchtwege zu schaffen, damit niemand mehr auf der Flucht sterben oder schwerwiegende Traumata erleben muss. Aktuell kümmert sie sich verstärkt um betroffene Frauen, die unter dem Taliban-Regime zu leiden haben.

Über das Buch „Untergang einer Generation“

Das Buch schildert die Schicksale afghanischer Frauen unter der Herrschaft der Taliban. Es erzählt von Gewalt, Flucht, zerstörten Lebensträumen und der systematischen Unterdrückung, die Frauen Bildung und Freiheit verweigert. Inmitten dieser düsteren Realität kämpfen sie ums Überleben, für Freiheit und versuchen, das Leben in einem Umfeld der Angst und Isolation zu meistern.

Bundesregierung um Dobrindt nimmt Frauen in Afghanistan jede Hoffnung

Inwiefern haben sich die Frauen darauf verlassen, nach Deutschland ausreisen zu dürfen?
Ich denke, sie haben das Versprechen, sie „nicht im Stich zu lassen“, ernst genommen. Schon der gesamte Prozess des Bundesausnahmeprogramms weckte Hoffnung. Denn dafür war neben einer Sammlung von Dokumenten wie Pässen, Urkunden, Schul- und Universitätsabschlüssen sowie Nachweisen über ehrenamtliche Tätigkeiten bei NGOs oder Arbeitsverträgen in Frauenrechtsorganisationen auch eine detaillierte Beschreibung der Gefährdungslage der Person erforderlich. Manche Personen erhielten schon per E-Mail Nachfragen der Bundesregierung und verkauften ihre Habe, um Pässe oder Urkunden zu beantragen. Das taten sie, weil sie an das deutsche Versprechen glaubten, evakuiert zu werden.
Die Armut von Frauen in Afghanistan nimmt unter den Taliban zu.

„Afghan:innen bekommen kein Visum, aber wir fliegen ein bekanntes Taliban-Mitglied nach Deutschland ein“

Was halten Sie davon, dass die Bundesregierung mit den Taliban über Abschiebeflüge verhandelt?
Es ist ein absolutes Unding, mit einem Land zu verhandeln, dessen Regierung weltweit und von Deutschland selbst nicht anerkannt wird. Kein anderes europäisches Land hat seit dem Fall Kabuls 2021 wieder nach Afghanistan abgeschoben. Überdies wurde nun auch ein Taliban-Mitglied eingeflogen, um an der afghanischen Botschaft zu arbeiten. Das ist für mich völlig paradox, denn Afghan:innen bekommen kein Visum, wenn auch nur der geringste Verdacht besteht, dass sie irgendeine Verbindung zu den Taliban haben, und wir fliegen ein bekanntes Taliban-Mitglied direkt nach Deutschland. Dieser Fakt neben den anhaltenden Abschiebeflügen sind ein Schlag ins Gesicht für Afghan:innen.

Eine Afghanin schildert ihre Situation: Briefauszug

(...) Vor nicht allzu langer Zeit war ich Universitätsprofessorin und Menschenrechtsaktivistin, ein Leuchtfeuer, das die Dunkelheit erhellte. Jetzt ist die Dunkelheit, die über mein Heimatland hereingebrochen ist, so tief und endlos geworden, dass es scheint, als gäbe es keinen Hoffnungsschimmer mehr. Ich (...) befinde mich in einem Kerker aus Angst und Elend und bin kurz davor, das letzte Licht in meiner Seele zu verlieren. (...)

Die Universität war nicht nur eine Bildungseinrichtung, sondern ein Zufluchtsort für neue Ideen, für große Ambitionen, für den Aufbau einer besseren Zukunft. (...) Die jungen Mädchen mit ihren bunten Kopftüchern waren wie Schmetterlinge, die gerade ihre Flügel entfaltet hatten. (...) Unter ihnen waren Mädchen, die sich gegen die fehlgeleiteten Traditionen und Überzeugungen ihrer Familien und Gemeinschaften aufgelehnt hatten, um eine Ausbildung zu absolvieren. Neben meiner Lehrtätigkeit engagierte ich mich auch für Menschen- und Frauenrechte. (...) Gemeinsam (...) brachen wir die hohen Mauern der Ignoranz und Unterdrückung ein, eine nach der anderen.

Wenn wir es wagen, nach draußen zu gehen, was erwartet uns dann?

(...) Dann kam der 15. August 2021 – der Tag, an dem die Geschichte Afghanistans zum Stillstand kam. (...) Die Taliban kamen und vernichteten in einer einzigen Nacht alle Pläne, die wir für eine bessere Zukunft entworfen hatten. Dies galt insbesondere für uns Frauen. (...) Die Situation verschlechterte sich dermaßen, wie ich es mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht hätte vorstellen können. Der erste Schlag kam, als die Tore der Schulen, Universitäten und Arbeitsstätten für uns geschlossen wurden. Die Klassenzimmer, die einst voller Leidenschaft und Begeisterung waren, stehen nun leer und verschlossen da.

(...) Sie negieren unsere Existenz in allen Bereichen: Parks, Fitnessstudios, öffentliche Bäder und sogar Schönheitssalons sind verboten. Das Atmen von Luft außerhalb der eigenen vier Wände gilt als unverzeihliche Übertretung. (...) Wenn wir es wagen, nach draußen zu gehen, was erwartet uns dann? Die feindseligen Blicke bewaffneter Männer, die uns nicht als Menschen sehen, sondern als „Beute“ – als sündige Wesen, deren Stimme Beute ist, deren Gesicht Beute ist. Sie verhaften uns aufgrund erfundener Anschuldigungen und bringen uns in gefürchtete Haftanstalten, aus denen schreckliche Nachrichten über Folter und Vergewaltigung dringen. Sie haben die Frauen und Mädchen dieses Landes zu Instrumenten der sexuellen Befriedigung und Fortpflanzung degradiert.

Ich bin müde, so sehr müde. Müde vom Kämpfen, vom Fliehen, vom Fürchten

In diesen dunkelsten Tagen habe ich meinen Kampf nicht aufgegeben. (...) Aber dieser Weg bringt mich mit jedem Augenblick näher an den Abgrund des Todes. Die Morddrohungen der Taliban machen jeden Atemzug zu einem Kampf.

(...) Ihre Spione sind in allen Stadtvierteln verteilt und überwachen das Kommen und Gehen der Menschen. Sie identifizieren protestierende Mädchen und entführen sie mit äußerster Rücksichtslosigkeit von der Straße, von öffentlichen Plätzen unter dem Vorwand des Hijab oder sogar aus ihren Häusern vor den Augen ihrer entsetzten Familien, mit Tritten und Gewehrkolben. Viele meiner Freunde wurden verhaftet. Einige sind nie zurückgekehrt. Diejenigen, die zurückgekehrt sind, leiden unter schweren psychischen Traumata. (...)

Vielleicht wird Afghanistan wieder frei sein. Aber bis zu diesem Tag muss ich Widerstand leisten

Ich lebe jetzt im Untergrund, wie ein Flüchtling muss ich unsichtbar bleiben. Aber die schwerste Last ist die materielle Last. Seit dem Tag, an dem die Taliban zurückgekehrt sind, habe ich keine Einkommensquelle mehr. Unsere Ersparnisse schwinden rapide. Mit jedem Tag gibt es weniger zu essen. (...) Jeden Tag stehe ich vor einer tödlichen Frage: Werde ich heute verhaftet und in einen Kerker der Taliban geworfen, oder werden meine Kinder und ich still und leise innerhalb dieser vier Wände verhungern? Manchmal denke ich, das Einzige, was mich an dieses Leben fesselt, ist der unschuldige Blick meiner beiden Kinder. Sie sind es, die mir die Kraft geben, einen weiteren Tag zu ertragen. Aber auch diese Kraft geht mir langsam aus. Ich bin müde, so sehr müde. Müde vom Kämpfen, vom Fliehen, vom Fürchten.

(...) Doch Afghanistan zu verlassen, scheint unmöglich. Es gibt keine legalen Wege. (...) Gelegentlich höre ich kleine Nachrichten, die mir Kraft geben: junge Mädchen, die heimlich zu Hause lernen, Frauen und Mädchen, die innerhalb ihrer vier Wände ihre Stimme erheben. Diese anonymen Heldinnen erinnern mich daran, dass man noch hoffen kann. Vielleicht wird morgen ein besserer Tag sein. Vielleicht wird Afghanistan wieder frei sein. Aber bis zu diesem Tag muss ich Widerstand leisten. Nicht für mich selbst, sondern für meine Kinder.

Vielleicht wird die Welt eines Tages das Ausmaß der Katastrophe verstehen

Dies ist meine Erzählung, die Geschichte einer Frau, die einst die Träume einer Nation lehrte und sich nun selbst und ihre Träume in einer dunklen Ecke verkümmern sieht, wo sie auf einen stillen Tod wartet. Aber es ist nicht nur meine Geschichte. Es ist die Geschichte von Millionen afghanischer Frauen, die in Stille leiden. Wir leben vielleicht versteckt, unsere Stimmen erreichen vielleicht nicht die Welt, aber wir existieren. Vielleicht wird sich die Geschichte eines Tages an uns erinnern. Vielleicht werden eines Tages die Mädchen Afghanistans wieder in Parks spielen, an Universitäten studieren und frei auf den Straßen gehen können. Bis zu diesem Tag werden wir weiter Widerstand leisten, auch wenn dieser Widerstand auf die Stille unserer Häuser beschränkt ist.

Vielleicht wird die Welt eines Tages das Ausmaß der Katastrophe verstehen, die sich im Herzen Asiens abspielt. Denn wir wissen, dass hinter jeder kalten, dunklen Nacht die Morgendämmerung naht. Auch wenn wir selbst diese Morgendämmerung vielleicht nie erleben werden.

Mit freundlichen Grüßen

(Quelle: eigene Recherche) (Interview: ktho)

Rubriklistenbild: © Fariba Akbari/dpa

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