Verzweifelter Brandbrief: Bedrohte Afghanen wenden sich an Merz-Regierung
VonMax Nebel
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Ausgewiesen, untergetaucht, gefährdet: Afghanen ersuchen Deutschland um Einhaltung der Versprechen – und kritisieren Berlin für Wortbruch.
Berlin – Ein dramatischer Hilferuf aus Kabul erreicht die Bundesregierung: Über 200 Afghaninnen und Afghanen, die trotz Aufnahmezusage nach Deutschland von Pakistan in ihre Heimat abgeschoben wurden, flehen aus ihrem Versteck um Rettung. Der Brief an Kanzler Friedrich Merz und seine Minister schildert die akute Gefahr, in der die Betroffenen leben.
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Bedrohte Menschen aus Afghanistan rufen Merz-Regierung um Hilfe
Am Montagabend (1. September) erreichte ein Schreiben das Kanzleramt, in dem 210 Abgeschobene aus Kabul eindringlich um Hilfe bitten. Adressiert ist der Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz, Außenminister Johann Wadephul und Innenminister Alexander Dobrindt. „Dieser Brief ist ein verzweifelter Appell um dringende Intervention, um unser Leben zu retten und unsere Sicherheit zu gewährleisten“, heißt es laut Spiegel, dem das Schreiben vorliegt,darin.
Die Betroffenen berichten, sie seien am 15. August „unter Missachtung aller humanitären und ethischen Standards“ von Pakistan abgeschoben worden. Dabei seien sie Opfer schwerer Misshandlungen durch die pakistanische Polizei geworden, darunter „psychischer Druck, Demütigungen, Schikanen und Missbrauch“.
Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) verteidigt den Kurs der Bundesregierung: Während in Pakistan und Afghanistan Tausende Afghanen mit Aufnahmezusage festsitzen, wurden viele bereits abgeschoben – wie hier Geflüchtete am Grenzübergang Torkham.
Versteck in Afghanistan für aus Pakistan ausgewiesene Personen: Angst, Trauma, Unsicherheit
Die Gruppe meldet sich laut eigenen Angaben aus einem „sicheren Haus“ in Kabul, das von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit unterstützt wird. „Unser Leben ist jeden Augenblick bedroht“, schreiben sie. Die ständige Gefahr von Übergriffen durch die Taliban habe ein „unerträgliches psychologisches Trauma“ ausgelöst: „Wir können nicht schlafen, und der Stress der Ungewissheit zerstört uns.“
Die Betroffenen fordern ihre sofortige Rückführung nach Pakistan und den Beginn der längst zugesagten Umsiedlung nach Deutschland. „Jede Stunde Verzögerung kann uns das Leben kosten. Unser Leben liegt jetzt in Ihren Händen“, werden die in Pakistan Festsitzenden vom Spiegel zitiert.
Grüne kritisieren Merz-Regierung für Umgang für Schutz suchende Menschen aus Afghanistan
Unterstützt wird der Hilferuf von Bundestagsabgeordneten der Grünen. In einem Begleitschreiben, berichtet ebenfalls der Spiegel, erinnern Luise Amtsberg, Felix Banaszak, Marcel Emmerich und Schahina Gambir an die Verantwortung Deutschlands: „Deutschland hat diesen Menschen Schutz zugesagt. Jede weitere Verzögerung gefährdet ihr Leben und untergräbt die Glaubwürdigkeit unseres Rechtsstaats.“
Grünen-Co-Chef Felix Banaszak wirft Kanzler Merz und Innenminister Dobrindt gegenüber dem genannten Nachrichtenmagazin vor, statt schneller Hilfe den Kontakt zu den Taliban zu suchen, um weitere Abschiebungen zu ermöglichen. Damit schade die Bundesregierung „dem Ansehen Deutschlands in der Welt als verlässlicher Partner, gerade in Fragen von Friedenssicherung und humanitärer Hilfe.“
Erste Ankünfte in Hannover – mehr als 2000 Personen aus Afghanistan warten noch auf Einreise
Nach Angaben des Auswärtigen Amts warten derzeit noch rund 2300 Menschen auf ihre Umsiedlung nach Deutschland. Etwa 2100 von ihnen halten sich in Pakistan auf, der Rest im von den Taliban kontrollierten Afghanistan.
Bundesaufnahmeprogramm für besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen
Das Bundesaufnahmeprogramm begann nach der Machtübernahme der Taliban 2021 und richtete sich an besonders gefährdete Gruppen wie Ortskräfte, Menschenrechtsverteidiger, Journalistinnen sowie Angehörige von Frauen, Minderheiten und Demokratiebewegungen.
Im Mai 2025 stoppte die Merz-Regierung neue freiwillige Aufnahmen, rechtsverbindliche Zusagen bleiben jedoch bestehen. Gerichte verpflichteten die Bundesregierung mehrfach, diese auch umzusetzen.
Aktuell warten rund 2300 Menschen mit Aufnahmezusage, die meisten in Pakistan. Erste Gruppen konnten Anfang September nach erfolgreichen Klagen nach Deutschland einreisen.
Wadephul über Aufnahme gefährdeter Menschen aus Afghanistan: „Schwierigen Situation“
Die schwarz-rote Bundesregierung hatte das Programm zur freiwilligen Aufnahme gefährdeter Personen im Mai gestoppt. Außenminister Johann Wadephul sprach vor seiner Abreise zu einem Besuch in Indien von einer „außerordentlich schwierigen Situation“, betonte aber gemäß tagesschau.de zugleich: „Wir stehen auch dazu, rechtsverbindliche Aufnahmezusagen einzuhalten und sie umzusetzen.“
Damit steckt die Koalition von CDU/CSU und SPD im Spannungsfeld zwischen Koalitionsvertrag und humanitären Verpflichtungen. Für die Menschen in Kabul jedoch bleibt die Lage existenziell: Jede weitere Verzögerung könnte ihr Leben kosten.