Raketenangriff auf Israel

Gewaltspirale im Nahen Osten: Iran vor „fast unauflösbarem Dilemma“

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Rund 180 Raketen hat der Iran auf Israel abgefeuert. Laut Teheran: Vergeltung. Israel und der Iran drohen. Die Situation im Nahen Osten spitzt sich zu.

Teheran – Am Dienstag (1. Oktober) hat der Iran zum zweiten Mal in diesem Jahr einen Raketenangriff auf Israel durchgeführt. Laut iranischen Angaben war dieser ballistische Raketenangriff eine „Antwort“ auf die Tötung des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah. Israel hat angekündigt, auf den iranischen Angriff reagieren zu wollen. Benjamin Netanjahu, der israelische Ministerpräsident, erklärte nach dem Angriff, der Iran „wird dafür bezahlen“. Teheran hat ebenfalls mit einer „Antwort“ gedroht, falls Israel mit einem Gegenschlag reagiert – eine Gewaltspirale.

Iranischer Angriff auf Israel: Teheran wünsche keinen „größeren Krieg mit Israel“

Vor dem iranischen Raketenangriff hatten Experten bereits von einem Dilemma gesprochen, vor dem der Iran sich aufgrund der Tötung des Hisbollah-Chefs gestanden haben soll. Viele Experten waren der Ansicht, dass der Iran versuchen würde, eine weitere Eskalation der Situation zu vermeiden. Stefan Fröhlich, ein Nahostexperte, spricht auch nach dem iranischen Angriff von einem „fast unauflösbaren Dilemma“, in dem Teheran steckt.

Fröhlich erklärte im Gespräch mit ntv, dass es einem „Gesichtsverlust Teherans“ gleichkomme, beim „Untergang des wichtigsten Verbündeten“ – der Hisbollah – zuzusehen. Vor diesem Hintergrund bezeichnete er den Angriff auf Israel am Dienstag als „erwartbar“. Trotzdem sprach Fröhlich von einer „kontrollierten Eskalation“. Der Experte erklärte weiter, auf der einen Seite „musste eine Reaktion kommen“, auf der anderen Seite wünsche sich der Iran jedoch keinen „größeren Krieg mit Israel“.

Lage in Nahost: Am 1. Oktober schoss der Iran rund 180 Raketen auf Israel

Fröhlich rechne nun mit einer israelischen Reaktion und erklärte in diesem Zusammenhang: „Das Risiko nimmt zu, dass das zu einem größeren und länger anhaltenden Abnutzungskrieg wird.“ Er betonte, dass Israel sich bereits in einem Mehrfrontenkrieg befindet.

Lage im Nahen Osten: Experte nennt iranischen Angriff ein Spiel mit dem Feuer

Im Jemen feuern die Huthis und im Libanon die Hisbollah immer wieder Raketen auf Israel. Israel hat eine Bodenoffensive im Libanon gestartet. Hinzu kommt die Bedrohung durch die Hamas und den Iran. Experten zufolge ist der Iran nicht an einem regionalen Krieg interessiert. Philipp Dienstbier, Nahost-Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung, kam jedoch zu dem Schluss, dass der iranische Angriff am Dienstag ein „Spiel mit dem Feuer“ war. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärte Dienstbier, dass es bei dem iranischen Angriff um „Vergeltung“ ging, aber auch darum, die „Abschreckung gegenüber Israel wiederherzustellen“.

Israel konnte nach eigenen Angaben die meisten der etwa 180 Raketen, die der Iran am Dienstagabend abgefeuert hatte, abwehren. Im Gegensatz zu April griff der Iran Israel diesmal jedoch auch mit Hyperschallraketen an – einige trafen das Zentrum und den Süden Israels. Im israelisch besetzten Teil des Westjordanlands gab es ein Todesopfer und in Tel Aviv wurden zwei Menschen verletzt. Dienstbier erklärte, dass der Angriff vom Iran „kalibriert“ worden sei: „Dieses Kalkül des Iran, Abschreckung wieder aufzubauen, ohne einen großen Gegenschlag zu provozieren, das ist deutlich riskanter, als wir das aus der Vergangenheit kennen.“

Sorge vor Eskalation in Nahost nach iranischem Raketen-Angriff auf Israel

Die internationale Gemeinschaft ist zunehmend besorgt über die Möglichkeit eines Flächenbrandes im Nahen Osten angesichts der jüngsten Angriffe. Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte in Berlin: „Iran riskiert damit, die ganze Region in Brand zu setzen – das gilt es unter allen Umständen zu verhindern.“ UN-Generalsekretär António Guterres appellierte ebenfalls an die Konfliktparteien im Nahen Osten, um eine Deeskalation zu erreichen. Bisher scheinen die Appelle des Westens im Nahen Osten jedoch wenig Wirkung gezeigt zu haben. (pav)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Matan Golan

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