„Putin baut an einem Fake-Imperium“ – warum Russland dafür Indigene ins Visier nimmt
VonFlorian Naumann
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Im Westen fast unbemerkt hat Wladimir Putins Regime eine Repressionswelle gegen eine Gruppe in Russland gefahren. Ein Aktivist erklärt im Interview die Hintergründe.
Die Brutalität von Wladimir Putins Regime nach außen zeigt der Ukraine-Krieg überdeutlich. Auch im Inland übt es Gewalt – gegen Kritiker. Zuletzt hat Moskau eine Gruppe speziell ins Visier genommen: Im Dezember gab es eine Welle von Razzien gegen Vertreter der indigenen Völker. In „einem knappen Dutzend Regionen“, wie Dmitri Berezhkov der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sagt, gab es Durchsuchungen, Befragungen, wurden elektronische Geräte beschlagnahmt. Zwei Personen wurden festgenommen. Ihnen könnten 15 bis 25 Jahren Haft drohen – wegen vermeintlicher Verstöße gegen Gesetze zu „terroristischen Organisationen“.
Berezhkov, Itelmene von der Halbinsel Kamtschatka, war einst selbst Vizepräsident der „Assoziation der indigenen kleinen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens“, RAIPON. Ab 2013 kaperte der russische Staat RAIPON und baute es zu einer Pro-Regierungs-Gruppierung um. Im selben Jahr versuchte das Regime, Berezhkov in Norwegen festnehmen und ausliefern zu lassen. Der aktuelle Schlag richte sich gegen Menschen, die international die Stimme zu Verstößen gegen Indigenen-Rechte erheben, meint er. Warum das gerade jetzt auf Putins Agenda steht und wie Russland die Indigenen, deren Land und Ressourcen für imperiale Pläne instrumentalisiere, erklärt Berezhkov im Interview.
„Putin baut an einem Imperium – aber keinem echten“
Herr Berezhkov, die Repression gegen indigene Aktivisten in Russland hat sich anscheinend noch einmal verschärft. Wen nimmt Putin aus Ihrer Sicht ins Visier – und warum?
Betroffen waren Menschen, die über Klimawandel sprechen, über Artensterben, Fragen von Sprache, Kultur und Geschlecht. Sie waren über lange Jahre in das Netzwerk der UN integriert. Und natürlich sind sie in keiner Weise Terroristen oder Extremisten. Sie nutzen sogar nach russischem Recht völlig legale Wege, die Rechte indigener Menschen zu vertreten. Die meisten waren Mitglieder des Aborigen Forum, das seit der Übernahme von RAIPON friedlich in Russland gearbeitet hat. Im Juli 2024 kam es auf die Liste extremistischer Organisationen, später auf die Liste terroristischer Organisationen. Einfach, weil es versuchte, die Anliegen indigener Menschen und die Verletzung ihrer Rechte in Russland sichtbar zu machen. Das ist die Entwicklung.
Warum jetzt diese Eskalation?
Das Aborigen Forum hat sich unmittelbar nach der Listung als extremistische Organisation aufgelöst – aber die Mitglieder arbeiten als Einzelpersonen weiter auf UN-Level mit, das hat die russischen Behörden sehr aufgebracht. So weit wir wissen, wurde in Moskau beschlossen, die Arbeit der früheren Mitglieder des Aborigen Forum zu unterbinden. Weil sie Russlands Regierung dabei behindern, ihre Agenda international ungestört umzusetzen.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Vor einiger Zeit hatte Russland den Vorsitz im Arktischen Rat – eine Phase vollständiger Propaganda: Man wollte Russland als Vorreiter in der Arktis zeigen, als Beschützer der indigenen Völker. Es gab dutzende Festivals und Events in ganz Russland. Man hat Leute aus Afrika, Lateinamerika, aus dem Iran eingeladen, um den vermeintlichen Schutz der Indigenen zu präsentieren. Unglücklicherweise glauben sogar einige Regierungen und Indigene Völker diese Erzählung. Sie sehen Russland immer noch als progressiven Staat, der gegen die Dominanz des Westens und der USA ankämpft, gegen Kapitalismus und Globalisierung. Als guten Staat, der Menschenrechte schützt. Wenn Menschen mutig genug sind, das Gegenteil darzulegen, versucht man sie zu kriminalisieren.
Festnahmen in Russland – indigene Aktivisten in Putins Fadenkreuz
Nach Informationen der Gesellschaft für bedrohte Völker wurden im Dezember mindestens zwei indigene Aktivisten festgenommen. Darunter die Klimaaktivistin Daria Egereva, Co-Vorsitzende des Internationalen Klimawandel-Forums der indigenen Völker. Ihr werden Kontakte zum vermeintlich „terroristischen“ Aborigen Forum vorgeworfen. In Moskau sei ein weiterer Aktivist wegen „terroristischer Aktivitäten“ festgenommen worden.
Eine weitere bei den UN involvierte Person ist laut Berezhkov ins Ausland geflohen: Valentina Sovkina, eine Vertreterin der Samen auf der geografisch Finnland nahen Halbinsel Kola. Auch sie habe Befragungen und eine Wohnungsdurchsuchung erdulden müssen. Sovkina sei nun „an einem sicheren Ort in Norwegen“.
Ja, Russland nutzt diese Behauptung sehr gezielt. Gerade, wenn es mit den widerwärtigsten Regimen zusammenarbeitet, mit Nordkorea oder dem Iran. Und zugleich tritt Russland wie ein klassisches Imperium auf. Es vereinnahmt in den Regionen Ressourcen, Menschen, Geld und schaufelt sie nach Moskau, um die imperiale Strategie auszubauen. So funktioniert die Maschinerie, das ist die verrückte Realität, in der wir leben. Putin baut an einem Imperium – aber keinem echten, sondern einem post-modernen Imperium, das nur in der Propaganda existiert.
Für Sie ist das russische Imperium eine Art Luftschloss?
Menschen, die sich mit der Lage auskennen, bezweifeln, dass Russland beispielsweise in Venezuela echten Einfluss hat – und Trump hat das sehr klar gezeigt. Es hatte auch keine Hebel in Syrien und es ist nicht in der Lage, den Krieg in der Ukraine zu beenden. Es kann nur Fakes produzieren. Mithilfe der Ressourcen aus seinen eigenen Kolonien, aus Kamtschatka oder Tschukotka. Die Rechte der Indigenen sind dort nicht real.
Inwiefern?
Es gibt diese Rechte nach dem russischen Gesetz , aber wenn eine Öl-Firma Land braucht, dann sind sie nicht mehr relevant. Wir verfolgen diese Rechtsbrüche, um sie zumindest zu dokumentieren; für die UN oder die Geschichtsschreibung. Und wir diskutieren, wie wir gut für eine Zeit nach diesem Regime aufgestellt sein können.
Repression in Putins Russland: „Die goldene Regel ist, über Rechtsverletzungen zu schweigen“
Haben Sie noch Kontakte in Ihre Heimat? Wie ist die Lage vor Ort?
Ich habe nur zu meinen Verwandten Kontakten – und wir sprechen nur über Alltagsdinge, zuletzt zum Beispiel über Schneestürme. Ich weiß nicht, was Aktivisten dort tun, oder wie sie leben. Aber sie müssen Russland nicht notwendigerweise verlassen, solange sie nicht offen sprechen. Soweit ich weiß, hat die Gemeinschaft in Kamtschatka ihre Debatten über die Rechte der Indigenen stark zurückgefahren. Sie kümmert sich um Fischerei oder Kultur, praktische Fragen. Die Regionalregierung unterstützt Kultur-Festivals stark – weil das Touristenevents sind. Die goldene Regel ist, über Rechtsverletzungen zu schweigen. Besonders auf internationaler Ebene.
Das übernehmen unter anderem Sie aus dem Exil. Sie reisen seit einer Woche durch Europa, für Gespräche mit Politikern. Was sind Ihre Ziele?
Zum Beispiel eine stärkere Kooperation auf UN-Ebene. Viele Beobachter halten die UN für machtlos. Gerade jetzt, wo mehrere Akteure das Völkerrecht so klar verletzen. Aber für Indigene Völker sind sie nahezu das einzige Werkzeug, um auf internationale Standards zu pochen. Wir müssen unsere UN-Beteiligung stärken und auf die Kriminalisierung von indigenen Menschenrechtsverteidigern hinweisen. Wir hatten wichtige Treffen in Genf und in einigen Ländern. Wir wollen auch wieder ein Event veranstalten. Dabei soll es auch um den Ressourcenhandel zwischen Russland, anderen autoritären Regimes und dem Westen gehen.
Zurück zu den Inhaftierten: Wie wichtig ist internationale Aufmerksamkeit für sie?
Jede internationale Aufmerksamkeit ist für diese Fälle in Russland enorm wichtig. Sie lässt zum Beispiel weniger Raum für Folter. Für die Betroffenen ist das sehr relevant. (Interview: Florian Naumann)