VonMaria Sterklschließen
Die iranischen Vergeltungsschläge bringen für Israels Luftabwehr eine größere Herausforderung mit sich als Angriffe von Teherans verbündeten Milizen.
Die ganze Straße riecht nach verbranntem Plastik. In einer Seitenstraße in Haifa im Norden Israels tragen übermüdete Menschen die Überreste ihres Hab und Guts aus dem Stahlbetongerippe, das bis vor kurzem noch ihr Wohnhaus war. In Müllsäcke gestopfte Kleider, Haushaltsgeräte, Dokumente, Gebetsbücher, Spielzeug.
Ein junger ultraorthoxer Mann umklammert eine kleine Babywippe, bahnt sich den Weg durch den Schutt aus Mauerteilen und Waschmaschinentrümmern. Hier ragt ein Turnschuh aus dem Geröll, da ein halb zerfetzter Schulrucksack.
Am Sonntagabend hat hier, im ansonsten ruhigen Wohnviertel Neve Shaanan, eine iranische Rakete eingeschlagen. Viele Häuser in der Nachbarschaft sind jetzt unbewohnbar, alle Autos ausgebrannt. Mit einem einzigen großen Krach haben Dutzende Menschen ihr Zuhause verloren. Dennoch zeigen die Menschen in Haifa keine Verzweiflung, sondern sprechen immer wieder von einem „Wunder“: Niemand wurde bei dem schweren Einschlag getötet.
Israel im Krieg mit Iran: Raketen fliegen, Menschen werden evakuiert




Israel im Krieg mit dem Iran: Schon fast 300 Verletzte gemeldet
Shaul, ein Mittvierziger, erzählt von seinen Eltern, die nicht mehr gut gehen könnten. Sie haben es mit Not in den Schutzraum im Keller des vierstöckigen Wohnhauses geschafft, bevor die Rakete einschlug. „Sie wären sonst nicht mehr am Leben“, sagt er.
Nicht überall in Israel hatten die Menschen so viel Glück. Die Nacht zu Montag war die bisher blutigste seit dem Beginn der militärischen Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Iran. Laut Israels Gesundheitsministerium wurden 287 Verwundete in die Krankenhäuser eingeliefert. Die Zahl der Verletzten seit Beginn der Operation steigt damit auf fast 600. Die iranischen Angriffe forderten 24 Todesopfer in israelischen Städten – in drei Tagen.
Iran bombardiert Israel: Schwerere Waffen als die der Hamas
Warum bringen die iranischen Raketen so viel mehr Zerstörung, als es die Angriffe von Hamas und Hisbollah vermochten? Ein Teil der Antwort liegt im Typ der Raketen. Ein Sprengkopf der vom Iran eingesetzten ballistischen Raketen wiegt bis zu einer Tonne, sagt Raketenexperte Tal Inbar. Eine solche Rakete kann mehrere Wände durchdringen und sogar ganze Häuser zum Einsturz bringen.
Die israelische Luftabwehr ist zwar hocheffizient. Sie kann aber auch nicht hundert Prozent der Angriffe abwehren. Gegen die Angriffe der Hamas und der Hisbollah lag ihre Trefferquote stets bei über 90 Prozent. Zum Einsatz kam dabei zumeist der Abwehrschild Iron Dome. Er ist der am stärksten ausgebaute Teil der israelischen Luftabwehr – schon allein deshalb, weil er am häufigsten gebraucht wird.
Um die Salven ballistischer Raketen, die der Iran im Kampf gegen Israel einsetzt, abzufangen, ist der Iron Dome aber kaum geeignet. Dafür gibt es die Abwehrsysteme Arrow 2 und Arrow 3, die auf Langstreckenraketen ausgerichtet sind und die auch Deutschland aus Israel importieren will.
Die Raketen, die in diesem Schutzschild eingesetzt werden, sind laut dem Luftwaffenexperten Inbar „viel schwerer, intelligenter und teurer“ als jene des Iron Dome. Sie können damit nicht in so hoher Geschwindigkeit nachproduziert werden. Das Arsenal, um solche Langstreckenraketen abzuwehren, ist also kleiner als jenes, das gegen Raketen aus Gaza und dem Libanon eingesetzt werde.
Israel-Iran-Konflikt: Nicht jede Rakete wird von Luftabwehr verfolgt und abgeschossen
Dass Israel unter dem Beschuss aus dem Iran an den Punkt der Überforderung geraten könnte, halten Expertinnen und Experten zwar trotzdem für unwahrscheinlich. Die Zahl der vom Iran abgefeuerten Raketen – bisher waren es an die 400 – ist jedoch hoch genug, um die Luftwaffe immer wieder an ihre Grenzen zu führen.
Raketen, bei deren Flugkurve Analysen zeigen, dass der Einschlag auf Freiflächen erfolgen wird, lässt die Luftabwehr passieren, ohne zu versuchen, sie abzuschießen. Das soll den extrem teuren Einsatz der Raketenabwehr für die Fälle aufsparen, in denen hoher Schaden droht – in Form von Menschenleben, aber auch Infrastruktur.
Israel im Krieg mit dem Iran: Mit weiteren Verlusten ist zu rechnen
Da der Schutzschild aber nicht hundert Prozent der Angriffe abwehren kann, umso weniger bei ballistischen Raketen, „wird es leider immer Treffer geben“, sagt auch ein hoher israelischer Offizier. Bisher gab es 30 Raketeneinschläge. Da die Sprengköpfe der ballistischen Raketen um so viel schwerer sind als die Kurzstreckenraketen der Hamas und der Hisbollah, reicht aber schon einziger Einschlag, um Dutzende Verletzte und auch Tote zu fordern und eine ganze Nachbarschaft unbewohnbar zu machen.
Wie hoch der potenzielle Schaden an der Infrastruktur ist, hängt laut israelischen Expert:innen auch davon ab, wie viel Hilfe Israel von seinen Verbündeten bekommt. Die USA unterstützen das Land mit dem Abwehrsystem THAAD. Auch die US-Marine ist an der Abwehr der ballistischen Raketen beteiligt.
Zu Beginn der Operation soll der Iran über rund 2000 davon verfügt haben, wie ein israelischer Offizier, der nicht namentlich genannt werden will, sagt. Wie viele davon bereits zerstört werden konnten, sagt er nicht. Ein zentrales Ziel des israelischen Schlags im Iran ist es, neben dem Atomprogramm auch die Kapazitäten für Produktion und Abschusses der Raketen zu schwächen.
Falls es Hoffnungen gibt, dass die Militäroperation bald beendet werden könnte, zerstreut sie der Offizier: „Wir haben die Raketenlager und Abschussstätten zwar signifikant geschwächt“, sagt der Militärvertreter. „Aber unsere Arbeit ist noch nicht getan: Wir haben eine lange Liste an weiteren Zielen vor uns.“
Rubriklistenbild: © Leo Correa/dpa

