Israels Offensive in Gaza-Stadt: Die nächste Eskalation
VonMaria Sterkl
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Israels Armee startet die angekündigte Intervention mit Bodentruppen – ohne zu wissen, wie es danach weitergehen soll.
Auf einem Rollstuhl aufgeladen: das ganze Hab und Gut einer Familie. Decken, ein Zelt, ein wenig Kleidung, viel mehr hat nicht Platz. Zu Fuß machen sie sich auf den langen Marsch gen Süden.
Auf den Videobildern, die Dienstagfrüh aus Gaza-Stadt dringen, ist ein Massen-Exodus von Familien zu sehen. Die Gesichter der Menschen sind gezeichnet von der Angst vor dem, was kommt und von Schlafmangel. Die Angriffe der Armee in Gaza-Stadt waren in der Nacht auf Dienstag so intensiv, dass selbst im Großraum Tel Aviv Fenster zitterten. „Den Boden aufweichen“, heißt das im Militärsprech: Die Infrastruktur so weit platt zu machen, dass die Gefahr eines Hinterhalts für die eindringenden Bodentruppen minimiert wird. Es geht aber auch darum, einen Feuerring um die bewohnten Gebiete in Gaza-Stadt zu ziehen, damit sich noch mehr Menschen verängstigt genug fühlen, um ihre Sachen zu packen.
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Immer noch befinden sich laut Angaben der israelischen Armee mehr als 650 000 Menschen in Gaza-Stadt. In der Armeeführung ist man sich einig: So kann die Bodenoffensive nicht richtig starten. Als Israels Verteidigungsminister Israel Katz auf X verkündete, dass „Gaza in Flammen steht“, so tat er das also auch, um den verbleibenden Menschen dort ein Signal zu geben, sich schleunigst einen Weg aus dem Flächenbrand zu suchen.
Israels Offensive in Gaza – Nicht alle können fliehen
„Gaza-Stadt ist eine Gefahrenzone“, warnt Israels Armee in einem in arabischer Sprache verfassten Aufruf an die Zivilbevölkerung, der unter anderem auf X veröffentlicht wurde. „Schließen Sie sich jenen 40 Prozent der Stadtbevölkerung an, die bereits evakuiert sind, um ihre eigene Sicherheit und die ihrer Liebsten zu wahren“, erklärte Sprecher Avichai Adraee.
Doch nicht alle können fliehen. Wer krank, zu schwach oder gehbehindert ist, kann den rund dreißig Kilometer langen Fußmarsch in die humanitäre Zone Al-Mawasi nicht auf sich nehmen. Eine Fahrt in den Süden zu organisieren, beläuft sich laut mehreren Quellen auf 1500 Schekel (rund 400 Euro). Viele können das nicht aufbringen – und haben somit keine andere Wahl, als zurückzubleiben.
Ismail Z. hatte Glück, er konnte seine Habseligkeiten auf einem Traktoranhänger aufladen. Er hat bis vor kurzem in Gaza-Stadt ausgeharrt und ist gestern im Süden des Gazastreifens angekommen. Über die Ankündigung der israelischen Armee, dass man im Süden sicher vor Angriffen sei, kann er nur bitter lachen. „In Gaza ist niemand sicher“, schreibt er in einer Textnachricht.
Er bestätigt, was auch hohe israelische Militärkreise befürchten: Dass es unmöglich sei, knapp zwei Millionen Menschen im Süden des Gazastreifens zu versorgen. Hunger und Seuchen drohen – und in der Armee gibt es Stimmen, die davor warnen, dass sich die Wut der Massen in den Vertriebenenlagern gegen Israels Armee richten könnte.
Israels Regierung sagt, dass die Offensive dazu diene, die Hamas als politischen und militärischen Faktor zu entmachten. Doch die Armeeführung selbst bestreitet das. Ohne ein diplomatisches Abkommen und einen Plan für den Tag danach in Gaza werde man in diesem Krieg kein Ende finden, warnte sie wiederholt. Die Offensive in Gaza-Stadt bringe die Geiseln in Gefahr und Israels Soldaten und Soldatinnen in ein unabschätzbares Risiko. Ganz abgesehen von dem Schaden, den die Offensive für Israels ohnehin angeschlagenes Image in der Welt bringen wird.
In einer Sitzung des Kabinetts am Sonntag soll es deswegen zu Schreiduellen gekommen sein, berichtet der Nachrichtenkanal 13. „Nehmt doch diesen Deal!“, habe Generalstabschef Eyal Zamir den Vertretern der Regierung zugerufen. Woraufhin die Regierung den Armeechef daran erinnerte, dass er Beschlüsse auszuführen habe, ob sie ihm gefallen oder nicht.
Das Unbehagen des Generalstabschefs bei der Israel-Offensive in Gaza-Stadt
Am Freitag hatte Zamir im israelischen Parlament sein Unbehagen mit der Offensive präzisiert: Sie berge nicht nur hohe Kosten, sondern erfülle auch keinen klaren Zweck. „Der Ministerpräsident sagt uns nicht was als Nächstes kommt, wir haben keine Ahnung, worauf wir uns vorbereiten sollen“, klagte Zamir laut einem Ynet-Bericht vor den Mitgliedern des Geheimdienstausschusses. „Wenn sie eine Militärführung in Gaza wollen, dann sollen sie das sagen.“ In Armeekreisen rechnet man damit, dass die Offensive in Gaza-Stadt mindestens Monate dauern wird. Dass es danach von Regierungsseite den Befehl zum Rückzug geben wird, glauben wenige. Vielmehr könnte das nur der Auftakt zu einer weiteren Offensive sein – in Richtung Deir El-Balah weiter südlich im Gazastreifen.
In Israel befürwortet eine breite Mehrheit ein Einstellen der Kämpfe in Gaza im Rahmen eines Deals mit der Hamas. Diese hatte mehrfach angekündigt, sie werde Geiseln hinrichten, wenn israelische Truppen sich den Gebieten nähern, in denen sie festgehalten werden. Das geschah vor einem Jahr, als sich die israelischen Truppen in Rafah aufhielten und jenem Tunnel näherten, in dem die sechs Geiseln Hersh Goldberg-Polin, Eden Yerushalmi, Carmel Gat, Almog Sarusi, Alexander Lobanov und Ori Danino festgehalten wurden. Die Leichen der jungen Israelis wurden wenige Tage nach ihrer Hinrichtung gefunden. Eine Obduktion ergab, dass sie aus nächster Nähe erschossen worden waren.
Zudem war erst vor kurzem bekannt geworden, dass die Hamas einen Teil der Geiseln aus den Tunneln an die Oberfläche verlagert habe – mitten in Gaza-Stadt. Die Geiseln sollen als menschliche Schutzschilde verwendet werden. „Das ist eine riesige Herausforderung für unser Manöver“, sagt Militärexperte Israel Ziv.
Die Angehörigen der Geiseln sind empört über die Offensive. Sie gingen am Dienstag vor der Residenz von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Stellung und riefen die Öffentlichkeit auf, sich ihnen anzuschließen. „Genug ist genug“, rief Anat Angrest, die Mutter des in Gaza festgehaltenen Soldaten Matan Angrest. „Nach der Entscheidung des Ministerpräsidenten, Gaza zu erobern und unsere Liebsten dafür zu opfern, rufe ich euch auf, mit uns zu protestieren. Wir wollen den Kreislauf des Blutvergießens stoppen.“
Dass das Blutvergießen der Zivilbevölkerung in Gaza kein Kollateralschaden, sondern ein integraler Teil der israelischen Militäroperation im Gazastreifen ist, geht aus dem Bericht der Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats hervor. Vier der fünf in der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 erwähnten Tatbestände seien erfüllt.