„Den Boden aufweichen“

Israels Offensive in Gaza-Stadt: Die nächste Eskalation

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Israels Armee startet die angekündigte Intervention mit Bodentruppen – ohne zu wissen, wie es danach weitergehen soll.

Auf einem Rollstuhl aufgeladen: das ganze Hab und Gut einer Familie. Decken, ein Zelt, ein wenig Kleidung, viel mehr hat nicht Platz. Zu Fuß machen sie sich auf den langen Marsch gen Süden.

Auf den Videobildern, die Dienstagfrüh aus Gaza-Stadt dringen, ist ein Massen-Exodus von Familien zu sehen. Die Gesichter der Menschen sind gezeichnet von der Angst vor dem, was kommt und von Schlafmangel. Die Angriffe der Armee in Gaza-Stadt waren in der Nacht auf Dienstag so intensiv, dass selbst im Großraum Tel Aviv Fenster zitterten. „Den Boden aufweichen“, heißt das im Militärsprech: Die Infrastruktur so weit platt zu machen, dass die Gefahr eines Hinterhalts für die eindringenden Bodentruppen minimiert wird. Es geht aber auch darum, einen Feuerring um die bewohnten Gebiete in Gaza-Stadt zu ziehen, damit sich noch mehr Menschen verängstigt genug fühlen, um ihre Sachen zu packen.

Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern 

Vor 60. Gründungstag von Israel
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen entschied 1947 über die Teilung Palästinas in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen. Im Teilungsplan wurde auch festgelegt, dass die Briten ihr Mandat für Palästina bis August 1948 niederlegen. Großbritannien hatte nach dem Ersten Weltkrieg das Gebiet besetzt und war 1922 offiziell mit dem Mandat über Palästina beauftragt worden. Am 14. Mai 1948 wurde auf Grundlage des UN-Beschlusses der jüdische Staat gegründet. © dpa
Proklamation des Staates Israel
Nach der Unterzeichnung der Proklamationsurkunde am 14. Mai 1948 im Stadtmuseum von Tel Aviv hält eine nicht identifizierte Person das Schriftstück mit den Unterschriften in die Höhe. Links ist David Ben Gurion zu sehen, der erste Ministerpräsident Israels. © dpa
Israelischer Unabhängigkeitskrieg
Ein historisches Datum für den Staat Israel. Doch die arabischen Staaten Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten und Irak erkannten die Gründung nicht an und überschritten nur einen Tag später mit ihren Armeen die Grenzen. So begann der Palästina-Krieg, der im Januar 1949 mit dem Sieg Israels endete. Das Foto zeigt israelische Mitglieder der paramilitärischen Organisation Haganah im August 1948.  © AFP
Operation Yoav
Die israelische Armee konnte während des Krieges 40 Prozent des Gebiets erobern, das eigentlich laut dem ursprünglichen UN-Plan zur Teilung für die arabische Bevölkerung vorgesehen war. So wurde auch der westliche Teil von Jerusalem von Israel besetzt.  © Imago
Waffenstillstand Israel Palästina 1949
Die Vereinten Nationen vermittelten zwischen Israel und Ägypten, und so kam es zwischen den beiden Ländern am 24. Februar 1949 zu einem Waffenstillstandsvertrag. Andere arabische Kriegsgegner folgten mit Waffenstillständen bis Juli 1949. Laut Schätzungen starben bei dem Krieg, den die arabischen Länder gestartet hatten, mehr als 6000 Israelis und 6000 Araber.  © ACME Newspictures/afp
Arafat. Geschichte des Krieges in Israel
Jassir Arafat gründete 1959 die Fatah, eine Partei in den palästinensischen Autonomiegebieten. Laut ihrer Verfassung war ihr Ziel, auch mit terroristischen Mitteln die Israelis aus Palästina zu vertreiben und Jerusalem als Hauptstadt zu installieren. Ebenfalls als Ziel rief die Fatah die „Ausrottung der ökonomischen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz des Zionismus“ aus.  © PPO/afp
Arafat
1993 erkannte die Fatah mit ihrem Vorsitzenden Jassir Arafat das Existenzrecht Israels im Osloer-Friedensprozess an, und wollte den Terror als Waffe nicht mehr nutzen. Allerdings gab es immer wieder Bombenattentate in Israel. 2011 suchte Arafat den Schulterschluss mit der Hamas. Gemeinsam planten sie, eine Übergangsregierung zu bilden, was bis heute nicht umgesetzt wurde. Innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ist die Fatah die stärkste Fraktion. © Aleksander Nordahl/Imago
1974 Arafat vor UN
Im Oktober 1974 erkannte die Vollversammlung der Vereinten Nationen die PLO als Befreiungsbewegung an. Daraufhin wurde Arafat als Vertreter eingeladen. Am 13. November 1974 eröffnete Arafat die Debatte in der Vollversammlung. Er beendete die Rede mit dem Satz: „Ich bin mit einem Olivenzweig in der einen und dem Gewehr des Revolutionärs in der anderen Hand hierhergekommen. Lasst nicht zu, dass der grüne Zweig aus meiner Hand fällt!“ © dpa
Kampfflugzeug im Sechs-Tage Krieg
Vom 5. Juni bis 10. Juni 1967 fand der Sechstagekrieg zwischen Israel auf der einen und Ägypten, Jordanien und Syrien auf der anderen Seite statt. Auslöser war die ägyptische Blockade der Seestraße von Tiran für die Israelis, die so abgeschnitten waren. Außerdem hatte der ägyptische Präsident den Abzug der Blauhelme erzwungen, die die nördliche Grenze Israels sicherten. Als Drohung schickte Ägypten dann 1000 Panzer und 100.000 Soldaten an die Grenzen zu Israel. Als Reaktion auf die Bedrohung flogen die Israelis einen Präventiv-Schlag. Auf dem Foto sieht man ein ägyptisches Kampfflugzeug. Während des Krieges konnte Israel die Kontrolle über den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem erlangen. Weil Israel seine Angreifer besiegen konnte, machte der Staat am 19. Juni 1967, neun Tage nach seinem Sieg, Ägypten und Syrien ein Friedensangebot. Darin enthalten die Aufforderung, Israel als Staat anzuerkennen. © AP/dpa
Arabisch-israelischer Krieg
Am 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, startete eine arabische Militärkoalition unter Führung Ägyptens und Syriens einen Überraschungsangriff, gleichzeitig auf die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen. Nach anfänglichem Erfolg der arabischen Kriegsparteien gelang es Israel, sich zu behaupten. Erst mit dem Friedensvertrag sechs Jahre später am 26. März 1979, normalisierten sich die Beziehungen zwischen Ägypten und Israel. Ägypten war der erste arabische Staat, der das Existenzrecht Israels anerkannte. © afp
Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten, Jimmy Carter schüttelt dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat die Hand.
Das Friedensabkommen vom 26. März. 1979 war ein wichtiger Meilenstein. US-Präsident Jimmy Carter gratulierte damals dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat und dem israelischen Premierminister Menachem Begin vor dem Weißen Haus. Nach den Camp-David-Verhandlungen unterzeichneten sie den Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern dort. © Consolidated News Pictures/afp
Beschuss im Libanonkrieg
1982 begann mit dem Libanonkrieg der erste große israelisch-arabische Konflikt, der von Israel gestartet wurde. Die Kriegsparteien waren die israelische Armee und verbündete Milizen auf der einen, die PLO und Syrien auf der anderen Seite. Israel besetzte im Rahmen des Krieges zwischen 1982 und 1985 den Süden Libanons. Später richtete Israel daraufhin dort eine „Sicherheitszone“ ein, die aber Angriffe der Hisbollah aus dem Libanon auf nordisraelische Städte nicht verhindern konnte. Am 25. Mai 2000 zog die israelische Armee aus dem Südlibanon ab.  © Dominique Faget/afp
Soldaten und Kinder bei der Intifada 1987
Am 8. Dezember 1987 brach im Westjordanland und im Gazastreifen ein gewaltsamer Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung aus. Diesen Aufstand nennt man Intifada. Auf dem Foto ist zu sehen, wie israelische Soldaten Kinder anweisen, das Gebiet zu verlassen, als Hunderte von Demonstranten Steine und Flaschen schleudern.  © Esaias Baitel/afp
Hamas-Kundgebung im Gaza-Streifen
Die PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation), die ihre Zentrale in Tunis hatte, wollte einen eigenen palästinensischen Staat ausrufen, hatte aber keine Kontrolle über die entsprechenden Gebiete. Im Zuge dessen kam es zu einem Gewaltausbruch, der erst 1991 abnahm. 1993 wurde schließlich mit dem Osloer Abkommen die erste Intifada beendet. © Ali Ali/dpa
Der PLO-Führer Yasser Arafat und der israelischen Premierminister Yitzahk Rabin schütteln sich 1993 die Hände.
Nach Jahrzehnten von Gewalt und Konflikten unterschrieben am 13. September 1993 Israels Außenminister Shimon Peres und Mahmoud Abbas, Verhandlungsführer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), unter Aufsicht der russischen und amerikanischen Außenminister die „Osloer Verträge“. Das Foto des Händedrucks zwischen Palästinenservertreter Jassir Arafat und dem israelischen Ministerpräsident Yitzhak Rabin und US-Präsident Bill Clinton wurde weltberühmt. © J. David Ake/afp
Yasir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin erhalten den Friedensnobelpreis
Nach der Unterzeichnung der Osloer Verträge bekamen Jassir Arafat, Schimon Peres und Yitzhak Rabin den Friedensnobelpreis für 1994. Hier die Preisträger zusammen mit ihrer Medaille und ihrem Diplom im Osloer Rathaus. Die Friedensverträge wurden damals als wichtiger Startpunkt für Frieden in der Region gesehen. © Aleksander Nordahl/Imago
Bill Clinton, König Hussein und Rabin bei der Friedenssitzung
1994 folgten Friedensverhandlungen zwischen Jordanien und Israel 1994 im Weißen Haus. Auf dem Foto ist zu sehen, wie der jordanische König Hussein und der israelische Premierminister Yitzahk Rabin bei der Friedenssitzung sich die Hände schütteln. © Imago/ ZUMA Press
Sarg von Yitzhak Rabin, Geschichte des Kriegs in Israel
Mit der Hoffnung auf Frieden in der Region wurde der Hass von israelischen Extremisten größer. Diese wollten Abkommen mit den arabischen Staaten und der PLO nicht akzeptieren. So wurde Yitzhak Rabin zur Zielscheibe und wurde 1995 im Anschluss an eine große Friedenskundgebung in Tel Aviv von einem rechtsextremen Juden ermordet. Das Foto zeigt den Sarg des Premierministers in Jerusalem bei seiner Beerdigung.  © Jim Hollander/dpa
Junge schießt mit Katapult bei der zweiten Intifada, Geschichte des Krieges in Israel
Obwohl es in den 1990er Jahren mit den Osloer Verträgen große Hoffnung auf Frieden gab, hatte sich die Situation nach der Ermordung von Yitzhak Rabin massiv aufgeheizt. 2000 kam es zur zweiten Intifada, dem gewaltvollen Aufstand der Palästinenser mit Straßenschlachten. Die zweite Intifada dauerte bis 2005. © Imago/UPI Photo
Israelische Soldaten 2006, Geschichte des Krieges in Israel
2006 kam es wieder zwischen Israel und dem Libanon zum Krieg. Die Auseinandersetzung wird auch 33-Tage-Krieg oder zweiter Libanon-Krieg genannt, weil sie nach gut einem Monat am 14. August 2006 mit einem Waffenstillstand endete. Das Foto zeigt einen israelischen Soldaten im Libanon-Krieg im Jahr 2006. Eine israelische Artillerieeinheit hatte soeben an der libanesisch-israelischen Grenze in den Libanon gefeuert. Fast 10.000 israelische Soldaten kämpften in der Nähe von etwa einem Dutzend Dörfern im Südlibanon gegen Hisbollah-Kämpfer.  © Menahem Kahana/afp
Israelisches Militär feuert auf Ziele im Libanon
Auslöser des Libanon-Kriegs waren anhaltende Konflikte zwischen der Terrororganisation Hisbollah und der israelischen Armee. Um die Angriffe zu stoppen, bombardierte die israelische Luftwaffe die Miliz aus der Luft und verhängte eine Seeblockade. Die Hisbollah antwortete mit Raketenbeschuss auf den Norden Israels. Später schickte Israel auch Bodentruppen in den Süden von Libanon.  © Atef Safadi/dpa
Angriff im Süden von Beirut
Die libanesische Regierung verurteilte die Angriffe der Hisbollah und forderte internationale Friedenstruppen, um den Konflikt zu beenden. Am 14. August 2006 stimmten schließlich nach einer UN-Resolution die Konfliktparteien einem Waffenstillstand zu. Sowohl die Hisbollah als auch Israel sahen sich als Sieger.  © Wael Hamzeh/dpa
Krieg in Israel
2014 startete die israelische Armee (IDF) mit der Operation Protective Edge am 8. Juli eine Militäroperation, weil die Hamas aus dem Gazastreifen immer wieder Israel beschoss. Ab dem 26. Juli 2014 folgte eine unbefristete Waffenruhe, die kanpp neun jahre währte.  © Abir Sultan/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Am 7. Oktober 2023 startete die Hamas einen Überraschungsangriff auf Israel mit Raketenbeschuss und Bodeninfiltrationen aus dem Gazastreifen, was zu schweren Verlusten und der Entführung zahlreicher Geiseln führte. Hier ist eine Gesamtansicht der zerstörten Polizeistation in Sderot nach den Angriffen der Hamas-Terroristen zu sehen.  © Ilia Yefimovich/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Bei dem Überfall der Hamas und anderer extremistischer Gruppierungen auf Israel wurden rund 1200 Menschen getötet und mehr als 250 Israelis als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Seitdem wurden laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen Zehntausende Menschen getötet, darunter auch viele Frauen und Minderjährige. © Ilia Yefimovich/dpa

Immer noch befinden sich laut Angaben der israelischen Armee mehr als 650 000 Menschen in Gaza-Stadt. In der Armeeführung ist man sich einig: So kann die Bodenoffensive nicht richtig starten. Als Israels Verteidigungsminister Israel Katz auf X verkündete, dass „Gaza in Flammen steht“, so tat er das also auch, um den verbleibenden Menschen dort ein Signal zu geben, sich schleunigst einen Weg aus dem Flächenbrand zu suchen.

Israels Offensive in Gaza – Nicht alle können fliehen

„Gaza-Stadt ist eine Gefahrenzone“, warnt Israels Armee in einem in arabischer Sprache verfassten Aufruf an die Zivilbevölkerung, der unter anderem auf X veröffentlicht wurde. „Schließen Sie sich jenen 40 Prozent der Stadtbevölkerung an, die bereits evakuiert sind, um ihre eigene Sicherheit und die ihrer Liebsten zu wahren“, erklärte Sprecher Avichai Adraee.

Doch nicht alle können fliehen. Wer krank, zu schwach oder gehbehindert ist, kann den rund dreißig Kilometer langen Fußmarsch in die humanitäre Zone Al-Mawasi nicht auf sich nehmen. Eine Fahrt in den Süden zu organisieren, beläuft sich laut mehreren Quellen auf 1500 Schekel (rund 400 Euro). Viele können das nicht aufbringen – und haben somit keine andere Wahl, als zurückzubleiben.

Ismail Z. hatte Glück, er konnte seine Habseligkeiten auf einem Traktoranhänger aufladen. Er hat bis vor kurzem in Gaza-Stadt ausgeharrt und ist gestern im Süden des Gazastreifens angekommen. Über die Ankündigung der israelischen Armee, dass man im Süden sicher vor Angriffen sei, kann er nur bitter lachen. „In Gaza ist niemand sicher“, schreibt er in einer Textnachricht.

Viele Menschen, die können, verlassen Gaza-Stadt in Richtung Süden – hier ein Flüchtlingstreck am Sonntag.

Er bestätigt, was auch hohe israelische Militärkreise befürchten: Dass es unmöglich sei, knapp zwei Millionen Menschen im Süden des Gazastreifens zu versorgen. Hunger und Seuchen drohen – und in der Armee gibt es Stimmen, die davor warnen, dass sich die Wut der Massen in den Vertriebenenlagern gegen Israels Armee richten könnte.

Israels Regierung sagt, dass die Offensive dazu diene, die Hamas als politischen und militärischen Faktor zu entmachten. Doch die Armeeführung selbst bestreitet das. Ohne ein diplomatisches Abkommen und einen Plan für den Tag danach in Gaza werde man in diesem Krieg kein Ende finden, warnte sie wiederholt. Die Offensive in Gaza-Stadt bringe die Geiseln in Gefahr und Israels Soldaten und Soldatinnen in ein unabschätzbares Risiko. Ganz abgesehen von dem Schaden, den die Offensive für Israels ohnehin angeschlagenes Image in der Welt bringen wird.

In einer Sitzung des Kabinetts am Sonntag soll es deswegen zu Schreiduellen gekommen sein, berichtet der Nachrichtenkanal 13. „Nehmt doch diesen Deal!“, habe Generalstabschef Eyal Zamir den Vertretern der Regierung zugerufen. Woraufhin die Regierung den Armeechef daran erinnerte, dass er Beschlüsse auszuführen habe, ob sie ihm gefallen oder nicht.

Das Unbehagen des Generalstabschefs bei der Israel-Offensive in Gaza-Stadt

Am Freitag hatte Zamir im israelischen Parlament sein Unbehagen mit der Offensive präzisiert: Sie berge nicht nur hohe Kosten, sondern erfülle auch keinen klaren Zweck. „Der Ministerpräsident sagt uns nicht was als Nächstes kommt, wir haben keine Ahnung, worauf wir uns vorbereiten sollen“, klagte Zamir laut einem Ynet-Bericht vor den Mitgliedern des Geheimdienstausschusses. „Wenn sie eine Militärführung in Gaza wollen, dann sollen sie das sagen.“ In Armeekreisen rechnet man damit, dass die Offensive in Gaza-Stadt mindestens Monate dauern wird. Dass es danach von Regierungsseite den Befehl zum Rückzug geben wird, glauben wenige. Vielmehr könnte das nur der Auftakt zu einer weiteren Offensive sein – in Richtung Deir El-Balah weiter südlich im Gazastreifen.

In Israel befürwortet eine breite Mehrheit ein Einstellen der Kämpfe in Gaza im Rahmen eines Deals mit der Hamas. Diese hatte mehrfach angekündigt, sie werde Geiseln hinrichten, wenn israelische Truppen sich den Gebieten nähern, in denen sie festgehalten werden. Das geschah vor einem Jahr, als sich die israelischen Truppen in Rafah aufhielten und jenem Tunnel näherten, in dem die sechs Geiseln Hersh Goldberg-Polin, Eden Yerushalmi, Carmel Gat, Almog Sarusi, Alexander Lobanov und Ori Danino festgehalten wurden. Die Leichen der jungen Israelis wurden wenige Tage nach ihrer Hinrichtung gefunden. Eine Obduktion ergab, dass sie aus nächster Nähe erschossen worden waren.

Zudem war erst vor kurzem bekannt geworden, dass die Hamas einen Teil der Geiseln aus den Tunneln an die Oberfläche verlagert habe – mitten in Gaza-Stadt. Die Geiseln sollen als menschliche Schutzschilde verwendet werden. „Das ist eine riesige Herausforderung für unser Manöver“, sagt Militärexperte Israel Ziv.

Die Angehörigen der Geiseln sind empört über die Offensive. Sie gingen am Dienstag vor der Residenz von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Stellung und riefen die Öffentlichkeit auf, sich ihnen anzuschließen. „Genug ist genug“, rief Anat Angrest, die Mutter des in Gaza festgehaltenen Soldaten Matan Angrest. „Nach der Entscheidung des Ministerpräsidenten, Gaza zu erobern und unsere Liebsten dafür zu opfern, rufe ich euch auf, mit uns zu protestieren. Wir wollen den Kreislauf des Blutvergießens stoppen.“

Dass das Blutvergießen der Zivilbevölkerung in Gaza kein Kollateralschaden, sondern ein integraler Teil der israelischen Militäroperation im Gazastreifen ist, geht aus dem Bericht der Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats hervor. Vier der fünf in der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 erwähnten Tatbestände seien erfüllt.

Rubriklistenbild: © Abdel Kareem Hana/dpa

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