VonKarsten-Dirk Hinzmannschließen
Nach einer Phase der Stille brüstet sich Wladimir Putin erneut mit seiner Oreschnik-Rakete. Sie soll jede Konkurrenz übertrumpfen. Die Nato ist alarmiert.
Moskau – „Putin versteht nichts von militärischen Dingen. Er ist ein Typ, zu dem die Leute kommen und ihm einen Cartoon zeigen, in dem erklärt wird, wie die Rakete fliegen wird und dass niemand sie abschießen kann“, sagt Mychajlo Podoljak. Gegenüber dem britischen Guardian hat der Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky geäußert, dass sich Wladimir Putin schon dazu verstiegen hatte, seine Kinschal-Raketen in den Himmel zu loben, bevor sie von der Patriot-Luftabwehr heruntergepflückt wurden. Jetzt verliert sich Russlands Potentat offenbar wieder in Allmachts-Phantasien.
Auf dem Future Technologies Forum in Moskau betonte der russische Präsident nochmals die Überlegenheit der „neuen“ Oreschnik-Rakete und legte dem Westen damit nahe, dass der praktisch keine Abwehrmöglichkeit dagegen habe, weil sie in der Raketentechnologie einen Meilenstein setze. Wie die Kiew Post jetzt meldet, habe Putin behauptet, „dass die Verwendung neuer Materialien, die von Rosatom, dem russischen Atomenergiekonzern, entwickelt wurden, es den Sprengköpfen ermöglichte, Temperaturen zu widerstehen, die denen auf der Sonnenoberfläche entsprechen“. Im Vergleich zum Kern sollen auf der Oberfläche der Sonne relativ frische Temperaturen herrschen von ungefähr 6.000 Grad Celsius. Das Innere der Sonne wird auf eine Temperatur von 15 Millionen Grad Celsius geschätzt.
Putins Trumpf: Die Bedrohung durch Mittelstreckenraketen kehrt nach Europa zurück
Die Rakete ist mit einem grundlegend neuen Kontroll- und Leitsystem ausgestattet, das auf einem einzigartigen Algorithmus basiert, der es ihr ermöglicht, gefährlichen Objekten (Antiraketen) auszuweichen und einen Kampfkurs mit hoher Trefferwahrscheinlichkeit einzuschlagen“, schreibt Andrei Charuk im ukrainischen Magazin Militarnyi zu Angaben Russlands über die RS-26 „Rubesch“ – eine Modifikation dieser ballistischen Rakete hatte Wladimir Putin im November auf die Ukraine abgefeuert – die Welt rätselt; einerseits über die Rakete an sich, die jetzt als „Oreschnik“ (Haselnuss) bezeichnet wird; andererseits darüber, inwieweit der Diktator mit dem Abschuss einen Atomschlag vorbereitet.
„Eine zentrale Herausforderung für die Nato wird es sein, zu zeigen, dass Russlands Drohungen mit Atomschlägen kontraproduktiv sind und dass sich die Allianz nicht durch nuklearen Zwang abschrecken lässt.“
Dass die Bedrohung durch Mittelstreckenraketen nach Europa zurückkehre, ist die einhellige Meinung von Medien und Analysten. Allerdings will Putin offenbar einen größeren Schrecken verbreiten, als er dazu technisch in der Lage ist. Die Ankündigung der scheinbaren Widerstandsfähigkeit der Oreschnik-Hülle gegenüber hohen Temperaturen löste jedenfalls unterschiedliche Befürchtungen aus.
Die Raketen-Offensive auf die ukrainische Stadt Dnipro Ende November vergangenen Jahres hatte die bisherige Leichtigkeit der westlichen Länder auf einen Streich weggewischt. Putin hatte mit einer Mittelstreckenrakete angegriffen. Die Ukrainska Prawda mutmaßte, die Rakete sei abgefeuert worden vom Testgelände Kapustin Jar im russischen Bezirk Astrachan. Bis zum Ziel Dnipro hat die Rakete also 1.000 Kilometer zurückgelegt. Sie könnte vom dortigen Standort aus mindestens das rund 3.800 Kilometer entfernte Paris erreichen oder fast sogar das rund 5.500 Kilometer entfernte Lissabon.
Putins Bühne in Moskau: Russland sei jetzt einen Quantensprung in Oberflächentechnologie gelungen
Diese IRBM-Rakete (Intermediate Range Ballistic Missile Mittelstreckenrakete) habe den Westen überrascht, „da diese Waffe offiziell nicht zum Arsenal Moskaus gehörte“, wie die französische Tageszeitung Le Monde geschrieben hat. Darüberhinaus sei die Entwicklung von IRBM verboten gewesen bis 2019, als Moskau und Washington aus dem Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme (INF, Intermediate Range Nuclear Forces Treaty) ausstiegen und damit das seit Ende des Kalten Krieges bestehende gemeinsame Ziel des Verzichts auf ein Wettrüsten zu beenden.
Wie die Kiew Post aktuell berichtet, habe Putin das Technologie-Forum in Moskau dazu genutzt, der Welt zu verkünden, dass Russland jetzt einen Quantensprung in Oberflächentechnologie gelungen sei. In seiner Rede habe Putin verkündet, erst vor kurzem hätten russische Wissenschaftler Materialien entwickelt, mit denen sich das Konzept der Oreschnik vollends realisieren ließe, wie die Post nahelegt. Putin habe darin ein weiteres Beispiel dafür erkennen wollen, „wie russische Innovationen dem Land einen technologischen Vorsprung gegenüber seinen Feinden verschaffen“, so die Post.
Russland verfüge ohnehin über das weltweit größte Arsenal an stationierten sowie nicht stationierten Atomwaffen und entwickle weiterhin neue Modelle von Interkontinentalraketen (ICBM) und Mittelstreckenraketen (IRBM), Hyperschall-Gleitflugkörpern, nuklearbetriebenen Marschflugkörpern, nuklearbetriebenen Unterwasserdrohnen, Antisatellitenwaffen und Weltraumwaffen, schreiben aktuell Ian Brzezinski und Ryan Arick. Laut den beiden Analysten des Thinktanks Atlantic Council lasse Putin etwa sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Russlands in das Militär fließen, was die Potenzierung von dessen Verteidigungsindustrie sowie dessen Forschungs- und Entwicklungskapazitäten bedeutet.
Nato-Schreck: Moskaus nuklearer Druck weiterhin ein Schlüsselelement der russischen Strategie
Moskaus nuklearer Druck werde weiterhin ein Schlüsselelement der russischen Strategie sein und sich voraussichtlich noch verstärken, behaupten Brzezinski und Arick: „Drohungen mit einem Atomkrieg sind ein Schlüsselelement von Putins Strategie, die Nato und ihre Mitglieder davon abzuhalten, der Ukraine Unterstützung zu gewähren, die es ihr ermöglichen würde, die russische Invasion entscheidend zu besiegen“, so das Zwischenfazit der Analysten. Letztendlich ist auch die Ankündigung Putins auf dem Wissenschaftsforum unter rhetorisches Säbelrasseln einzuordnen. Eine weitere Drohung – wie so viele vorher. Wie so viele, die ohne Konsequenz geblieben sind.
Dennoch habe der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die russische Oreschnik-Rakete als ernsthafte Bedrohung eingestuft, wie er auf seinem X-Kanal (vormals Twitter) verkündet hatte, nachdem die Waffe eingeschlagen war: Selenskyj sieht darin „eine weitere Eskalation und einen zynischen Verstoß gegen die UN-Charta durch Russland, das internationale Appelle, eine weitere Ausweitung des Krieges zu vermeiden, ignoriere“, wie er geschrieben hat. „Russland normalisiert einen gefährlichen Atomdiskurs“, schreibt Heather Williams. Die Analystin verweist auf eine Studie des Thinktanks Center for Strategic and International Studies (CSIS) von Anfang 2024, nach der russische Politiker in mehr als 200 Fällen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine auf den Einsatz von Atomwaffen verwiesen hätten.
Mit der Eskalation des Konflikts in der Ukraine hätten die Drohungen an Schärfe gewonnen, schreiben Ian Brzezinski und Ryan Arick. Zuletzt hatte Wladimir Putin auch noch seine Atomdoktrin überarbeitet – bereits die Partnerschaft eines russischen Gegners mit einer nuklearen Macht reiche Russland jetzt, um den atomaren Erstschlag zu rechtfertigen. „Nato-Verbündete hätten diesen Druck wiederholt belohnt, indem sie ihre Angst vor einem Atomkrieg zum Ausdruck brachten, erklärten, dass Nato-Streitkräfte nicht in die Ukraine einmarschieren würden, die Rolle der Nato bei der Unterstützung der Ukraine einschränkten, den Waffenfluss in die Ukraine begrenzten und ihren Einsatz gegen legitime militärische Ziele in Russland einschränkten“, urteilen die Atlantic Council-Analysten.
Schwäche der Nato: Russland kommt zu dem Schluss, die „Eskalationsdominanz“ erreicht zu haben
Was wiederum Wladimir Putin die Grundlage dafür bietet, immer weiter zu eskalieren und das Bedrohungsszenario weiter auszuschmücken: wie jetzt mit der öffentlichen Lobhudelei seiner Oreschnik-Rakete – Brzezinski und Arick sehen darin die Gefahr, Russland komme zu dem Schluss, die „Eskalationsdominanz“ errungen zu haben. „Eine zentrale Herausforderung für die Nato wird es sein, zu zeigen, dass Russlands Drohungen mit Atomschlägen kontraproduktiv sind und dass sich die Allianz nicht durch nuklearen Zwang abschrecken lässt.“
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Laut Experten sei die hitzebeständige Oberfläche der „neuen“ Mittelstrecken-Rakete jedenfalls kein Schrecken für die westliche Allianz, wie die Kiew Post Jeffrey Lewis aus seinem Podcast „Arms Control Wonk“ zitiert. Laut dem Analysten des Thinktanks Middlebury Institute sei das „eine neue Fähigkeit, aber kein dramatischer Wandel in der Entwicklung konventioneller Waffen. Es handelt sich um eine Reihe alter Technologien, die auf neue Weise zusammengefügt wurden. Die enorme Geschwindigkeit des Wiedereintritts verursacht Schäden, selbst wenn der Sprengkopf nicht explosiv ist“.
