FAZ-Atrium

Debatte um Kämpfe im Sudan: „Es ist ein ignorierter Krieg“

  • schließen

Der Kampf im Sudan und die Folgen für die Zivilbevölkerung geraten in Vergessenheit. Eine Gesprächsrunde in Berlin zeigt, wie Hilfe möglich ist.

Berlin – Das FAZ-Atrium in Berlin-Mitte ist an diesem Mittwochabend bis auf den letzten Platz gefüllt. Etwa 200 Menschen sind gekommen, um über den Krieg im Sudan zu sprechen – viel zu wenige angesichts des Chaos, das sich in dem Land abspielt. Jahrzehntelang schon plagen Kriege und Krisen die Menschen im Land. Seit April 2023 aber eskalieren die Kämpfe zwischen den rivalisierende Gruppen der im Land herrschenden Militärs.

Das hat zur größten humanitären Katstrophe geführt, welche die Vereinten Nationen nach eigenen Angaben je dokumentiert hat. Es gibt Kriegsverbrechen auf beiden Seiten, Vergewaltigungen, Plünderungen und Entführungen. Zuverlässige Zahlen gibt es nicht, aber Schätzungen: Mehr als 12,7 Millionen Menschen könnten laut UN innerhalb und außerhalb des Landes auf der Flucht sein.

Drohnenangriff, Anfang Mai in Port Sudan.

Sudan-Krieg wird vergessen – auch bei Gesprächsrunde kaum komplett Außenstehende

Fast 25 Millionen Menschen hungern, die Hälfte der Bevölkerung. 150 000 Tote soll der Krieg alleine in den letzten beiden Jahren gefordert haben. Dennoch wird das Leid hierzulande oft nur am Rand thematisiert. „Die Lage im Sudan ist kein vergessener Krieg, es ist ein ignorierter Krieg“, sagt Niddal Salah-Eldin bei der Begrüßung der Gäste, deren Zusammensetzung wie eine Bestätigung dieser These wirkt.

Die meisten Anwesenden scheinen private oder berufliche Verbindungen zum Sudan zu haben, das wird später in der kurzen Diskussion deutlich. Die Veranstaltung hätte mehr Aufmerksamkeit verdient; was die Teilnehmer:innen aus dem Sudan berichten, ist zum Teil atemberaubend. Resilienz scheint eine der Haupttugenden der sudanesischen Zivilbevölkerung zu sein.

Das bestätigt auch Niddal Sahal-Eldin. Sie wurde in der sudanesischen Hauptstadt Karthum geboren und kam mit vier Jahren nach Deutschland. Bis 2024 war sie Vorstandsmitglied beim Axel Springer-Konzern. Dann trat sie zurück, um sich um die humanitäre Lage in ihrem Herkunftsland zu kümmern – und um mehr Aufmerksamkeit. „Es braucht die internationale Gemeinschaft, um dem Land zu helfen“, sagt sie.

„Schockverliebt“ in den Sudan: SPD-Abgeordnete und Aktivisten stehen für das Land ein

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Dery Türk-Nachbaur sagt, sie habe sich bei ihrer ersten Reise 2019 in das Land und seine Bevölkerung „schockverliebt“. Nun versucht sie, der Krise im Sudan „ein Gesicht zu geben“. Doch es sei angesichts der vielen Krisen in der Welt schwer durchzudringen. Fatima Ahmed und Hajooj Kuka helfen direkt vor Ort.

Ahmed ist die Tochter von Zenab Mohamad Nour, einer sudanesischen Pädagogin und Frauenrechtlerin, die sich für das Recht der Mädchen auf Bildung in dem Land einsetzte, wo deren Zukunft oft nur in der Ehe und im Kinderkriegen lag. Im Jahr 2000 gründete sie die nach ihrer Mutter benannte Organisation „Zenab for Women in Development“.

So viel wie möglich erreichen mit wenig Geld: Hilfsmittel im Sudan können besonders Frauen retten

Derzeit geht es in ihrer Arbeit vor allem um Basisbedürfnisse. Die Organisation habe wenig Geld, dafür, aber den direkten Zugang zu dem, was die Frauen vor Ort benötigten: Gesundheitsversorgung etwa und die Betreuung von Schwangeren. Der Krieg im Sudan ist ein Krieg gegen die Frauen. Viele werden vergewaltigt und versklavt oder bekommen ungewollt Kinder. Ihre Organisation berät Schwangere, richtet Geburtsstationen ein und versucht, bei der Traumabewältigung zu helfen.

Wie sich Graswurzelbewegungen im 21. Jahrhundert organisieren, erzählt Hajooj Kuka. Als Hilfsmittel für seine Arbeit benennt er zwei Begriffe: Starlink und Online-Banking. Kuka, der eigentlich Filmregisseur ist, hat die Emergency Response Rooms (ERR) Khartoum mitgegründet, eine Gruppe, die Nahrungsmittel, medizinische Versorgung und andere wichtige Dienste bereitstellt. Außerdem sorgen die ERR für Vernetzung, bauen Partnerschaften vor Ort auf und besorgen Finanzmittel.

Angriff auf NGOs

Zur Einhaltung des Völkerrechts haben die USA und andere wichtige Akteure am Mittwoch die Konfliktparteien im Sudan in einer gemeinsamen Erklärung aufgefordert.

Fünf Mitarbeitende von Hilfsorganisationen waren zuvor bei einem Angriff im belagerten El-Fasher getötet worden.

UN-Generalsekretär António Guterres forderte eine Untersuchung des Angriffs auf den vom Welternährungsprogramm und UNICEF organisierten Konvoi. Das Gebiet wird von den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) kontrolliert, die gegen die Armee kämpfen. afp

Mit Kritik an der internationalen Hilfe spart er nicht. Diese müsse schneller und vor allem unbürokratischer werden. Gleichzeitig gibt er einen optimistischen Ausblick in die Zukunft. Es habe im Sudan schon immer Diktaturen gegeben, doch nun formierten sich vor Ort Bewegungen, die sich gegenseitig hälfen und unterstützten. „Das ist ein Akt der Demokratie in diesem verrückten Krieg.“

Rubriklistenbild: © IMAGO/Sudanese Ministry of Energy and Petroleum

Kommentare