Ukraine-Krieg

Blutiger Stellungskrieg statt Durchbruch: Die Schlüssel-Momente des Ukraine-Kriegs 2023

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Statt einer erhofften Befreiung der besetzten Gebiete haben sich die Kämpfe im Osten der Ukraine 2023 größtenteils zum Stellungskrieg entwickelt. Ein Rückblick.

Kiew – Im Februar 2024 jährt sich Russlands Überfall auf die Ukraine zum zweiten Mal. Seitdem haben Putins Truppen im Ukraine-Krieg ein gutes Fünftel des ukrainischen Staatsgebiets unter ihre Kontrolle gebracht. Doch die zahlenmäßig deutlich unterlegenen ukrainischen Streitkräfte setzen sich dem vermeintlich übermächtigen Gegner auch mithilfe von Rüstungslieferungen aus dem Westen zur Wehr und haben auch im Verlauf dieses Jahres nicht selten dafür gesorgt, das Vorrücken Russlands zu verhindern oder zu verlangsamen. Ein Rückblick auf den Kriegsverlauf im Jahr 2023.

Januar: In der Ostukraine tobt bereits seit August 2022 ein heftiger Kampf um die Stadt Bachmut, von der Fachleute immer wieder betonen, dass sie kaum strategische Bedeutung habe. Dennoch gilt die ehemals 75.000 Einwohner zählende Stadt, die von den Kämpfen bereits schwer zerstört ist, als entscheidendes Kriegsziel für beide Seiten. Um sie zu besetzen, setzt Wladimir Putins Militärführung zunehmend auf Truppen aus den Reihen der Wagner-Gruppe. Beobachter ziehen Parallelen zum 1. Weltkrieg und sprechen davon, dass schlecht ausgebildete Kräfte als Kanonenfutter genutzt würden. Russland verliert zu Beginn des Jahres allein hier täglich hunderte Soldaten. Für die ukrainische Verteidigung sagt der Westen im Januar die Lieferung von mehr als 100 Kampfpanzern zu.

Statt einer erfolgreichen Gegenoffensive brachte 2023 den ukrainischen Soldaten einen erbitterten Stellungskrieg - und beiden Seiten viele Verluste. (Archivfoto)

Unterstützung im Ukraine-Krieg: Selenskyj wirbt in Europa um weitere Hilfen

Februar: Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, reist nach Besuchen in London und Paris auch nach Brüssel und hält eine emotionale Rede vor den Abgeordneten des Europaparlaments. Darin bedankt er sich bei den Menschen in der EU für die Unterstützung seines Landes, allem voran durch die Lieferung von Waffen und Munition für die ukrainischen Streitkräfte. Im Anschluss an die Rede fordert er zum wiederholten Mal, der Ukraine auch Kampfjets zur Verfügung zu stellen. Nur wenige Tage später besucht US-Präsident Joe Biden überraschend Kiew und sagt Selenskyj bei seinem Besuch weitere Hilfen an die Ukraine sowie zusätzliche Sanktionen gegen Russland zu.

März: Auch aus Deutschland erhält Selenskyj die Zusage, dass weitere Waffen geliefert werden sollen. Ende des Monats treffen außerdem die ersten Leopard-2-Panzer aus Deutschland in der Ukraine ein. Rund um Bachmut toben weiterhin heftige Gefechte, die Stadt gilt inzwischen als nahezu eingeschlossen. Erste Experten gehen davon aus, dass Bachmut noch im März von Russland besetzt werden könnte. Ende des Monats kündigt Wladimir Putin die Stationierung von Atomwaffen in Belarus an und spricht davon, dass Russland dadurch für seine eigene Sicherheit vorsorgen wolle, da auch die USA Atomwaffen bei europäischen Verbündeten stationiert habe. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag erlässt derweil Haftbefehl gegen Russlands Machthaber, dem er die Beteiligung an Kriegsverbrechen vorwirft.

Russlands Verluste im Ukraine-Krieg: Briten sprechen von 200.000 verlorenen Soldaten

April: Trotz aller russischen Anstrengungen und hohen Verlusten auf beiden Seiten geben die ukrainischen Kämpfer die schwerst zerstörte Stadt Bachmut nicht auf. Auch deshalb geben Militärfachleute im April bekannt, dass die russische Winteroffensive, die das Ziel gehabt hätte, die Regionen Donezk und Luhansk komplett zu besetzen, gescheitert seien. Darüber hinaus gehen Schätzungen davon aus, dass Russland seit Beginn seiner Invasion inzwischen rund 200.000 Soldaten verloren hat. Britischen Geheimdienstberichten zufolge sei eine „beachtliche Minderheit“ von Russlands Verlusten auch anderen Gründen als dem eigentlichen Militäreinsatz geschuldet, etwa Alkoholmissbrauch. Bei einer Explosion in St. Petersburg stirbt Anfang des Monats der russische Militärblogger Wladlen Tatarski.

Mai: Nach langen Kämpfen meldet der Chef der Wagner-Gruppe Jewgeni Prigoschin die Einnahme von Bachmut. In der russischen Grenzregion Belgorod kommt es zu Kämpfen, die offenbar durch eine pro-ukrainische russische Kampfgruppe angeführt werden. Auch der Kreml wirft der Ukraine Anfang des Monats einen versuchten Anschlag vor und spricht von zwei Drohnen, die abgefangen worden seien, als sie auf den Kreml zugeflogen wären.

Prigoschin stirbt bei Flugzeug-Katastrophe – Bilder vom Unglücksort

Söldnerführer Prigoschin offenbar bei Flugzeugabsturz getötet
Flüge unternahm Jewgeni Prigoschin mit seinem Privatjet. Jetzt ist er bei einem Absturz seiner Embraer Legacy 600 getötet worden. Der russische Präsident Wladimir Putin bestätigte dessen Tod. © picture alliance/dpa/Luba Ostrovskaya/AP
Das Bild stammt vom Telegram-Kanal Grey Zone, der Prigoschin nahe steht, und soll Prigoschins Privatjet zeigen, der vom Himmel fällt.
Am Mittwochabend (23. August) fiel die Maschine auf dem Weg von Moskau nach Sankt Petersburg vom Himmel. Das Bild stammt vom Telegram-Kanal Grey Zone, der Prigoschin nahesteht. © IMAGO/Gray_Zone
„Ostoroschno Nowosti“ veröffentlichte ein Bild aus einem Video, das die Absturzstelle in der Nähe des Dorfes Kuschenkino in der Region Twer zeigt.
„Ostoroschno Nowosti“ veröffentlichte ein Bild aus einem Video, das die Absturzstelle in der Nähe des Dorfes Kuschenkino in der Region Twer zeigt. © picture alliance/dpa/Ostorozhno Novosti/AP
Offenbar ist der Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Es wird über einen Doppelgänger spekuliert.
Noch am Abend meldete die russische Luftfahrtbehörde, dass Prigoschin im Unglücksflieger saß. Sein Tod wurde einen Tag später bestätigt.  © Lev Borodin/IMAGO
Das Wrack, in dem zehn Menschen starben, brannte völlig aus. Die Identifizierung der Leichen ist schwierig.
Das Wrack, in dem zehn Menschen starben, brannte völlig aus. © picture alliance/dpa/Investigative Committee of Russia/XinHua | Uncredited
Die Absturzstelle gut 200 Kilometer nordwestlich von Moskau gleicht einem Trümmerfeld.
Die Absturzstelle gut 200 Kilometer nordwestlich von Moskau gleicht einem Trümmerfeld. © picture alliance/dpa/AP | Uncredited
Teile liegen verstreut nahe einem Waldgebiet.
Teile liegen verstreut nahe einem Waldgebiet. © IMAGO/SNA
Ein Trümmerteil liegt auf dem Boden.
Dass es sich einmal um ein Flugzeug handelte, ist kaum zu erkennen. © IMAGO/Vitaliy Shustrov
Russische Ermittler beginnen vor Ort mit der Untersuchung des Unglücks.
Russische Ermittler beginnen vor Ort mit der Untersuchung des Unglücks.  © picture alliance/dpa/AP | Alexander Zemlianichenko
Die Toten werden zur Untersuchung in eine Halle nach Twer gebracht.
Die Toten werden abtransportiert. © picture alliance/dpa/AP | Uncredited
In dieses Gebäude der Gerichtsmedizin wurden die Körper offenbar zur Untersuchung gebracht.
In dieses Gebäude der Gerichtsmedizin der Region Twer wurden die Körper offenbar zur Untersuchung gebracht.  © IMAGO/Petrov Sergey
Ein Mann legt Blumen in Prigoschins Geburtsstadt Sankt Petersburg nieder.
Noch am Abend des Absturzes werden in einigen Städten Russlands Gedenkstätten eingerichtet. Hier legt ein Mann Blumen in Prigoschins Geburtsstadt Sankt Petersburg nieder. © IMAGO/Alexander Galperin
Prigoschin und Kreml-Chef Putin
Prigoschin galt lange als Vertrauter Putins (r.). Bevor er den Kremlchef kennenlernte, war er ein Krimineller und verbüßte eine langjährige Haftstrafe. © Alexei Druzhinin/dpa
Prigoschin und Putin
Nach seiner Entlassung eröffnete er Restaurants in Sankt Petersburg und lernte Putin kennen, der ebenfalls aus der Stadt kommt. © Alexey Druzhinin/AFP
In der Folge erhielt Prigoschins Cateringfirma „Konkord“ viele öffentliche Aufträge, was ihm letztlich zu Reichtum verhalf.
In der Folge erhielt Prigoschins Cateringfirma „Konkord“ viele öffentliche Aufträge, was ihm letztlich zu Reichtum verhalf. © IMAGO / ITAR-TASS
Die berüchtigten Wagner-Söldnertruppen haben, im Kommando von Jewgeni Prigoschin und im Namen Russlands, sich am Ukraine-Krieg beteiligt. Den sehr wahrscheinlichen Tod von Putins Wagner-Chef nehmen in der Ukraine viele Menschen mit Freude wahr.
Ab 2013 begann Prigoschin, das private Sicherheits- und Militärunternehmen Gruppe Wagner zu formen. Die Söldnertruppe war im Auftrag der Regierung weltweit tätig und setzte russische Interessen durch. © Uncredited/Prigozhin Press Service/AP/dpa/Archiv
Kämpfer der Wagner-Gruppe, die berüchtigt für ihre brutalen Methoden sind, unterstützen russische Truppen auch im Ukraine-Krieg.
Kämpfer der Wagner-Gruppe, die berüchtigt für ihre brutalen Methoden sind, unterstützten russische Truppen auch im Ukraine-Krieg. Doch spätestens am 23. Juni 2023 war das Tischtuch zwischen Putin und Prigoschin zerschnitten.  © IMAGO/RIA Novosti
Wagner-Söldner in Rostow am Don.
Nachdem er zuvor im Ukraine-Krieg die russische Militärführung bereits mehrfach scharf kritisiert hatte, befahl Prigoschin an jenem Tag einen Aufstand gegen die russische Regierung. Wagner-Söldner marschierten Richtung Moskau. © IMAGO/Vladimir Konstantinov
Kämpfer der Wagner-Gruppe verlassen Rostow am Don.
Nur einen Tag später brach Prigoschin nach Vermittlung des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko den Aufstand wenige Hundert Kilometer vor Moskau ab. © IMAGO/Sergey Pivovarov
Prigoschin
Der Wagner-Boss ging ins Exil nach Weißrussland. Jetzt starb er im Alter von 62 Jahren. Nicht wenige vermuten, dass sich Putin für Prigoschins Illoyalität rächte. © -/AP/dpa

Chronik des Ukraine-Kriegs: Wagner-Gruppe zettelt in Russland Rebellion an

Juni: Nach einer schweren Explosion in der Südukraine kommt es am Fluss Dnipro zum Bruch des Kachowka-Staudamms und infolgedessen zu heftigen Überflutungen. Auch vor Umweltschäden wird durch die ukrainischen Behörden gewarnt. Nach langen Vorbereitungen startet die Ukraine ihre Gegenoffensive. Ende des Monats kommt es zu chaotischen Szenen in Russland als Kämpfer der Wagner-Gruppe unter Anführung von Prigoschin einen Aufstand in Russland anzetteln, Militärgebäude in der russischen Stadt Rostow am Don besetzen und auf Moskau zu marschieren. Nach wenigen Stunden brechen die Aufständischen ihre Rebellion ab und werden nach Belarus verbannt.

Juli: Nach zahlreichen Drohungen, das Getreideabkommen aufzukündigen, macht Putin seine Drohung war und lässt das Abkommen auslaufen. Damit verbunden kündigt der Kreml-Chef an, Frachtschiffe im Schwarzen Meer künftig als feindlich einzustufen. Während die USA zusätzliche Lieferungen von Streumunition an die Ukraine ankündigen, vermeldet die Ukraine die Befreiung kleinerer Flächen im Süden und Osten des Landes. Insgesamt läuft die Gegenoffensive allerdings deutlich schleppender an als bisherige Aktionen.

Russischer Angriff auf die Ukraine: Prigoschin stirbt bei Flugzeugabsturz

August: In Russland wächst die Befürchtung, dass eine neue Rekrutierungswelle bevorstehen könnte, was eine Serie von Brandanschlägen auf Rekrutierungsbüros in Russland auslöst. Bei Angriffen auf Odessa und Cherson werden zwei der bedeutendsten Kirchen des Landes zerstört. Immer wieder kommt es im Süden des Landes zu Angriffen auf die Kertsch-Brücke, die eine Landverbindung zwischen Russland und der besetzten Krim darstellt. Am 23. August kommt Wagner-Chef Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

September: Nach einem Besuch von Chinas Staatschef Xi Jinping im Frühjahr besucht im September auch der Nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un Russland. Bei dem Treffen soll es unter anderem um Waffengeschäfte gegangen sein. Derweil macht die Ukraine erneut kleine militärische Fortschritte und meldet etwa einen Durchbruch bei Robotyne im Süden des Landes. Bei einem Raketenangriff durch die Ukraine wird außerdem das Hauptquartier von Russlands Schwarzmeerflotte auf der besetzten Krim zerstört.

Ende des Jahres besucht der ukrainische Präsident Selenskyj die Front bei Awdijiwka.

Ukraine-Krieg Ende 2023: Militärchef warnt vor langwierigem Stellungskrieg

Oktober: Nach den heftigen Kämpfen um Bachmut kristallisiert sich im Ukraine-Krieg die nächste Schlacht heraus, die zu langwierigen Kämpfen und heftigen Verlusten auf beiden Seiten führen könnte. In ihrem Zentrum: die ukrainische Stadt Awdijiwka. Beide Kriegsparteien bereiten sich auf den zweiten Winter im Ukraine-Krieg vor.

November: Der ukrainische Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj hat vor einem langwierigen Stellungskrieg gewarnt, während in den USA zwischen Republikanern und Demokraten im Parlament über eine weitere Unterstützung für die Ukraine gestritten wird. Durch die Diskussionen werden weitere Militärhilfen vorerst blockiert. US-Präsident Joe Biden warnt, dass ein Im-Stich-Lassen der Ukraine schwere Konsequenzen haben könnte. Das britische Verteidigungsministerium geht inzwischen von 300.000 verlorenen russischen Soldaten aus.

Dezember: Nach dem Befehl Putins, weitere 170.000 Streitkräfte für den Kriegseinsatz verpflichten zu wollen, fürchten die Menschen in Russland eine weitere Mobilisierungswelle. Im US-Kongress wirbt Selenskyj um neue Militärhilfen. Zwischen Weihnachten und Neujahr kommt es zu den massivsten russischen Luftangriffen seit Kriegsbeginn, bei denen im ganzen Land etliche Menschen verletzt und getötet werden. Dabei seien nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Selenskyj in über 120 Städten und Ortschaften im gesamten Land zivile Ziele angegriffen worden. (saka)

Rubriklistenbild: © Yasuyoshi Chiba/AFP

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