Friedensplan für Gaza: Trump überschwänglich – aber viele Fragen offen
VonBabett Gumbrecht
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Trumps Friedensgipfel in Ägypten ist beendet. Er hat gezeigt: Die Welt steht hinter seinem Gaza-Plan. Doch die Verhandlungen stocken in Wahrheit immer noch.
Gaza/Tel Aviv – Tränen der Erleichterung und Umarmungen nach monatelanger Ungewissheit: Die Bilder der freigelassenen Hamas-Geiseln, die am Montag (13. Oktober) zu ihren Familien zurückkehrten, gingen um die Welt. Der Tag wurde gefeiert als Beginn einer neuen Ära im Nahen Osten, als Tag des vielleicht größten Friedens seit Ende des Zweiten Weltkriegs – oder, nach Worten von US-Präsident Donald Trump, vielleicht sogar seit „3.000 Jahren“.
Doch auch mit den Superlativen, die Trump während seines Kurzbesuchs in Israel und Ägypten nannte, werden die Streitpunkte im Gaza-Konflikt nicht einfach verschwinden. Am Tag nach dem Jubel über die Heimkehr der noch lebenden Geiseln und nach den Feierlichkeiten in Ägypten zum verkündeten Kriegsende kehrt Ernüchterung ein.
Trump setzt erste Stufe seines Friedenskonzepts durch: Wie geht es jetzt weiter im Gaza-Krieg?
Tatsächlich ist es dem Dealmaker Trump durch direkten Einfluss gelungen, dass Israel und die islamistische Palästinenserorganisation Hamas wenigstens in die aktuell ablaufende erste Stufe seines Friedenskonzepts eingetreten sind. Das bedeutet: Ein Waffenstillstand ist in Kraft, die verbliebenen Geiseln sind befreit und auch die Verstorbenen sollen ausgehändigt werden. Israel und seine Streitkräfte haben sich in Gaza teilweise zurückgezogen.
In Ägypten brachte Trump etwa 30 Staats- und Regierungschefs zusammen, um zu demonstrieren, dass die internationale Gemeinschaft sein Konzept unterstützt. Nach den Feierlichkeiten in Israel und der Zeremonie in Ägypten stehen nun aber wieder komplizierte Gespräche an, deren Ergebnis vollkommen ungewiss ist.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Gemäß Trumps 20-Punkte-Konzept sollte in einer kommenden, zweiten Stufe eine Expertenregierung für den Wiederaufbau des Gazastreifens entstehen. Die Hamas wäre nach diesem Konzept daran nicht beteiligt, sondern würde ihre Waffen abgeben. Eine internationale Friedenstruppe (ISF) würde in Gaza die Sicherheit gewährleisten.
Nach Friedensgipfel in Ägypten: Trumps 20-Punkte-Konzept bedarf noch langwierige Verhandlungen
Über all diese Punkte werden jedoch langwierige Verhandlungen nötig sein. Die Hamas zeigt weiterhin ihre Stärke, möchte diese in Gaza erneut ausbauen und verweigert bislang auch die Herausgabe ihrer Waffen. Die US-Regierung hat der islamistischen Terrororganisation laut Trump sogar erlaubt, sich für einen begrenzten Zeitraum wieder zu bewaffnen, um im Gazastreifen die Sicherheit zu gewährleisten. Bei der ISF bleibt ungeklärt, welche Staaten dafür Soldaten schicken könnten und ob diese ein UN-Mandat bekommen sollen.
Wie bei früheren Gesprächsrunden der letzten beiden Kriegsjahre ist vorstellbar, dass die Verhandlungen in eine Sackgasse geraten. Es wird entschlossenen Willen aller Beteiligten und auch dauerhaften Druck Trumps benötigen, um den weiteren Weg aus dem Krieg zu finden, den Trump schon für beendet erklärt hat. Die Hamas bestreitet Israel weiterhin das Recht zu existieren. Andererseits möchten der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seine rechtsextremen Koalitionspartner die Hamas vollständig vernichten.
Überblick: Friedensprozess im Gaza-Krieg
Bereich
Status/Zeitrahmen
Risiken
Waffenruhe
Aktiv/Bereits umgesetzt
Verstöße durch Hamas gemeldet
Gefangenenfreilassung
Unvollständig/Stockende Umsetzung
Verzögerung bei Leichenübergabe
Wiederaufbauphase
Nicht gestartet/Völlig unklar
Komplexe Friedensverhandlungen
Militärische Abrüstung
Hamas verweigert/Festgefahren
Terrorgruppe will bewaffnet bleiben
UN-Friedensmission
Nicht definiert/Ungeklärt
Kein Land stellt Truppen bereit
Verteidigungsminister Katz warnt bei Ägypten-Gipfel: Hamas hat Waffenstillstands-Deal bereits verletzt
Israels Verteidigungsminister Israel Katz beschuldigte die Hamas bereits, das Waffenstillstands-Abkommen verletzt zu haben. Am Montag wurden lediglich vier der ursprünglich 28 toten Geiseln ausgehändigt, obwohl die Frist für die Übergabe aller Leichen mittags endete. Katz warnte: Jede Verspätung werde als schwerer Bruch des Abkommens betrachtet und „entsprechend beantwortet“.
Vor der weiterhin von der Hamas ausgehenden Bedrohung warnt auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. In den nächsten Wochen und Monaten werde es Terroranschläge und Destabilisierungen geben, erklärte er. „Eine Terrorgruppe mit Tausenden Kämpfern, Tunneln und solcher Bewaffnung zerschlägt man nicht über Nacht.“
Trump legt Regeln und Bestimmungen für Gaza-Konflikt fest: Umsetzung noch ungeklärt
Laut Trump legt das „sehr umfassende“ Papier „eine ganze Reihe von Regeln und Bestimmungen“ für den Gaza-Konflikt fest. Es soll laut Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi den bestehenden Waffenstillstand stärken. In dem Papier steht: „Gemeinsam werden wir diese Vereinbarung so umsetzen, dass Frieden, Sicherheit, Stabilität und Chancen für alle Völker der Region, einschließlich der Palästinenser und Israelis, gewährleistet sind.“ Durch welche konkreten Schritte dies erreicht werden soll, bleibt unerklärt. Israel und die Hamas waren bei dem Treffen in Ägypten gar nicht anwesend.
Noch problematischer ist, dass die eigentlichen Konfliktparteien – Israel und die Hamas – das Dokument weder unterschrieben haben noch an der feierlichen Unterzeichnungs-Zeremonie teilgenommen haben. Dies wirft grundsätzliche Fragen über die praktische Verbindlichkeit und Tragweite der vereinbarten Prinzipien auf.
Die Erklärung und die pompöse Ankündigung entsprechen jedoch Trumps Art. Bereits bei der Vereinbarung zwischen Hamas und Israel bestätigte er die Einigung sozusagen rückwirkend – mit Unterstützung der anderen Vermittler Katar, Ägypten und der Türkei holte er zunächst Zusagen ein, um anschließend über Einzelheiten verhandeln zu lassen. Unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) deutete in einer Runde mit anderen Staats- und Regierungschefs in Ägypten an, dass das jetzt unterzeichnete Dokument noch keineswegs eine dauerhafte Lösung für den bestehenden Konflikt darstelle.
Neben Gaza-Krieg: Auch Israels Konflikt mit dem Erzfeind Iran noch ungelöst
Der Iran und die von ihm geförderten Milizen in der Region sind erheblich geschwächt. Der aktive Konflikt zwischen Israel und seinem Hauptgegner ist wenigstens vorläufig beendet. In seinen Grundlagen setzt er sich jedoch unverändert fort. Ein neuer Krieg der beiden Länder wie im letzten Juni ist vorstellbar und nach Ansicht mancher Fachleute möglicherweise nur eine Frage der Zeit.
Trump, der sich wiederholt als Friedensstifter darstellt, hat weiterhin eine umfassende Vereinbarung mit dem Iran im Visier, die das „Ende eines Zeitalters von Terror und Tod“ einleiten könnte. An Teheran sei die „Hand von Freundschaft und Kooperation“ ausgestreckt, erklärte Trump bei seiner Ansprache im israelischen Parlament. Der anhaltende Disput um Irans Atomprogramm und die Attacken der USA und Israels auf Irans Atomanlagen im Juni verdeutlichen, dass die Staaten von einer solchen Vereinbarung weit entfernt sind.
Eine Terrorgruppe mit Tausenden Kämpfern, Tunneln und solcher Bewaffnung zerschlägt man nicht über Nacht.
Experten der Nahostkonflikte erkennen auch Hinweise darauf, dass die Hisbollah im Libanon sowie der Iran – die beiden Hauptverbündeten der Hamas – eine Fortsetzung des Kriegs durch die Hamas befürworten. Im Libanon sowie in Syrien ist der Konflikt mit Israel zwar pausiert, aber auch dort in vielen Punkten ungelöst und nicht abgeschlossen.
Wegen Unterstützung Kiews im Ukraine-Krieg: Merz’ Hilfsangebote für Gaza begrenzt
Bundeskanzler Merz betonte in Ägypten, dass es jetzt erst einmal um humanitäre Soforthilfe im Gazastreifen gehe. Auch beim Wiederaufbau möchte sich Deutschland einbringen – in welchem Ausmaß, ist jedoch noch völlig offen. Ägypten möchte gemeinsam mit Deutschland eine Wiederaufbaukonferenz veranstalten, die im November in Kairo stattfinden soll.
Da Deutschland mittlerweile größter Geldgeber für die Kiew um Ukraine-Krieg ist, ergibt sich innenpolitisch die Frage, wie viel Unterstützung für Gaza noch tragbar und vermittelbar ist. Merz hat sich bislang darauf berufen, dass sich diese Frage momentan für Deutschland nicht stellt. Das kann sich jedoch rasch wandeln. Entscheidend ist mit, ob es ein Mandat der Vereinten Nationen für eine solche Truppe geben wird. Ob die USA und Israel ein solches Mandat anstreben, ist ungeklärt.
Merz hatte am 8. August angeordnet, dass keine Waffenlieferungen an Israel mehr bewilligt werden, die im Gaza-Krieg verwendet werden können. Da es jetzt einen Waffenstillstand gibt, überlegt die Bundesregierung, die Einschränkung wieder aufzuheben. Wann eine Entscheidung getroffen wird, ist ungewiss. Der teilweise Exportstopp hat Deutschland als wichtigstem Verbündeten Israels neben den USA neues Ansehen in der arabischen Welt verschafft. Das könnte ein Grund sein, die Einschränkungen vorerst noch beizubehalten. (Quellen: dpa) (bg)