Dabei droht allerdings ein Flop: Zwar stimmen im geheimen Wahllokal immer mehr Stimmberechtigte für Le Pen; längst nicht alle würden aber für sie auf die Straße gehen oder auch nur ihren Namen für eine Petition zugunsten der weitum verpönten Rechtsextremistin hergeben.
Urteil gegen Marine Le Pen: RN-Chefin will sich mit juristischen Mitteln zurück ins Rennen bringen
Alle 24 wegen Veruntreuung verurteilten RN-Mitglieder (von 25 Angeklagten) wollen das erstinstanzliche Urteil anfechten. „Der Weg ist eng, aber er existiert“, sagte Le Pen dazu. Für eine Kandidatur im Mai 2027 müsste der Prozess in einem Jahr abgewickelt sein, da danach bis zum Urteil erneut Monate vergehen. Bei Politikern wie François Fillon oder Nicolas Sarkozy dauerte die Berufung zwei Jahre.
Marine Le Pen hat Frankreich-Wahl 2027 im Blick – trotz Ausschluss
Die RN-Chefin hofft auf den Vorgängerfall des gaullistischen Ex-Premiers Alain Juppé, der 2004 wegen Scheinjobs eine Haftstrafe erhalten hatte. Seine zehnjährige Unwählbarkeit wurde in zweiter Instanz auf ein Jahr verkürzt. Das geschah allerdings auch, weil Juppé nur den Kopf für Präsident Jacques Chirac hingehalten hatte. Le Pen hatte das EU-Geld für Europaparlaments-Hilfen hingegen eigenhändig in die Parteikasse umgeleitet.
Internationale Unterstützung: Trump und Bolsonaro solidarisieren sich mit Marine Le Pen
Das RN reaktiviert sein liebstes Argument: Le Pen sei Opfer des „Systems“, ja einer „Justizdiktatur“. Die internationale Rechte zeigt sich solidarisch: Nach europäischen Solidaritätsbekundungen meldete sich auch der frühere brasilianische Präsident, Jair Bolsonaro, und sprach von einer „Verfolgung“ Le Pens sowie US-Präsident Donald Trump, der kritisierte, dass die Französin nicht mehr kandidieren könne, obwohl sie in den Umfragen führe. Bolsonaro wird gerade wegen eines Umsturzversuchs angeklagt, und Trump ist ein verurteilter Straftäter. Von dessen Adlatus Elon Musk kam das Echo vom „Missbrauch des Justizsystems“.
In Paris fanden allerdings auch Nahestehende von Präsident Emmanuel Macron wie auch des Linkspolitikers Jean-Luc Mélenchon, Le Pen müsse die üblichen Rechtsmöglichkeiten erhalten, also mit aufschiebender Wirkung. An der vierjährigen, teils zur Bewährung ausgesetzten, teils mit Fußfessel absolvierbaren Haftstrafe für Le Pen würde das nichts ändern. Dazu zirkulieren vielsagende Videos der jungen Rechtsextremistin.
Le Pen und die Justiz: Warum ihr Urteil für Frankreichs Demokratie weitreichende Folgen hat
„Alle Parteien haben in die Kasse gelangt, außer dem Front National“, schimpfte sie darin 2004. Noch mehr Spott ergießt sich über die Kandidatin, weil sie heute ihre fünfjährige Unwählbarkeit anficht. 2013 hatte sie sich im Fall von Veruntreuung oder anderer Delikte lauthals für eine „lebenslange Unwählbarkeit“ ausgesprochen. „Das steht in meinem Programm“, bekräftigte sie.
Sollte Marine Le Pen bei den nächsten Präsidentschaftswahlen nicht antreten können, könnte sie ihre rechte Hand Jordan Bardella ins Rennen schicken. Die RN-Gründerin erklärte am Montagabend, der 29-jährige Shootingstar der französischen Rechten wäre ein „großartiger Trumpf“, allerdings wohl erst bei den Wahlen 2032. Umfragen zufolge glauben 67 Prozent der Menschen in Frankreich, dass Bardella bei einer Präsidentschaftswahl gleich gute oder noch bessere Wahlchancen als Le Pen hätte; in der eigenen Partei denken das sogar 81 Prozent der Befragten.
Jordan Bardella als Notlösung? Warum Le Pens Stellvertreter nun ins Zentrum rückt
Bardella versicherte Le Pen seiner „totalen Loyalität“. Das könnte Marine Le Pen unter Druck setzen, je nach Verlauf der Rechtsfindung zugunsten von Bardella abzutreten. Als Ersatz stünde auch Le Pens noch radikalere Nichte Marion Maréchal (35) bereit. Die beiden verstehen sich aber schlecht.
Marine Le Pen ist derzeit RN-Abgeordnete in der Nationalversammlung. Solange diese Kammer nicht neu gewählt wird, behält Le Pen trotz des Gerichtsurteils ihren Sitz. Mit 143 Abgeordneten (von 577 Sitzen) beherrscht die RN-Fraktionschefin die französische Politik weitgehend – namentlich gegen den geschwächten Präsidenten Emmanuel Macron. Möglich, dass sie dessen Minderheitsregierung aus Rache zu Fall bringt. Allerdings verlöre sie ihren Sitz und damit eine wichtige politische Tribüne.