„Gefahr für Odessa“?

Richtungs-Wahl bei Ukraine-Nachbar Moldau – was sie für Putins Krieg bedeutet

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Moldau wählt – und die Prorussen sind Favorit. Das Land teilt eine Landgrenze mit der Ukraine. Bald eine Gefahr für Kiew? Das sagen Experten in Moldau.

Kischinau – Die ruhigen Jahre sind vorbei: Auf der Weltbühne scheint sich ein Ringen zwischen Demokratie und Despotismus abzuspielen. Nicht nur im Ukraine-Krieg. Schauplätze sind auch einige kleinere Länder am Ostrand Europas. Im Oktober 2024 kippte Georgien in einer mutmaßlich manipulierten Wahl vom EU-Kurs in Wladimir Putins Arme. Und beim EU-Beitrittskandidat Moldau droht der nächste Akt: Noch regiert die pro-europäischen Partei PAS das Land alleine. Doch mit der Parlamentswahl am Sonntag (28. September) könnte das ein Ende haben.

Russische „Peacekeeper“ in Transnistrien feierten Ende Juli 33. „Jubiläum“ ihrer Entsendung. Wie sehr können sie Wladimir Putin nützen?

Anders als in Georgien wird es wohl keine Manipulation an den Wahlurnen geben. Aber Russland steckt nach Einschätzung von Experten Abermillionen Euro in Desinformation, Fake-News und indirekten Stimmenkauf in Moldau. Einerseits, weil eine aus dem Kreml gesteuerte Regierung wesentlich günstiger zu haben ist, als ein militärischer Sieg. Aber vielleicht auch aus Kalkül mit Blick auf den Ukraine-Krieg. Was der Ukraine droht, wenn Pro-Russen das Ruder in Moldau übernehmen – darüber gehen die Meinungen auseinander.

Prorussen könnten an der Grenze der Ukraine übernehmen: Ist Transnistrien eine Gefahr im Krieg?

Klar ist: Der erste Blick geht nach Transnistrien. Die Regierung in Kischinau hat keine Kontrolle über die separatistische Region im Osten des Landes – die haben der Kreml und prorussische Oligarchen. Transnistrien rief vor einiger Zeit gar schon offiziell nach „Hilfe“ aus Moskau. Anders als im Falle der Pseudo-Volksrepubliken Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine griff Russland aber nicht ein. Doch der Keim für Sorge und Zweifel war im Land gesät.

Pikant ist die weitere Entwicklung in dem Gebiet aber auch für die Ukraine. Denn der Landstrich grenzt auf gut 460 Kilometern direkt an die Oblast Odessa. Und in Transnistrien steht nicht nur ein Kontingent von 1.500 „Peacekeepern“ unter russischem Befehl – oft Moldauer mit russischem Pass –, sondern auch ein riesiges Waffenlager aus Sowjetzeiten.

Momentan sind diese Truppen isoliert: Moldau unterbindet einen Austausch von Kräften und Material etwa über den Flughafen in Kischinau und die eigenen Kapazitäten der Region Transnistrien mit ihren knapp 350.000 Einwohnern sind stark begrenzt. Der Landweg durch die Ukraine wiederum ist für Russland versperrt – auch wenn in den dramatischen Tagen zu Beginn des Ukraine-Kriegs kurz denkbar schien, dass Putins Armee bis nach Transnistrien durchmarschiert. Die Lage könnte sich aber ändern, wenn in Moldau eine prorussische Regierung übernimmt. Ihr Land könne dann eine „Bedrohung“ an den Grenzen von Ukraine und EU werden, warnte Präsidentin Maia Sandu jüngst im EU-Parlament.

Auf dem Weg nach Europa: Die Aufnahmekandidaten der EU

EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp

Alarmierte Stimmen sind auch aus Sandus Regierungspartei PAS zu hören. Bei einem Sieg der prorussischen Kräfte könne Moldau binnen eines Jahres de facto unter russischer Kontrolle stehen, heißt es dort. Dann sei etwa über den Flughafen der Hauptstadt Kischinau auch ein Austausch der militärischen Kräfte in Transnistrien denkbar. „Das wäre eine Gefahr für Odessa und Mykolajiw“, warnt ein PAS-Vertreter unter dem Gebot der Anonymität. Ein anderer Offizieller sprach Anfang des Jahres gar von „20.000 Soldaten unter Kontrolle der Russischen Föderation“ in Transnistrien bereits jetzt – lokale Sicherheitskräfte eingerechnet.

Möglich aber, dass dabei auch ein wenig Wahlkampf-Strategie mitschwingt. Alexandru Flenchea etwa, ehemaliger Vize-Ministerpräsident für die Reintegration Transnistriens, sieht die Lage vergleichsweise entspannt – jedenfalls mit Blick auf die Ukraine. „Ein russisches Militärkontingent, drei Bataillone, bewaffnet mit veralteten Sowjet-Waffen auf den 1970ern, das ist keine militärische Bedrohung für die Ukraine“, sagt er. Für Moldau allerdings sei es theoretisch eine.

„Wäre eine Gefahr für Odessa und Mykolajiw“: Ukraine-Warnungen aus Moldaus Regierungspartei

Flenchea erwartet indes auch keinen Angriff aus Transnistrien auf Kern-Moldau – in welchem Szenario auch immer. Man müsse verstehen, warum es noch nie eine Eskalation in dem Konflikt gab, betont er: Russland habe die Basis in Transnistrien vor allem behalten, um EU und Nato von der Aufnahme Moldaus abzuschrecken. Es handle sich um den symbolischen „Stiefel auf moldauischem Boden“. Die offensive Kapazität der Einheiten liege „bei Null“.

Hinzu kommt: Russland hat nach Einschätzung verschiedener Experten zwar die zwei größten Wahlblöcke abseits der proeuropäischen PAS aktiv zusammengeführt und unter seiner Kontrolle. Doch aus mit der Lage gut vertrauten westlichen Kreisen ist zu hören: Die Spitzenkandidaten Igor Dodon (Patriotischer Block) und Ion Ceban (Alternativa) seien wohl nicht bereit zu Gewalt und Destabilisierung des Landes, sie würden gewisse „rote Linien“ nicht überschreiten. Mit anderen Worten: Bei der Forderung nach Preisgabe der moldauischen Souveränität hätte der Einfluss des Kreml wohl ein Ende – zumal jede moldauische Regierung Bedarf an Milliarden-Zahlungen der EU hat, wie Optimisten meinen. Die fänden bei einem Angriff aus Moldau auf die Ukraine ein schlagartiges Ende. (fn)

Rubriklistenbild: © Montage: Artem Kulekin/Alexei Nikolsky/Imago/SNA/ZUMA/fn

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