VonMaria Sterklschließen
Seit Monaten kündigt Israel eine Militäroffensive in Rafah an. Jetzt wagt die Armee erste Schritte. Viele Fragen bleiben jedoch weiterhin offen.
Ist die umstrittene Bodenoffensive in Rafah bereits in vollem Gang?
Nein. Es geht eher darum, die Hamas unter Druck zu setzen, um mehr Spielraum bei den Verhandlungen um einen neuen Geisel-Deal zu bekommen. Am Dienstag verbreitete Israels Armee Fotos und Videos von Armeefahrzeugen mit riesigen israelischen Flaggen, die am Grenzübergang Rafah patrouillieren. Sie sollen zeigen, dass Israels Armee der Hamas die Kontrolle über den Grenzposten abgerungen hat.
Was hält Israel davon ab, Rafah einzunehmen?
Auf kurze Sicht: die Hoffnung, dass es doch noch klappen könnte, einen Geisel-Deal zu erreichen. Längerfristig ist es aber vor allem Druck von außen. Das Kriegskabinett und die Armeeführung sind überzeugt, dass es die Operation in Rafah braucht, um die dortigen vier Hamas-Bataillone zu bekämpfen und Hamas-Führer Yahya Sinwar, der in den Tunneln unter der Stadt vermutet wird, aufzuspüren.
Die USA sind jedoch strikt gegen eine Offensive in der Stadt, die in sieben Monaten zu einem gigantischen Flüchtlingslager angeschwollen ist. Es sind nicht nur mahnende Worte, die aus Washington kommen. Längst folgen auch Taten.
Eine Lieferung Tausender US-Hochpräzisionswaffen nach Israel, über die man sich bereits im Februar geeinigt hatte, wird vom Pentagon hinausgezögert, solange Israel von seinen Rafah-Plänen nicht ablässt. Israels Regierung betont aber, dass man Rafah notfalls auch gegen den Willen der USA angreifen wird.
Kann die jetzige „Mini-Offensive“ in Rafah die befürchtete humanitäre Katastrophe vermeiden?
Ohne negative Folgen für die Bevölkerung bleibt auch der aktuelle Einsatz nicht. Die Besetzung des Grenzübergangs bewirkt, dass dort keine humanitären Lieferungen mehr in den Gazastreifen kommen. Rafah ist laut UN-Angaben der einzige Grenzübergang, über den Treibstoff nach Gaza gelangt.
Ohne Treibstoff gibt es keine Stromversorgung, und auch die Vorräte an Lebensmitteln und Medizin, die sich schon in Lagern in Gaza befinden, können nicht zu den Menschen gebracht werden, die auf sie angewiesen sind.
Im Ausland gibt es viel Kritik an der Offensive in Rafah, aber wie sehen es die Israelis selbst?
Auf die Frage, ob sie die Befreiung der Geiseln oder die Eroberung Rafahs für wichtiger halten, sagen mehr als 60 Prozent der Israelis, dass sie die Geiseln vorrangig einstufen. Das geht aus einer aktuellen Erhebung des Israelischen Demokratieinstituts hervor.
Hier gibt es aber große Unterschiede je nach politischer Einstellung: Konservative sehen tendenziell den Angriff als absolute Priorität, 55 Prozent von ihnen sagen, der Armeeeinsatz dort sei wichtiger als die Geisel-Befreiung. Eher Linke sind zu 92 Prozent für einen Geisel-Deal, nur 4,7 Prozent halten Rafah für wichtiger.
Montagabend hatte die Hamas angekündigt, zu einem Geisel-Deal bereit zu sein, Israel schickt nun wieder eine Delegation nach Kairo, um neue Verhandlungen über eine Waffenruhe zu führen. Wird es diesmal klappen?
Das ist schwer zu sagen. Israels Kriegskabinett ist bereit für einen Deal. Jene Version, der die Hamas Montagabend zugestimmt hat, sieht aber Bedingungen vor, die für Israels Regierung inakzeptabel sind – allen voran ein Ende des Krieges. Das ist aus israelischer Sicht nicht hinnehmbar, weil man die Kampfhandlungen erst einstellen will, wenn die Hamas in Gaza besiegt ist.
Ein zweiter konträrer Punkt ist die Zahl der freizulassenden Geiseln: Israel verlangt im ersten Schub 33 lebende Geiseln, und zwar vorrangig Minderjährige, Alte, Kranke und Frauen. Die Hamas behauptet, diese Forderung nicht erfüllen zu können.
Wenn eine Beendigung des Kriegs aus israelischer Sicht ein No-Go ist, die Hamas aber von dieser Forderung nicht abweichen will – warum wird dann überhaupt verhandelt?
Um genau zu sein: Erst einmal wird nicht verhandelt, sondern nur vor gefühlt. Israel schickt daher nicht seine Geheimdienst-Chefs nach Kairo, sondern nur Vertreter und Vertreterinnen niedrigeren Ranges. Sie haben nicht den Auftrag zu verhandeln, sondern sollen nur Informationen einholen.
„Man will erst einmal verstehen, von welchem Papier die Hamas überhaupt spricht“, erklärt Israel Ziv, früherer Kommandeur der Gaza-Brigade der israelischen Armee. Danach soll die Delegation zu Hause berichten, was Stand der Dinge ist – und danach wird im Kriegskabinett entschieden, wie man sich dazu positioniert. (Maria Sterkl)
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