Dreiergespann soll Lösung liefern

Renten-Krise macht Druck auf Merz: Fraktion in Aufruhr – wird Dobrindt der rettende Anker?

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Kanzler Merz steht wegen des Renten-Streits mit dem Rücken zur Wand, die Koalition ist gefährdet. Innenminister Dobrindt wird als Krisenmanager gerufen – erneut.

Berlin – Bereits im ersten Jahr seiner Kanzlerschaft musste Friedrich Merz (CDU) seine Regierung schon durch diverse kleinere und größere Krisen manövrieren. Die gescheiterte Wahl zum Kanzler im ersten Durchgang, die Causa Brosius-Gersdorf und aktuell die Renten-Revolte der Jungen Gruppe. Bei letzterem ist der Kanzler weiterhin weit von einer Einigung entfernt. Während Merz das Rentenpaket noch in diesem Jahr durch den Bundestag bringen will, halten die jungen Abgeordneten an ihrer Ablehnung fest. Die eher unglücklichen Auftritte von Merz und Fraktionschef Jens Spahn (CDU) auf dem „Deutschlandtag“ der Jungen Union trugen ebenfalls nicht zu einer Besserung der Situation bei. Die Hoffnung in der Union könnte deswegen jetzt auf einem anderen Mann ruhen: Innenminister Alexander Dobrindt (CSU).

Soll im Rentenstreit für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vermitteln: Innenminister Alexander Dobrindt.

Übereinstimmenden Medienberichten zufolge soll der Innenminister Teil eines Dreiergespanns innerhalb der Koalition sein, das mit der Lösungsfindung im Rentenstreit beauftragt wurde. Neben Dobrindt sollen der „Feuerwehr“-Mannschaft auch Kanzleramtschef Thorsten Frei für die CDU und Björn Böhning, Stattsekretär im Ministerium von Vize-Kanzler Lars Klingbeil, für die SPD angehören. Das meldeten der Stern und der Tagesspiegel am Freitagvormittag (21. November).

Merz im Renten-Streit unter Druck – Dobrindt soll den Kanzler retten

Gerade auf Dobrindt ruhen dabei wohl große Hoffnungen. Der CSU-Politiker, der sich nach außen als erster Vertreter der neuen „Law & Order“-Politik von CSU-Chef Markus Söder in Berlin gibt, gilt hinter den Kulissen als kompetenter Problemlöser und Brückenbauer. Bereits nach der verpatzten Kanzlerwahl soll es auch Dobrindt gewesen sein, der auf die Abgeordneten der Linken zuging, um deren Stimmen für einen zweiten Wahlgang am selben Tag zu gewinnen. Auch bei der Verfassungsrichterwahl zeigte der CSU-Minister sich offen für Gespräche mit den Linken.

Dobrindt steht darüber hinaus als Innenminister stellvertretend für das politische Feld, in dem die Merz-Koalition bislang ihre vielleicht größten präsentierbaren Erfolge erzielen konnte: die Migrationspolitik. Der CSU-Minister leitete nach der Amtsübernahme mit diversen – zum Teil auch von der SPD stark kritisierten – Maßnahmen die vom Kanzler geforderte Migrationswende ein.

Die Merz-Regierung wird nicht müde, auf den Rückgang der Migrationszahlen zu verweisen, für die man vor allem auch den Kurs des Innenministers verantwortlich macht. Welchen Stellenwert die Migrationspolitik in der Regierung hat, zeigte sich zuletzt an der von Außenminister Johann Wadephul (CDU) losgetretenen Debatte um Abschiebungen nach Syrien. Merz und andere hochrangige Mitglieder von Partei und Fraktion betonten nach Wadephuls Vorstoß eilig, dass man sehr wohl nach Syrien abschieben werden und dass auch der Außenminister das im Übrigen so sehen würde. Es sollte vor allem der Eindruck vermieden werden, die Union zeige bei Kern-Wahlkampfthema Migration Schwäche.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Dreiergespann soll Lösung im Renten-Streit liefern – Klatsche für Spahn und Miersch

Deswegen könnte Dobrindt auch der richtige Mann für einen Kompromiss im Renten-Streit sein. Er genießt hohes Ansehen in Partei und Fraktion – auch in der Jungen Gruppe – und soll für den Kanzler die Kohlen aus dem Feuer holen. Der Stern bezeichnet den CSU-Mann in einem Bericht als „den spannendsten Minister im schwarz-roten Kabinett“. Bezeichnend ist auch, dass Merz durch das Einsetzen eines Dreierteams dem Mann, der eigentlich für das Sichern von Mehrheiten im Parlament zuständig ist, zumindest teilweise die Verantwortung entreißt: Union-Fraktionsvorsitzender Jens Spahn.

Zum wiederholten Mal in seiner recht kurzen Zeit, als Fraktionsvorsitzender scheint Spahn es nicht zu schaffen, die nötige Mehrheit für die Vorhaben der Regierung sicherzustellen. Bereits bei der gescheiterten Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin, rebellierte die Fraktion von CDU und CSU gegen die Vorgaben von Spahn. Auch prominente Stimmen aus der Union sahen bereits damals die Hauptschuld beim Vorsitzenden – jetzt ist die Ausgangslage ähnlich. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder bezeichnete Spahn gegenüber dem Münchner Merkur von Ippen.Media gar als „Sicherheitsrisiko für diese Koalition“. Deswegen soll das Dreiergespann Spahn und SPD-Fraktionschef Mattias Miersch im Rentenstreit unter die Arme greifen.

Renten-Streit der Koalition: Die Zeit drängt und die Lösungen sind knapp

Doch die Zeit für Frei, Böning und Dobrindt drängt. Die Union will die Aktivrente – ein Prestigeprojekt von CDU-General Carsten Linnemann – bereits zum Jahreswechsel in Kraft setzten. Dafür müsste das Rentenpaket in seiner jetzigen Form noch im Dezember den Bundestag passieren. Infrage kommen für eine Abstimmung theoretisch nur noch die erste oder die dritte Dezemberwoche – letztere nur mit Fristverkürzung. Hierfür müsste allerdings eine sichere Mehrheit stehen.

Darum geht es im Rentenstreit in der Union

Das Rentenpaket der schwarz-roten Koalition steht im Bundestag wegen des Widerstands der 18 Abgeordneten der Jungen Gruppe in der Union auf der Kippe. Sollten ihre Stimmen bei dem für Dezember geplanten Votum fehlen, hätte die Koalition keine Mehrheit.

Die jungen Unions-Mitglieder stören sich vor allem an der Ausgestaltung der geplanten Stabilisierung des Rentenniveaus. Dieses soll laut den Regierungsplänen bis 2031 bei mindestens 48 Prozent festgeschrieben werden, was aber auch darüber hinaus zu einem höheren Rentenniveau führen würde als ohne die vorherige Haltelinie. Dies gehe zulasten der jungen Generationen, argumentieren die Kritikerinnen und Kritike. Die Gruppe der jungen SPD-Abgeordneten argumentiert hingegen, das Rentenpaket sei dringend nötig, um Altersarmut zu verhindern. Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland sei ausschließlich auf die Gesetzliche Rente angewiesen. Wer hier kürze, lasse Menschen nach einem ganzen Arbeitsleben ins Bodenlose fallen.

Quelle: dpa

Doch neben Zeit mangelt es bislang auch an möglichen Lösungen. Kanzler Merz hatte sich am Sonntag offen dafür gezeigt, sich in einem Begleittext zu dem Gesetz auf Pläne für größere Renten-Reformen zu verständigen. Ein Kompromiss, den die SPD wohl mittragen könnte, welcher der Jungen Gruppe jedoch wohl nicht weit genug geht. Diese fordert weiterhin Änderungen an der Haltefrist im Entwurf. Hier dürfte sich jedoch wohl die SPD querstellen. Parteichef Klingbeil ließ bereits am Wochenende verlauten, „am Gesetz wird nichts mehr geändert“. Unwahrscheinlich, dass die Sozialdemokraten dieses Machtwort vergessen werden.

Koalition steht auf dem Spiel: Dobrindt soll den Renten-Streit lösen

Dass bei dem Streit einiges auf dem Spiel steht, macht Merz im ARD-Interview am Sonntagabend deutlich. Er habe eine Meinung und vertrete jetzt nicht mehr die Opposition, führte der Kanzler aus. „Sondern ich bin der Regierungschef und ich muss dafür sorgen, dass diese Regierung zusammenbleibt.“ Dafür soll jetzt auch Dobrindt mit seinen zwei Mitstreitern sorgen. Sollte der CSU-Politiker auch mit diesem Vorhaben Erfolg haben, könnte sich Söders wichtigster Mann in Berlin auch für noch größere Aufgaben bewerben. Denn schon jetzt wird man den Eindruck nicht los: Während Merz immer wieder mit öffentlichen Aussetzern – wie zuletzt seinem Kommentar über die brasilianische Stadt Belem – für Aufsehen sorgt, bemüht sich Dobrindt als eine Art stiller „Schattenkanzler“ im Hintergrund darum, die Scherben aufzusammeln. (Quellen: Stern, Tagesspiegel, ARD, eigene Recherchen) (fdu)

Rubriklistenbild: © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

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