Das Rückgrat der russischen Offensive: der T-62-Kampfpanzer. Russland hatte nur wenige moderne Panzer für den Invasionskrieg eingesetzt, jetzt ist kaum noch einer übrig und produziert werden zu wenige. Russlands Armee muss jetzt mit Teilen aus dem Ausland Rostlauben restaurieren.
Die Anzahl der Kampfpanzer in Russland ist weiterhin unklar. Alle veröffentlichten Zahlen beruhen lediglich auf Schätzungen und beidseitiger Propaganda.
Moskau –„Russland hat bereits rund 9000 Panzer verloren“, schreibt das Verteidigungsministerium der Ukraine – die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) publiziert aktuell die Zahl mit der Vermutung, dass offenbar der Wunsch Vater dieses Gedankens sein könnte. Verschiedene Analysten klammern sich an den Gedanken, dass Russlands Panzer-Flotte tatsächlich schrumpft.
Putins Verluste an Panzern im Ukraine-Krieg: Dunkelziffer dürfte beachtlich sein
„Russische Panzerlagerbasen könnten eine Garagenkapazität von etwa 1600 Kampfpanzern haben und es ist schwer zu sagen, ob diese Lagerräume andere Fahrzeugtypen enthalten oder einfach leer sind“, schreibt Gjerstad. „Die Einschätzungen der Panzerproduktionsraten beruhen teilweise auf Annahmen, die auf den von Moskau veröffentlichten Zahlen beruhen“, wie er einräumt. Eine einigermaßen gesicherte Zahl ist das Minimum an Russlands Verlusten: 3600 hat die Statistik-Plattform Oryx gezählt, wie die F.A.Z. weitergibt – allerdings sind dort nur die anhand von Bildern dokumentierten Verluste verzeichnet. Die Dunkelziffer dürfte beachtlich sein.
„Die Russen müssten schon ziemlich verzweifelt sein, um in dem 46 Tonnen schweren Rosthaufen, der einst ein funktionsfähiger T-72 Ural war, etwas zu sehen, wofür es sich lohnt, Zeit und Geld auszugeben.“
F.A.Z.-Autor Giesel zitiert den britischen Thinktank Royal Services Institute, wonach Russland – noch – 225 Panzer pro Jahr neu produzieren könnte, von verschiedenen Modellen. Analyst Gjerstad hat versucht, an der Produktion des T-90-Kampfpanzers eine reale Einschätzung vorzunehmen. Allerdings kann kaum ein tatsächlicher jährlicher Ausstoß allein dieses Modells vorgenommen werden, weil diese Zahlen oder diese von offizieller Seite propagierten Mengen neben tatsächlichen Neubauten auch aufgehübschte ältere Modelle enthalten können sowie ursprünglich für den Export bestimmte und zurückgerufene Fahrzeuge.
Export-Panzer im Ukraine-Krieg: Russland steht Indien im Wort
Für den Exportmarkt bestimmte T-90-Panzer scheinen für den Einsatz in der Ukraine umgeleitet worden zu sein, und es existieren vermeintlich visuelle Beweise dafür, dass für Indien bestimmte T-90S-Kampfpanzer von russischen Streitkräften in der Ukraine eingesetzt wurden – das behauptete bereits anfangs des Jahres das Defenseblog. Bewiesen soll das dadurch gewesen sein, dass in Videos aufgetauchte T-90-Kampfpanzer englische Beschriftungen auf den Instrumententafeln zeigten.
Tatsächlich steht Russland Indien im Wort. Laut dem Magazin Defense News hatten die beiden Länder 2019 im Rahmen eines Technologietransfers vereinbart, mehrere Hundert T-90S-Panzer in Indien zu bauen – im Juli hat Analyst Bradford Thomas Duplessis aber gezweifelt, inwieweit Moskau noch über genügend Kapazitäten verfüge, um Indien mit den zugesagten Motoren und Getrieben für die T-90S-Panzer zu beliefern. Der Russland-Analyst der George Washington University sieht Russland in dem Dilemma, von Waffenexporten zu leben, aber eben zu wenig produzieren zu können, um beispielsweise den T-90 weiterhin zu exportieren und daran zu verdienen.
Allerdings scheint der Krieg zwischen Russland und der Ukraine neue Chancen zu bieten für Nordkoreas Panzerindustrie – bereits zu Anfang des Invasionskrieges häuften sich die Meldungen, nach denen Russland seine Bestände an T-72-Panzern, T-62-Modellen und sogar T-54 und T-55 Panzern aus befreundeten Ländern auffüllen beziehungsweise bestehende Flotten modernisieren musste, beispielsweise aus Belarus. Buchautor A.B. Abrams sieht Nordkoreas Chance erstens in der Lieferung eigener, moderner Modelle sowie in der Lieferung von Teilen alter Sowjetpanzer, wie er im Magazin The Diplomat aktuell schreibt.
Nordkorea als Teile-Lieferant für Russland: T-62 wird Hauptrolle des Ukraine-Krieges zugesprochen
„Die Rückkehr des T-62 an die vordersten Frontlinien der russischen Armee lässt auch die Möglichkeit aufkommen, dass man sich auf Nordkorea als Lieferant von 115-mm-Glattrohrgeschossen verlassen könnte, die von keiner anderen russischen Panzerklasse verwendet werden und deshalb möglicherweise nicht in nennenswerter Zahl auf Lager blieben, nachdem der größte Teil der T-62-Flotte verschrottet wurde“, vermutet Abrams.
Obwohl Nordkorea seit vermutlich 1990 mit dem Ch’ŏnma-ho einen eigenen Kampfpanzer produziert, ist dessen Basis weiterhin der T-62 – der als Derivat immer noch das Rückgrat der nordkoreanischen Panzertruppe bildet. „Da Nordkorea schätzungsweise über 1200 Exemplare besitzt, könnte sein Export Russland ermöglichen, seine Flotte von Panzern des Typs T-62 erheblich zu vergrößern“, schreibt Abrams. Auch das Magazin Forbes hat noch im Juli dieses Jahres dem T-62 die Hauptrolle des weiteren Verlaufs des Ukraine-Krieges zugesprochen: „60 Jahre alte T-62 werden bald die Hauptpanzer der russischen Armee“, titelte das Magazin.
Folgen der gnadenlosen Offensiven: Russlands Kapital an modernen Panzern nahezu verpulvert
„Die Reserven an T-80 und neueren T-72 gehen zur Neige, aber es gibt immer noch 1.100 T-62, die auf ihre Restaurierung und eine zweite Chance warten, Krieg zu führen“, schreibt Forbes-Autor David Axe. Da die Produktion neuer Panzer aufgrund des Mangels an Finanzen, Personal und Teilen gefährdet ist, müssen diese Gefechtsfahrzeuge aus den 1960er-Jahren in der russischen Armee Mitte der 2020er-Jahre zwangsläufig eine immer größere Rolle spielen.
Tatsächlich berichtet auch die F.A.Z. davon, dass Russland sein Kapital an modernen Panzern nahezu komplett verpulvert zu haben scheint. Aufgrund von Open-Source-Satellitenbildern soll die Flotte an T-90 zwischen dem Anfang des Krieges und heute komplett aufgerieben sein; von den ursprünglich angenommenen 1400 T-80-Kampfpanzern seien lediglich 303 noch zu lokalisieren. Die Masse der Gefechtsfeldkolosse bilde also in der Tat der T-62; der sei, so die Open-Source-Quellen, teils in erbärmlichem Zustand – manchen Exemplaren fehlten sogar der komplette Turm oder wenigstens die Kanone.
Russlands Chance im Ukraine-Krieg: Selbst ein Panzer, der völlig verrostet ist, kann gerettet werden
Insofern bekommt die These vom Teile-Lieferanten Nordkorea eine konkrete Basis. Anfang Juli hatte Forbes darüber berichtet, dass die russischen Panzer-Depots wahrscheinlich in dem Maße schrumpften, wie die Verzweiflung der Russen ob ihrer horrenden Verluste wachse. Forbes-Autor Axe stellte in dem Zusammenhang die Frage, was ökonomisch sinnvoller sei: einen neuen, modernen Panzer vom Band laufen zu lassen oder einem verrosteten Nachkriegs-Wrack noch Leben einzuhauchen zu versuchen.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
„Um es klar zu sagen: Selbst ein Panzer, der völlig verrostet ist, kann gerettet werden – wenn man den Rumpf abträgt und abschleift und fast alle Komponenten ersetzt, die nicht aus massivem Stahl bestehen“, schreibt Axe. Forbes stützt sich dabei auf Informationen des Bloggers „Highmarsed“, der auf X und YouTube Analysen zu Russlands Panzer-Kapazitäten veröffentlicht – die T-62 und die T-55 bleiben gefragt. Womöglich wegen ihres Verzichts auf zu viel – vermeintlich anfällige – Technik. Der T-72 nutzt anstelle eines vierten Soldaten einen Ladeautomaten für die automatische Nachführung von Geschossen.
„Die Russen müssten schon ziemlich verzweifelt sein, um in dem 46 Tonnen schweren Rosthaufen, der einst ein funktionsfähiger T-72 Ural war, etwas zu sehen, wofür es sich lohnt, Zeit und Geld auszugeben.“