Rechtsradikal und russlandfreundlich: TikTok-Star will Rumänien regieren
VonThomas Roser
schließen
Dass der rechtsradikale Calin Georgescu die erste Runde der Präsidentenwahl in Rumänien gewinnt, hatte niemand auf dem Zettel.
Bukarest – Viele Rumän:innen rieben sich am Montagmorgen verwundert die Augen. Mit der Kunde eines klaren Siegs des sozialistischen Premiers Marcel Ciolacu (PDS) in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl waren sie nach Bekanntgabe der ersten Nachwahlbefragungen ins Bett gestiegen. Mit der Nachricht seines Scheiterns wachten sie wieder auf.
Rumänien: Außenseiter Calin Georgescu gewinnt erste Runde der Präsidentenwahl
Den Etappensieg hat stattdessen ein rechtsextremer Außenseiter eingefahren, den vor dem Urnengang kein Umfrageinstitut im Blick gehabt hatte: Der unerwartete Wahltriumph des als unabhängiger Kandidat ins Rennen gegangenen Agrarwissenschaftlers Calin Georgescu hat im Karpatenstaat ein politisches Erdbeben ausgelöst.
Mit 22,95 Prozent der Stimmen distanzierte der 62 Jahre alte Newcomer den haushohen und tief gefallenen Umfragefavoriten Ciolacu (19,15 Prozent). Er musste beim Kopf- an Kopfrennen um den Einzug in die Stichwahl im letzten Moment auch noch die liberale URS-Chefin Elena Lasconi (19,17 Prozent) an sich vorbeiziehen lassen.
Regierungsparteien PNL und PSD erleben Wahldebakel
Dank seines Tiktok- und Facebook Wahlkampfs hängte der russophile Nato-Gegner die anderen zwölf Konkurrent:innen ab. In den Umfragen hatten sie noch weit vor ihm gelegen, wie der nationalistische AUR-Chef George Simion (13,87 Prozent), der konservative PNL-Chef Nicolae Ciuca (8,79 Prozent) oder der frühere stellvertretende Nato-Generalsekretär Mircea Geoana (6,32 Prozent).
Die Hoffnungsträger der Regierungsparteien PSD und PNL erlebten ein Debakel. Mehr als ein Drittel der Wähler stimmten für russophile Rechtsradikale. Als „mit Russland verbündeten Kandidaten“ feierte im fernen Moskau die Kreml-Agentur RIA Novosti den Überraschungssieger. Für viele Rumän:innen hingegen war der von Medien, Meinungsforschenden und der Konkurrenz meist ignorierte Ultranationalist Georgescu bisher ein weitgehend unbeschriebenes Blatt.
Georgescu huldigt Ion Antonescu und anderen Faschisten
Der 1962 geborene Agrarwissenschaftler studierte und promovierte in seiner Geburtsstadt Bukarest. Nach der Wende in Rumänien begann er seine berufliche Karriere 1991 als Berater im Umweltministerium des konservativen Premiers Theodor Stolojan. In den folgenden zwei Jahrzehnten machte er sich auch bei den Vereinten Nationen als Fachmann für nachhaltige Entwicklung einen Namen. 2011 und 2012 wurde Georgescu zeitweilig als potenzieller Nachfolger für den konservativen Premier Emil Boc gehandelt. Doch als der nationalistischen AUR 2020 der Einzug ins Parlament gelang, begann er sich als deren Premierkandidat als rechtsradikaler Heilsbringer einen Namen zu machen.
Seine Huldigung von Rumäniens Ex-Diktator Ion Antonescu und anderen Faschisten der 30er und 40er Jahre als „Helden“ bescherte ihm strafrechtliche Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft. Das ging AUR-Chef Simion zu weit. Statt Georgescu wie geplant zum EU-Ehrenpräsidenten zu ernennen, warf er ihn im Februar 2022 aus der Partei.
Verdacht der Wahlbeeinflussung durch Russland
AUR-Chef Marius Lulea erklärt das Ergebnis mit der Vorliebe von Protestwähler:innen für parteilose Kandidat:innen: „Es war eine Abstimmung gegen das System und gegen die Parteien – und wir sind eine Partei.“
Auf dem Weg nach Europa: Die Aufnahmekandidaten der EU
Der vermeintliche Dreiprozent-Kandidat Georgescu schob sich erst in der letzten Wahlkampfwoche an der Konkurrenz vorbei. Luleas Erklärung dafür bestärkt den Verdacht, dass Moskau – ähnlich wie in der benachbarten Republik Moldau – in Rumäniens Stimmenstreit kräftig mitgemischt haben könnte. Es sei letzte Woche auf Tiktok und Facebook zu einer „organisierten Online-Aktion“ mit verstärktem Bots- und Troll-Einsatz und der Hilfe „leistungsstarker Software“ gekommen, um die „öffentliche Meinung mit Hilfe gefälschter Konten zu manipulieren“, so Lulea gegenüber dem Portal hotnews.ro.
Premier Marcel Ciolacu steht vor dem Aus
Die Wahlverlierer üben mit Blick auf die Parlamentswahlen am kommenden Wochenende Katzenjammer, Wundenlecken und Schuldzuweisungen. Als PSD-Chef scheint Premier Ciolacu vor dem Ende zu stehen: Er hat nicht nur das schlechteste Ergebnis aller PSD-Präsidentschaftskandidaten in den letzten 20 Jahren eingefahren, sondern ist auch als erster PSD-Hoffnungsträger bereits in der ersten Wahlrunde gescheitert.
Wütende „Abtritt-, Abtritt-„Rufe erschallten in der Wahlnacht auch im Hauptquartier der PNL. Die Koalition mit dem Erzfeind PSD sei seiner Partei „teuer zu stehen gekommen“, so der PNL-Politiker Adrian Cozma. Er machte auch den scheidenden Präsidenten Klaus Johannis für das Wahldebakel verantwortlich.