VonKarsten-Dirk Hinzmannschließen
Die Ukraine wehrt sich mit allem, was sie hat, gegen Putins Vorstöße – verzweifelt. Mit gelenkten US-Geschossen hat sie einen weiteren Sieg errungen.
Kiew – „Der Kampf ist hier. Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, soll Wolodymyr Selensky gesagt haben, als ihm die USA angeboten hatten ihn aus Kiew zu evakuieren. Munition ist seither das Schlüsselwort im Kampf geworden. „Panzer stellen in der Ukraine eine entscheidende Form der Feuerunterstützung dar, was bedeutet, dass beide Seiten in hohem Maße auf hochexplosive und gelenkte Munition angewiesen sind“, schrieb Sam Cranny-Evans im vergangenen Jahr für das Magazin European Security & Defence (ESD). Der Ukraine-Krieg war da längst von einem Bewegungs- zu einem Stellungskrieg erstarrt.
Wladimir Putins Invasionstruppen begannen aus gut gesicherten Stellungen zu schießen – und die Ukraine versucht seitdem dagegenzuhalten. Offenbar ist ihr jetzt wieder ein entscheidender Schlag gelungen, wie ein Video in Sozialen Medien beweisen soll.
Ukrainische Artillerie hätte demnach eine feindliche Stellung zerstört mit einer präzisionsgelenkten Munition vom Typ M712 Copperhead, wie Defense Express berichtet. Abgefeuert hätte das Geschoss eine selbstfahrende Haubitze vom Typ M109A6 Paladin. Die 47. selbstständige mechanisierte Brigade Magura habe zum ersten Mal das amerikanische M712 Copperhead-Geschoss eingesetzt, schreibt das Magazin. Der Treffer auf einen Beobachtungsposten der russischen Armee soll auch daher rühren, dass das Geschoss über ein Laserleitsystem verfüge.
Trumpf im Ukraine-Krieg: Laserlenkung des Projektils gewährt eine kompromisslose Zielgenauigkeit
„Wie das Verteidigungsministerium betonte, gewährleistet die Laserlenkung des Projektils eine kompromisslose Zielgenauigkeit“, so Defense Express. Lockheed Martin sprach im Jahr 2020 von einer Revolution der Artillerie. Bis zur Einführung der Copperhead-(Kupferkopf)Granate hatte die Artillerie jeweils ihre Geschützrohre ungefähr in die Richtung des Ziels ausgerichtet und sich nach und nach auf das Ziel eingeschossen. Danach sollen zwar die Geschütze an Kraft und damit an Reichweite gewonnen haben, ohne aber gleichzeitig an Genauigkeit zuzulegen.
„Durch den Einsatz kleiner, aber unglaublich widerstandsfähiger neuer Gyroskope und Computer waren die Copperheads in der Lage, der außergewöhnlichen Kraft einer Kanone standzuhalten, einem Stoß, der etwa 8.000 Mal so hoch war wie die Erdanziehungskraft“
Erst gelenkte Projektile brachten den Kanonieren eine entscheidende Treffsicherheit – bis 1975 Martin Marietta das weltweit erste kanonengestützte Lenkprojektil (GLCP) mit dem Spitznamen Copperhead entwickelt hatte, wie Lockheed Martin auf der Firmenwebsite darstellt. „Durch den Einsatz kleiner, aber unglaublich widerstandsfähiger neuer Gyroskope und Computer waren die Copperheads in der Lage, der außergewöhnlichen Kraft einer Kanone standzuhalten, einem Stoß, der etwa 8.000 Mal so hoch war wie die Erdanziehungskraft“, so das Unternehmen.
Eines der Merkmale der Copperheads sind dessen ausklappbare Flügel und Steuerflossen, die dem Geschoss ermöglichen entlang einer Linie des Lasers das Ziel zu erreichen. Ein wichtiges Kriterium für den Erfolg der Ukraine – der wahrscheinlich darin begründet ist, dass Russland trotz vieler Offensiven den Krieg noch lange nicht für sich entschieden hat. Die Topographie der Ukraine macht Sam Cranny-Evans für die Notwendigkeit „smarter“ Artilleriemunition verantwortlich – die Weite des Raumes; und der allgemeine Mangel an Fahrzeugen.
Russland im Fadenkreuz: Copperhead ist eine zur Bekämpfung gepanzerter Fahrzeuge gedachte Granate
Für den ESD-Autoren führte das dazu, dass sich direkte Duelle zwischen Kampfpanzern eher selten ereigneten; insofern „sind die panzerbrechenden, flügelstabilisierten Treibspiegelgeschosse (Armour-piercing fin-stabilized discarding sabot – zu Deutsch umgangssprachlich: Wuchtgeschosse) die seit einer Generation Panzer-gegen-Panzer-Gefechte prägen und definieren, nicht die wichtigsten großkalibrigen Geschosse, die von Panzerfahrzeugen im Krieg eingesetzt werden“, schreibt Cranny-Evans. Deren Rolle werde eingenommen von Gun Launched Anti-Tank Guided Missile (GLATGM – zu Deutsch: von Kanonen verschossenen Panzerabwehr-Raketen). Copperhead ist ein Beispiel dafür.
Ende vergangenen Jahres berichtete das ukrainische Magazin Militarnyi davon, dass die Copperhead eingesetzt würden: eine mit einem konventionellen Sprengkopf oder Splittersprengkopf zur Bekämpfung gepanzerter Fahrzeuge ausgestattete Granate. Das Geschoss wird abgefeuert von konventionellen 155-mm-Haubitzen und wirkt in einer Reichweite zwischen drei und 16 Kilometern. Gelenkt würde das Geschoss mittels eines Zielmarkierers vom Typ Leonardo 163.
Der in Edinburgh sitzende Hersteller realisiert mit dem Leonardo 163 ein etwas mehr als zwei Kilogramm schweres Gerät auf einem Dreibein, dass ein Ziel über eine Entfernung von zehn Kilometern markieren kann und nicht nur Artillerieverbänden nützt, sondern auch abgesessenen Einheiten im Feld. Mehr als 19 Nato-Staaten sollen den Markierer nutzen. Der Beschuss der Stellung erfolgt im Groben dergestalt, dass der Markierungs-Trupp das Ziel anvisiert, die Koordinaten an die Artillerieeinheit übermittelt und dann die Granate mit den Informationen speist; die Markierer halten so lange auf das Ziel, bis die Granate einschlägt.
Von Stellung zu Stellung: Der Krieg in der Ukraine ist längst zu einem Artilleriekrieg geworden
Das Copperhead-Projektil sei ursprünglich im Golfkrieg 1991 vom US-Militär eingesetzt worden, schreibt Army Recognition, seine Produktion sei jedoch vor Jahrzehnten eingestellt worden; die Vereinigten Staaten hielten jedoch Berichten zufolge 1995 einen Vorrat von etwa 20.000 Einheiten, so das Magazin. Wie viele Granaten die Ukraine bekommen hast, ist allerdings fraglich. Fakt ist, dass die Ukraine außer Kräften einen riesigen Bedarf an Munition hat – für das Unterstützungsfeuer der Artillerie wird die Copperhead allerdings zu speziell sein. Vor allem, weil sie ohne Zielmarkierer blind ist und insofern immer auf einen Markierungstrupp angewiesen.
Der Krieg in der Ukraine sei längst zu einem Artilleriekrieg geworden, hatte bereits Anfang 2023 Mark F. Cancian geschrieben. Stabile Frontlinien, zunehmend effektivere Kill Chains (zu Deutsch: strukturierte Angriffe) und ein reduzierter Spielraum für Luftstreitkräfte hätten eine Umgebung geschaffen, in der die Feuerkraft am Boden besser sei als die Manövrierfähigkeit, hatte der Analyst des Thinktanks Center for Strategic and Security Studies geschrieben. Während Waffen wie das High Mobility Artillery Rocket Systems (HIMARS) und Javelins die meiste Medienaufmerksamkeit erhalten hätten, habe die Artillerie durch die Intensität ihres Einsatzes bewiesen, dass sie immer noch die „Königin der Schlacht“ sein, wie Cancian festhält.
The 47th Mechanized Brigade has used the M712 Copperhead for the first time.
— Defense of Ukraine (@DefenceU) February 15, 2025
How does it work?⁰✅ Laser-guided for uncompromising accuracy⁰✅ Wipes out enemy HQs, ammo depots, strongpoints, and hidden vehicles⁰✅ Most importantly—jamming-proof. No escape for the occupier pic.twitter.com/J3yFd1B9SO
Aber diese Königin ist eher eine Verwalterin des Mangels. Das ist heute so, wie das am Anfang des Ukraine-Krieges gewesen ist. Cancian notiert, dass die Ukraine mit 1.150 Haubitzen aus der Sowjetzeit in den Krieg gezogen sei. Dazu seien nach und nach noch mehrere Hundert Haubitzen der Nato-Unterstützer gekommen. „Das mag zwar viel erscheinen, ist aber angesichts des Mangels an Munition sowjetischen Standards, der Länge der Frontlinien und der Größe der ukrainischen Streitkräfte unzureichend“, hatte Cancian geurteilt. Die Lage ist weiterhin unbefriedigend für die Verteidiger.
Putins Albtraum Paladin: „Wenn die Infanterie Hilfe braucht, gibt es keinen Raum für Einsparungen“
Die M109A6 Paladin ist eine Selbstfahrlafette aus US-amerikanischer Produktion; in der Funktion ähnlich wie die Panzerhaubitze 2000 der Bundeswehr. Die USA hatten der Ukraine im Anfang 2023 insgesamt 18 Paladine versprochen. Im Rahmen einer privaten Kaufvereinbarung hatte die Ukraine außerdem weitere Paladine aus Italien, Lettland, Norwegen und Großbritannien erhalten, wie das Magazin The War Zone (TWZ) berichtet hat. Obwohl die Paladin standardmäßige 155-mm-Haubitzengranaten mit einer Reichweite von bis zu 24 Kilometern abfeuern könne, verwendeten die Ukrainer diese Waffen, um Ziele in weniger als zehn Kilometer Entfernung zu treffen,
Christian Lindner beim WahlFORUM des Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA – die Bilder der Veranstaltung




Der ukrainische Nachrichtensender United24 Media hatte darüber mit Kräften der 47. selbstständigen mechanisierte Brigade Magura über die Vorteile der Waffe gesprochen – die gleiche Einheit hat jetzt auch den erfolgreichen Schlag gegen die russische Stellung geführt. Normalerweise feuere eine Paladin Streumunition ab – die Nutzung einer Copperhead verlangt schon ein besonderes Ziel; aber eingangs des Krieges sei auch genug Munition für 50 bis 100 Schuss pro Tag vorhanden gewesen. 2023 hatte die Ukraine auch noch an ein schnelles Ende dieses Krieges geglaubt, wie United24 vollmundig behauptet hatte: „Wenn die Infanterie Hilfe braucht, gibt es keinen Raum für Einsparungen.“
