Russland reagiert auf Trumps Kehrtwende: „Haben keine Alternative“
VonChristoph Gschoßmann
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Trumps Kurswechsel überrascht Moskau. Kreml-Sprecher Peskow kontert mit einer Bären-Metapher und macht eine deutliche Ansage zum Krieg.
Moskau – Russland zeigt sich sichtlich irritiert über Donald Trumps plötzlichen Kurswechsel in der Ukraine-Politik. Der Kreml kontert mit einer Mischung aus Spott, Trotz und der klaren Botschaft: An den Kriegszielen ändert sich nichts. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow machte am Mittwoch unmissverständlich klar, dass Russland seine Militäroffensive fortsetzen wird. „Wir tun dies für die Gegenwart und Zukunft unseres Landes. Für viele kommende Generationen. Daher haben wir keine Alternative“, erklärte er laut Kyiv Post und Moscow Times in einem Radiointerview mit RBC Radio.
Diese trotzige Haltung richtet sich direkt gegen Trumps überraschende Wende. Der US-Präsident hatte nach seinem Treffen mit Wolodymyr Selenskyj am Rande der UN-Vollversammlung erklärt, die Ukraine könne mit europäischer Unterstützung ihr gesamtes Territorium zurückerobern. Besonders getroffen zeigt sich Moskau von Trumps Bezeichnung Russlands als „Papiertiger“. Peskow konterte mit einer bildreichen Antwort: „Russland ist kaum ein Tiger. Es wird öfter mit einem Bären assoziiert. Und so etwas wie einen Papierbären gibt es nicht. Russland ist ein echter Bär.“ Der Kyiv Independent analysierte, dass russische Beamte Trumps Äußerungen herunterzuspielen suchten, während sie gleichzeitig den US-Präsidenten verspotteten.
Russische Staatsmedien verspotten Donald Trump
Die russischen Staatsmedien reagierten laut Bildmit Spott auf Trumps Kehrtwende. „Wie soll man das verstehen?“, fragte die Komsomolskaja Prawda und höhnt: Donald Trump wirke „wie ein Kind, dem man das gewünschte Spielzeug nicht gekauft hat, und das nun einen Tobsuchtsanfall bekommt“. Allerdings will die Zeitung abwarten, ob den Worten auch Taten folgen werden. Im Moskowski Komsomolez wird vermutet, dass das Scheitern der Friedensgespräche sowie die Luftraum-Verletzungen durch Drohnen und Kampfjets den US-Präsidenten provoziert hätten. Die Zeitung sieht allerdings keine Anzeichen dafür, dass die USA die Ukraine nun stärker unterstützen könnten und spekuliert über eine US-Strategie: „Den Konflikt von außen beobachten, finanziell profitieren und abwarten, bis Moskau selbst an Verhandlungen interessiert ist.“
Russische Propagandisten interpretierten Trumps Kehrtwende als kalkulierte Strategie. Der Militär-Korrespondent und Propagandist Alexander Kots schreibt laut Bild, dass Trump genau wisse, dass die Ukraine ihre Gebiete niemals zurückerobern werde. Die rhetorische Wende sei ein Versuch, „geschickt zu lavieren – um sich weder mit Putin zu zerstreiten, noch von den Nato-Verbündeten für schwach gehalten zu werden“. Der Parlamentsabgeordnete Andrey Gurulyov schreibt laut der Zeitung außerdem auf Telegram, dass es Trump vor allem um die US-Wirtschaft gehe und er versuche, sie mit allen Mitteln zu stärken. Darin sieht der Russe auch das Ziel des US-Präsidenten, Waffen für die Ukraine an andere Nato-Staaten zu verkaufen: „Unsere Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass Amerika nicht wieder groß wird“.
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Ukraine-Krieg: Moskau weist Ukraine-Rückeroberung kategorisch zurück
Peskow zeigte sich kämpferisch bei der Bewertung der militärischen Lage. „Die Idee, dass die Ukraine etwas zurückerobern kann, ist aus unserer Sicht falsch“, erklärte er. Die Dynamik an den Fronten spreche eine andere Sprache. Der Kreml behauptete zudem, dass russische Truppen an allen Fronten in der Ukraine vorrückten und wies Trumps Einschätzungen über eine mögliche ukrainische Rückeroberung zurück. Den plötzlichen Sinneswandel des US-Präsidenten führt der Kreml auf dessen Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten zurück. „Natürlich hat Trump Selenskyjs Version gehört von dem, was passiert“, sagte Peskow. Diese Version sei offensichtlich die Grundlage für Trumps neue Äußerungen gewesen. Russische Beamte versuchten, die Bemerkungen als geschäftsbedingt und durch Selenskyjs Einfluss motiviert darzustellen.
Obwohl Peskow Trumps Vorwürfe über Russlands wirtschaftliche Schwierigkeiten zurückwies, räumte er Herausforderungen ein. „Russland bewahrt seine makroökonomische Stabilität“, betonte er, verwies aber auf „Spannungen in verschiedenen Wirtschaftssektoren“ durch westliche Sanktionen. Trump wies auf die jüngste Welle ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Energieanlagen hin, die zu Treibstoffengpässen und Rekordpreisen in Russland geführt haben.
Diplomatische Enttäuschung über Trump in Russland
Besonders ernüchternd für Moskau: Peskow zeigte sich pessimistisch bezüglich der diplomatischen Fortschritte mit Washington. Die Annäherungsversuche seit Trumps Amtsantritt hätten „nahe null“ Ergebnisse gebracht. Trumps Kommentare stehen im starken Kontrast zum roten Teppich, den er für Putin bei einem Gipfel in Alaska im vergangenen Monat ausrollen ließ. Außerdem will Trump russische Kampfjets, die NATO-Luftraum verletzen, künftig abschießen lassen.
Trotz der internationalen Kritik inszeniert sich Moskau weiterhin als militärisch erfolgreich. Peskow verwies auf die anhaltenden Geländegewinne russischer Truppen und betonte, dass sich die ukrainische Lage täglich weiter zuspitze. „Sie sollten nicht vergessen, dass sich die ukrainische Lage mit jedem Tag verschlechtert, an dem sie nicht zu Gesprächen bereit ist“, warnte der Kreml-Sprecher.
Verzögerte russischen Reaktion sorgt für Aufsehen: „Wäre seltsam“
Auch der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew, der bereits öffentlich mit Trump aneinandergeraten ist und für seine provokanten Äußerungen bekannt ist, erklärte, der US-Präsident sei „in einer alternativen Realität gelandet“. Bemerkenswert war auch das Timing der russischen Reaktion. Peskow erklärte die verzögerte Antwort des Kremls auf Trumps Aussagen mit den Worten: „Als Trump seine Äußerungen machte, war es in Moskau bereits dunkel. Es wäre seltsam, wenn der Kreml nachts reagieren würde“. Diese Begründung sorgte für Spott, da Russland die Ukraine regelmäßig mit nächtlichen Drohnenangriffen überzieht. Die Ironie dieser Aussage verdeutlicht die Verlegenheit, in die Moskau durch Trumps Kehrtwende geraten ist.
Trotz der kämpferischen Rhetorik betonte Peskow, dass Putin „offen für die Suche nach einer friedlichen Lösung des Konflikts“ sei. Gleichzeitig warnte der Kreml-Sprecher, dass sich die Situation seit Frühjahr 2022 grundlegend verändert habe und Kiews Position nun „viel schwächer“ sei. Trotz Trumps neuer Haltung signalisiert der Kreml quasi keine Kompromissbereitschaft. (Quellen: AFP, Kyiv Post, The Moscow Times, Kyiv Independent, Bild) (cgsc)