Tomahawks für Russland? USA diskutieren Einsatz im Ukraine-Krieg
VonMax Nebel
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US-Präsident Donald Trump stellt erstmals Marschflugkörper für Kiew zur Debatte. Damit könnte die Ukraine Moskau direkt bedrohen. Der Kreml warnt.
Washington, D.C. – In Washington wird derzeit über eine mögliche Lieferung von Tomahawk-Marschflugkörpern an die Ukraine beraten. Die Diskussion hat das Potenzial, den bisherigen Kurs der US-Regierung im Ukraine-Krieg grundlegend zu verändern. Erstmals steht damit ein Waffensystem zur Debatte, das nicht nur taktisch, sondern auch strategisch in der Lage wäre, Russlands militärische Infrastruktur tief im Landesinneren zu treffen.
Ein US-Zerstörer beim Abschuss einer Tomahawk-Rakete vor der Küste Kaliforniens. Die Marschflugkörper könnten bald auch in der Ukraine zum Einsatz kommen – Washington berät über eine mögliche Lieferung.
Die Debatte kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Russland seine Angriffe auf ukrainische Städte massiv intensiviert. Allein am Wochenende wurden mehr als 600 Drohnen und Raketen auf die Hauptstadt Kiew und andere Regionen abgefeuert. Vier Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Vor diesem Hintergrund wächst der Druck auf die USA, der Ukraine weitreichendere Mittel zur Verteidigung und Gegenwehr bereitzustellen.
Attacken auf Russland: Warum die Tomahawks die Wunderwaffe gegen Putin sein sollen
Die Tomahawk-Raketen, die eine Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern haben, gelten als eine der leistungsfähigsten Waffen im Arsenal der USA. Sie könnten es der Ukraine ermöglichen, nicht nur russische Stellungen nahe der Front, sondern auch strategisch wichtige Ziele wie Munitionsdepots, Kommandozentralen oder Industrieanlagen im Landesinneren zu treffen. „Die Ukraine hat ein operatives Erfordernis, Russlands mittleres und tiefes Hinterland zu treffen“, erklärte George Barros vom „Institute for the Study of War“ gegenüber der Kyiv Post.
Bisherige ukrainische Systeme seien für solche Schläge unzureichend, weil Reichweite und Sprengkraft nicht ausreichen würden. Tomahawks könnten hingegen auch stark gesicherte Ziele zerstören. Barros betonte, die Waffe sei kein Allheilmittel, aber eine entscheidende Ergänzung, um die russische Logistik dauerhaft zu schwächen.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Tomahawks im Ukraine-Krieg: Strategische Wirkung auf Russlands Logistik
Der Analyst Colby Badhwar von der Forschungsgruppe „Tochnyi“ verwies in der Kyiv Post ebenfalls auf die strategische Dimension: Es gehe weniger um Geländegewinne in Russland, sondern um die Zerstörung von Nachschubwegen und die Bindung russischer Luftverteidigung. „Die Relevanz der Tomahawks liegt nicht im taktischen oder operativen Effekt an der Front, sondern in ihren strategischen Implikationen“, sagte er.
Sollte die Ukraine diese Fähigkeiten erhalten, müsste Russland seine Versorgung weiter ins Hinterland verlagern. Das würde die Frontversorgung erheblich erschweren und könnte die Dynamik des Krieges langfristig beeinflussen.
Trump vollzieht Kurswechsel im Ukraine-Krieg – Russland reagiert alarmiert
Brisant ist, dass US-Präsident Donald Trump diese Waffenlieferung wohl ernsthaft erwägt. Lange hatte er jede Eskalation vermeiden wollen, doch zuletzt bezeichnete er Russland als „Papiertiger“ und erklärte, die Ukraine könne ihre Grenzen von 1991 zurückerobern.
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow versuchte die Wirkung der neu diskutierten US-Waffen herunterzuspielen. Er sagte am Montag (29. September) gemäß der BBC, man verfolge die Berichte „sehr genau“, doch es gebe „keine Wunderwaffen, ob Tomahawk oder andere, sie werden die Dynamik nicht ändern“.
Technische Details Tomahawk
Merkmal
Daten und Beschreibung
Länge
5,56 m (ohne Booster), 6,25 m (mit Booster)
Durchmesser
51,8 cm
Gefechtskopf
Splittergefechtskopf, panzerbrechend, Streumunition oder theoretisch nuklear (nicht mehr im Einsatz)
Reichweite
Bis zu 2.500 km (je nach Typ ca. 1.670–2.500 km)
Antrieb
Turbofan-Triebwerk mit Feststoffbooster für den Start
Startplattformen
Kriegsschiffe, U-Boote, strategische Bomber (für die Ukraine aktuell problematisch, da Startgeräte fehlen)
Steuerung und Navigation
Inertiales Navigationssystem, GPS, Radarbildabgleich (DSMAC), Terrainvergleich (TERCOM) für hohe Zielgenauigkeit
Geschwindigkeit
Unterschall, ca. 880 km/h
Genauigkeit
Streukreisradius (CEP) ca. 5 Meter
Kosten
Ca. zwei Millionen US-Dollar pro Stück (Block V)
Besonderheit
Sehr präzise Angriffe aus großer Entfernung bei gleichzeitig niedriger Flughöhe, schwer abzufangen
Vance und Kellogg bestätigen Beratungen zu Tomahawk-Lieferungen im Weißen Haus
US-Vizepräsident JD Vance bestätigte am Sonntag, dass die Tomahawk-Frage aktuell „in Gesprächen“ sei. „Der Präsident wird die endgültige Entscheidung treffen“, sagte er im Interview, so CBS News. Auch der Sondergesandte für die Ukraine, Keith Kellogg, deutete an, dass Washington bereits grünes Licht für vereinzelte Langstreckenangriffe gegeben habe: „Es gibt keine Schutzräume.“
Später relativierte Kellogg diese Aussage. Er habe lediglich über öffentliche Diskussionen gesprochen und keine internen Informationen weitergeben wollen. Dennoch lobte er die Tomahawks laut RBC Ukraine als „sehr fortschrittliches Raketensystem“, das im Verlauf des Ukraine-Kriegs entscheidend sein könne.
Ukrainische Forderungen bei UN-Treffen – Russland intensiviert Angriffe
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj brachte die Forderung nach Tomahawks bei einem Treffen mit Trump am Rande der UN-Generalversammlung in New York ein, berichtete Euronews. Hintergrund ist die Eskalation russischer Luftangriffe. In einer zwölfstündigen Attacke auf Kiew am Sonntag feuerten russische Streitkräfte eine Rekordzahl an Drohnen und Raketen ab, viele davon auf zivile Ziele.
„Wenn die Kosten für Moskau zu hoch werden, wird es zu Verhandlungen gezwungen sein“, erklärte der ukrainische Vize-Verteidigungsminister Iwan Gawryljuk gegenüber der BBC. Der Einsatz von Tomahawks könnte also nicht nur militärisch, sondern auch politisch Druck auf den Kreml aufbauen.
Ukraine-Krieg: Europas Rolle im Hintergrund
Ein Teil der geplanten Waffenlieferungen soll über ein neues Modell finanziert werden, das Trump im Sommer durchgesetzt hatte: Europäische NATO-Partner übernehmen die Kosten für US-Waffen an die Ukraine. Vance nannte dies gemäß CBS News ein Zeichen, dass Europa mehr Verantwortung tragen würde. Bisher sagten europäische Staaten und Kanada rund zwei Milliarden US-Dollar zu.
Während Kiew seine Eigenproduktion von Drohnen und Raketen stetig ausbaut, bleibt es vorerst auf westliche Unterstützung angewiesen. Selenskyj betonte, dass Tomahawks nicht nur für die Ukraine von Bedeutung seien: Sie könnten auch verhindern, dass russische Drohnen und Raketen zunehmend EU-Gebiet bedrohen. (Quellen: Kyiv Post, euronews, CBS News, BBC, RBC Ukraine) (chnnn)