Krise des Gesundheitswesens

Sunaks Haltung zum NHS: Bis zu 500 vermeidbare Tote – aber keine Krise?

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  • Alexander Eser-Ruperti
    Alexander Eser-Ruperti
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Das staatliche Gesundheitssystem in Großbritannien ist in Not. In großer Not. In der Regierung erkennt man Probleme an, eine Krise will man dennoch nicht sehen.

Update vom 08. Januar 2023 um 15:00 Uhr: Premierminister Sunak verweigert Angaben zur Beziehung seiner Gesundheitsleistungen. In einem BBC-Interview am Sonntag sagte Sunak, dass er solche Angaben „privat“ halten möchte. BBC Journalistin Laura Kuenssberg zufolge hat die Öffentlichkeit allerdings großes Interesse, ob der britische Premierminister Leistungen des staatlichen Gesundheitssystem NHS (National Health Service) bezieht oder Leistungen eines Privatarztes in Anspruch nimmt. Ehemalige Regierungsführer, wie Margaret Thatcher, hätten dies offengelegt, so Kuenssberg. Politiker Wes Streeting zufolge ist Sunaks Aussageverweigerung ein Zeichen, dass der Premierminister kein Verständnis für die Krise des NHS hat. Zuletzt hatte Sunak im BBC-Interview zwar anerkannt, dass das NHS „unter enormen Druck“ leide, man aber das „Problem in den Griff bekommen“ werde.

Erstmeldung vom 04. Januar 2023 um 09:58 Uhr: London – Die tiefe Krise des nationalen Gesundheitssystems NHS in Großbritannien als solche zu erkennen, erfordert wenig Expertise, denn die Probleme sind offensichtlich. Das ZDF titelte schoin im November letzten Jahres „NHS in Gefahr: Britisches Gesundheitssystem kollabiert“. In seinem Artikel bezieht sich der Sender auf eine Statistik, nach der in Großbritannien bei einem von vier Notrufen kein Krankenwagen kommt. Überarbeitete und unterbezahlte Rettungsdienst-Mitarbeitende versuchen verzweifelt auf ihre Lage aufmerksam zu machen.

Einer vermeidet es indes, von einer Krise zu sprechen: Premier Rishi Sunak.

Ärger über Rishi Sunak: Großbritanniens Premierminister vermeidet Anerkennung der Krise

Die Lage des NHS ist wohl das Paradebeispiel eines Gesundheitssystems in der Krise. Rishi Sunaks Weigerung, dies anzuerkennen, sorgt in Großbritannien für Ärger. Ein Sprecher des Premiers hatte lautGuardian auf die Frage, ob das Gesundheitssystem in der Krise stecke, mit „Nein“ geantwortet. Stattdessen erklärte er: „Dies ist sicherlich eine noch nie dagewesene Herausforderung für den NHS, die durch eine Reihe von Faktoren verursacht wurde, vor allem durch die weltweite Pandemie.“ Und weiter: „Wir sind zuversichtlich, dass wir dem NHS die nötigen Mittel zur Verfügung stellen, um diese Probleme zu bewältigen, wie wir es auch während der Pandemie getan haben.“

Das staatliche Gesundheitssystem NHS steckt in der Krise – Rishi Sunak äußert sich allerdings unklar. (Symbolbild)

Der Sprecher räumte zumindest großen Druck auf das Gesundheitssystem ein und bekannte, viele Menschen gerieten dadurch in große Schwierigkeiten. In der britischen Öffentlichkeit fragt man sich derweil, wie eine Regierung eine Krise lösen soll, die sie nicht als solche anerkennt. Britische Medien berichten unter Berufung auf Ärzte, in Großbritannien könnte es durch den erschwerten Zugang zu medizinischer Versorgung bis zu 500 vermeidbare Todesfälle geben – pro Woche. Eine Krise wollen die Tories darin scheinbar nicht erkennen.

Ärzte verärgert über Sunaks Nicht-Anerkennung der Krisenlage im NHS

Die Wut der Angestellten des Gesundheitswesens über den Umgang der Regierung mit der Situation ist groß. Der Vorsitzende des Beraterausschusses der British Medical Association, Dr. Vishal Sharma, findet gegenüber dem Guardian klare Worte: „Die Weigerung von Nr. 10, zuzugeben, dass sich der NHS in einer Krise befindet, erscheint den Mitarbeitern des NHS und den Patienten, die verzweifelt versuchen, Zugang zu medizinischer Versorgung zu erhalten, schlichtweg wahnhaft.“

Der Versuch, uns zu versichern, dass die Minister zuversichtlich sind, dass der NHS über alle notwendigen Mittel verfügt, und das zu einer Zeit, in der Familien sehen, wie Angehörige mit Schmerzen zu Hause oder auf Rollwagen im Krankenhaus zurückgelassen werden, verkauft die Öffentlichkeit für dumm.

Dr. Vishal Sharma, Vorsitzender des Beraterausschusses der British Medical Association

Sharma weiter: „Der Versuch, uns zu versichern, dass die Minister zuversichtlich sind, dass der NHS über alle notwendigen Mittel verfügt, und das zu einer Zeit, in der Familien sehen, wie Angehörige mit Schmerzen zu Hause oder auf Rollwagen im Krankenhaus zurückgelassen werden, verkauft die Öffentlichkeit für dumm.“ Die Tories, deren Zustimmungswerte im Keller sind, machen sich mit ihrer Unklarheit nicht nur bei den Angestellten des Gesundheitswesens unbeliebt, sondern auch bei vielen Patienten, die derzeit selbst schmerzhaft erfahren, wie sich die Krise anfühlt.

Streiks in Großbritannien erfassen auch NHS: Mitarbeitende versuchen auf Situation aufmerksam zu machen

In Großbritannien hatte es aufgrund der sozialen Situation im Land zuletzt eine massive Protestwelle gegeben, die auch das staatliche Gesundheitssystem NHS erfasste. Die Beschäftigten des Gesundheitsdienstes, die täglich großem Druck ausgesetzt sind, fordern bessere Arbeitsbedingungen und gerechtere Bezahlung. Ihnen dürften die Äußerungen der Regierung wie blanker Hohn erscheinen.

Auch der Brexit hat den Personalmangel im Gesundheitswesen verschärft. Derweil plant die Regierung einen Angriff auf das Streikrecht bei der Bahn. Kritiker befürchten, neue Regelungen könnten sich zudem bald auf den gesamten öffentlichen Sektor ausweiten und damit ebenso das Recht der NHS-Mitarbeitenden einschränken, für Verbesserungen zu streiten. Die Krise des NHS ist zugleich eine Krise der Tories – die Zeiten in Großbritannien bleiben unruhig.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Velar Grant

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